Umstrittenes Medikament

Die Generation Ritalin wird erwachsen

+
„Das bleibt mir jetzt wohl ein Leben lang“: Jasper Schlicker ist ADHS-Patient – noch immer wird seine Krankheit oft als medizinische Modediagnose belächelt, doch für Betroffene ist sie ein Fluch.

Gifhorn - ADHS? Die Krankheit verschwindet nach der Pubertät von allein – so dachte man lange. Die Geschichte eines großen Irrtums.

Jasper Schlicker war zehn Jahre alt, als die Diagnose feststand. Es war kein erfreulicher Befund. Jasper hatte ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit-Störung, das stand nun fest. Dennoch ging kein Schock von diesem Befund aus, nicht für ihn, nicht für seine Mutter. Denn immerhin gab es ja nun auch eine Therapie.

Etwas, das man tun konnte. Und es gab einen Trost. „Wir dachten alle: Na, das wächst sich dann halt irgendwann aus“, erinnert sich die Mutter, Margit Tütje-Schlicker. Die Krankheit würde verschwinden, irgendwann in der Jugend, nach der Pubertät vielleicht. Daran glaubten sie fest. Nur war dies leider ein Irrtum.

Jasper wurde 17. Er wurde 18. Er wurde 19.Er wurde 20.

Doch es verschwand gar nichts, wie Jasper irgendwann feststellen musste. „Es war eigentlich immer da“, sagt er heute.

Jasper Schlicker ist jetzt 24 Jahre alt. Freundliche Augen hinter dezenter Brille, schon etwas lichtes Haar, die Hände liegen auf dem Tisch. Äußerlich wirkt er ruhig. Das kann daran liegen, dass er gelernt hat, sich zu beherrschen. Oder an dem Medikament, das er noch immer täglich nimmt. Methylphenidat, besser bekannt als Ritalin.

Doch was ihn quält, ist nicht verschwunden. ADHS wird oft noch immer als Modekrankheit belächelt, als „Zappelphilipp-Syndrom“ verspottet. Tatsächlich jedoch ist es für die Betroffenen ein Fluch. Auf nichts, kein Gespräch, keinen Text, keine Tätigkeit können sie sich länger als ein paar Minuten konzentrieren. Jedes noch so leise Geräusch, jedes noch so kurze Zucken schießt die Gedanken in eine andere Bahn.

Jasper Schlicker ist Landschaftsgärtner. Manchmal, wenn er einen Garten anlegen soll, weiß er nach einer halben Stunde, wie viele Autos auf dem Parkplatz nebenan stehen, wie viele rot und wie viele schwarz sind, er weiß, was der Mann anhatte, der vor zehn Minuten hinter ihm entlangging. „Nur über den Garten vor mir weiß ich nichts.“ Es ist, als führte die eigene Aufmerksamkeit ein Eigenleben. Wer dies kurz an sich bemerkt, nennt es verträumt und lächelt. Wem es ständig so geht, der wird aggressiv und verzweifelt. „Das bleibt mir jetzt wohl ein Leben lang“, sagt Jasper Schlicker.

Seine Geschichte illustriert die Geschichte eines großen Irrtums. Tatsächlich ging ein Großteil der deutschen Psychiatrie bis vor wenigen Jahren wie selbstverständlich davon aus, dass ADHS auf das Kinder- und Jugendalter beschränkt sei – und sich dann von allein verliere. Ein naiver Glaube, wie man heute weiß: „Es ist ja geradezu kurios anzunehmen, dass sich Krankheiten nach dem 18. Geburtstag richten und dann einfach verschwinden“, sagt Wolfgang Dillo von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Im Kinder- und Jugendalter ist ADHS heute die am häufigsten diagnostizierte und am gründlichsten erforschte psychische Störung. Bei knapp der Hälfte der Betroffenen bleibt die Krankheit bestehen, besagen Forschungen. Das bedeutet: Zwischen drei und fünf Prozent aller Erwachsenen haben demnach ADHS.

Der Weg zur Entdeckung ist bei vielen Betroffenen ähnlich: Meist sind es die Kinder, die zuerst beim Arzt landen. Oft betrachten dann auch die Eltern ihre eigene Kindheit mit einem neuen Blick – und stoßen auf einen Verdacht.Frank Häusler war 38 Jahre alt, als er seinen Hausarzt um eine Überweisung zum Psychiater bat. Zuvor war bei seinem Patenkind ADHS diagnostiziert worden. Als seine Schwägerin die Symptome des Vierjährigen beschrieb, machte er eine eigenartige Entdeckung: „Das kam mir alles sehr bekannt vor“, sagt der 48-Jährige. Es war, als redete sie über ihn.

In der Schule war Häusler der Inbegriff eines schwierigen Jungen. „Ich sprang ständig auf, rannte herum, redete dazwischen.“ Er war eines dieser widersprüchlichen Kinder, die viele Lehrer an die Grenzen ihres Verständnisses bringen: intelligent, aber rätselhaft nachlässig; ständig abgelenkt, aber als Schülersprecher und Springreiter in der Freizeit extrem engagiert. Die Schule und Frank Häusler, das war eine schwierige Beziehung: Er blieb sitzen, flog zweimal von der Schule. „Dass ich am Ende noch mit der Fachhochschulreife abging, ist eigentlich ein Wunder.“

An ADHS denkt damals, Anfang der achtziger Jahre, bei ihm niemand. Und so setzt sich sein Lebensweg fort – als Abfolge kurzer Episoden und schroffer Brüche. Er verpflichtet sich als Zeitsoldat bei der Bundeswehr – und sagt zwei Wochen vorher einfach ab. Nach der Kaufmannslehre wird er Autoverkäufer, fühlt sich wohl „in einer ganz chaotischen Truppe“, wie er sagt – und zieht dann geradezu fluchtartig in den Norden, wo er nun als freier Journalist arbeitet. Der rote Faden seines Lebens sind die Liebe zum Risiko und die Sprunghaftigkeit – „typisch ADHS“, sagt er selbst. Innere Ruhe kannte er nicht: „Der Leidensdruck war enorm.“

Man spürt bei Häusler noch immer die Rastlosigkeit. Eine Anstellung mit ihren festen Strukturen hat er nicht mehr angenommen. Dennoch, sagt er, sei er weit ausgeglichener als früher. Er kümmert sich um die Kinder, schreibt von zu Hause aus über Pferdesport. Dass er das schafft, pünktlich, zuverlässig, verdankt er den Therapien, dem Sport – und dem Medikament. Dass Ritalin als Droge der Selbstoptimierer kritisiert wird, dass das öffentliche Eingeständnis, es zu nehmen, einem Bekenntnis gleichkommt – Häusler kann das nicht verstehen.

Umfrage

Wie ist Ihre Meinung? Nehmen Sie an unserer aktuellen Umfrage teil.

„Für mich war die Diagnose eine Befreiung“, sagt er. Ohne die Pillen fühle er sich lebendiger, kreativer, schneller. Mit ihnen ist er ruhiger. Verträglicher. „Wenn ich sie vergesse, merkt das als Erstes meine Umwelt.“ Dann fliegen Gegenstände an die Wand. Oder er schreit die Kinder an, aus nichtigem Anlass.

Viele Betroffene beschreiben Ritalin als das Ende einer langen Leidensgeschichte. Doch vielen bleibt die Hilfe versagt. Seit Kurzem ist Methylphenidat für Erwachsene zwar zugelassen – doch Ärzte, die ADHS bei Erwachsenen diagnostizieren können, gibt es kaum.

„Es gibt eine deutliche Unterversorgung“, sagt Wolfgang Dillo von der Medizinischen Hochschule Hannover. Die wenigen kompetenten Stellen sind mit dem Andrang der Betroffenen oft überfordert. In seiner ADHS-Sprechstunde nimmt er derzeit keine neuen Patienten auf – „aufgrund der enormen Nachfrage und der bereits sehr langen Warteliste“, wie es im Warnhinweis auf der Homepage der Klinik heißt. Viele Ärzte kennen sich mit ADHS bei Erwachsenen nicht aus – oder bezweifeln noch immer, dass es die Krankheit überhaupt gibt. Dabei können die Folgen gerade für Erwachsene gravierend sein. Spielsucht, Drogenabhängigkeit, Angststörungen, Depressionen: Alles das geht häufig mit ADHS einher.

Michael R. hatte gerade einen Suizidversuch überlebt, als ihn ein Psychiater mit einem überraschenden Verdacht konfrontierte. Für den Arzt passte alles zusammen: Die Depressionen, bei denen keine Therapie half. Die vielen gescheiterten Beziehungen. Die Unfähigkeit, sein Studium zu Ende zu bringen. Die Schwierigkeiten, die Michael R. schon in der Schule hatte. Der Satz „Michael brauchte länger als vorgesehen“, der sich in allen Zeugnissen fand. ADHS in seiner ruhigen, der „Träumerle“-Variante. „Ich wäre selbst nie auf die Idee gekommen“, sagt der mittlerweile 41-Jährige heute.

Die Therapien jedoch zeigten Wirkung. R. arbeitet heute als Rettungsassistent, er läuft Marathon. „Mein Selbstwertgefühl ist deutlich gestiegen“, sagt er über sich. Von der Diagnose, der Selbsthilfegruppe und den Medikamenten, die er täglich nimmt, wissen aber weder die Kollegen noch die meisten Freunde etwas. Zu oft hat er die Vorurteile gehört, wenn sie über ADHS redeten. Ja, ja, die mit der Modekrankheit. Die, die nichts auf die Reihe kriegen. „Du kannst nie wissen, wie da jemand reagiert“, sagt er. Es werde, das ist seine Befürchtung, wohl noch eine ganze Weile dauern, bis ADHS bei Erwachsenen eine Krankheit ist, die jeder akzeptiert.

Kommentare