Havarie

Ein Geisterschiff nimmt Kurs auf die Küste

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Qualm steigt am 20.07.2012 vom brennenden deutschen Containerschiff „Flaminia“ auf dem Atlantik auf, jetzt treibt das Schiff auf die britische Küste zu.

Cuxhaven - Keiner will das Geisterschiff haben. Seit Wochen wird die "MSC Flaminia" nach einer Havarie über den Atlantik gezogen, nun soll sie zurück in die Nordsee.

Über einen Monat dauerte die Irrfahrt der „MSC Flaminia“. Ohne Mannschaft an Bord, mit brennender Ladung, wurde sie ohne Ziel durch den Atlantik geschleppt. Ein Geisterschiff, 300 Meter lang, 40 Meter breit. Jetzt soll es in die Nordsee gebracht werden, die Ankunft vor Niedersachsen wird in vierzehn Tagen erwartet.

„Das Schiff ist dem deutschen Havariekommando in Cuxhaven zur Koordinierung unterstellt worden“, teilte die Reederei Niederelbe Schifffahrtsgesellschaft (NSB) in Buxtehude mit. Es wurde höchste Zeit. Zwar konnte der Großbrand an Bord des havarierten Frachters gelöscht werden. Sein Innenleben ist jedoch schwer mitgenommen. Die Schäden sind offenbar so gravierend, dass die Reederei zuletzt öffentlich vor der labilen Situation des Schiffes warnte. „Der Stahl hat sich stark verändert“, sagte Unternehmenssprecherin Bettina Wiebe. Den Zustand des Schiffes bezeichnete sie als „lädiert“.

Das Wrack droht zu sinken. Eine Schlechtwetterfront zog gestern über den Gewässern westlich des Ärmelkanals auf, genau über der „MSC Flaminia“. Sie liegt zurzeit im offenen Atlantik 450 Seemeilen vor der britischen Küste. Wiebe: „In Küstennähe wäre der Wellengang und die damit verbundene Gefahr für den Frachter deutlich geringer.“ Französische Meeresschützer fordern in einem offenen Brief an die Regierung in Paris, alles zu unternehmen, um einen Untergang zu verhindern.

Schließlich hat die mit knapp 3000 Containern beladene „Flaminia“ auch Gefahrgüter geladen. Welche, wollte die Reederei bisher nicht mitteilen. Es wird jedoch vermutet, dass womöglich falsch deklarierte Ladung das Unglück ausgelöst hat, bei dem Mitte Juli ein Besatzungsmitglied ums Leben kam, drei Matrosen schwer verletzt wurden und ein Mann vermutlich über Bord gegangen ist, der seitdem vermisst wird.

Wohl aufgrund der großen Ungewissheit wollte bislang kein Hafen den brennenden Frachtriesen, der unter deutscher Flagge fährt, aufnehmen. Weder in England noch in Frankreich, noch in anderen europäischen Staaten. „Da der Flaggenstaat für die Seetüchtigkeit des Schiffes verantwortlich ist und auch dafür, dass vom Schiff keine Gefahr ausgeht, wird es jetzt in die Nordsee nach Deutschland geschleppt“, berichtet Ulrike Windhövel, Sprecherin des Havariekommandos in Cuxhaven. Dort gehe das Schiff zunächst auf Reede, um von Spezialisten begutachtet zu werden. Bislang hat die niederländische Bergungsfirma Smit das Schiff an den Haken genommen und es ziellos durch den Atlantik geschleppt.

Der Entscheidung, das Schiff wieder nach Deutschland zu holen, gingen lange diplomatische Bemühungen voraus. Denn obwohl eigentlich nach einer EU-Verordnung im Falle eines Unglückes ein Notliegeplatz bereitgestellt werden müsste, fand sich nach Windhövels Worten kein Staat dazu bereit. „Dazu müsste sich allerdings das Unglück in nationalen Gewässern ereignet haben, was bei der Flaminia nicht der Fall war.“ So griff schließlich das Bundesverkehrsministerium ein.

Gesucht wird nun eine seichte Stelle in der Nordsee in Küstennähe. Die Reederei hat das Unglück als „schwere Havarie“ eingestuft - eine Ausnahmeregelung, mit der die Finanzierung der langwierigen Rettungsmission sichergestellt werden soll. Alle Beteiligten, unter anderem der Charterer MSC und die Ladungsbesitzer, werden an den Kosten beteiligt.

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