Mordfall Lena

Was geschah in der Psychiatrie?

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Rund 200 Nutzer des Sozialnetzwerkes Facebook gedenken am Mittwoch (04.04.2012) vor den Blumen und Kerzen am City-Parkhaus in Emden der ermordeten elfjährigen Lena. Zuvor hatten sie sich in einer Kundgebung bei dem unschuldig im Mordfall Lena festgenommen

Emden - Im Fall der in Emden ermordeten Lena gerät die Jugendpsychiatrie in Aschendorf ins Visier der Staatsanwaltschaft. In der Einrichtung war der 18-Jährige, der später zum mutmaßlichen Täter wurde, therapiert. Vielleicht wurde er zu früh entlassen.

Im Rahmen der Ermittlungen im Mordfall Lena ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Aschendorf ins Visier der Staatsanwaltschaft Aurich gerückt. Es werde in alle Richtungen geprüft, welche Aspekte bei der Tat eine Rolle gespielt haben könnten, heißt es in einem Schreiben des Leitenden Oberstaatsanwalts Bernhard Südbeck, das dieser Zeitung vorliegt. „Dazu gehört aus meiner Sicht auch der Aufenthalt des Beschuldigten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Aschendorf.“ Die elfjährige Lena war Ende März in einem Parkhaus in Emden getötet worden. Ein 18-Jähriger, der bis kurz vor der Tat wegen seiner pädophilen Neigung in der Klinik im Emsland behandelt wurde, hat inzwischen gestanden.

Ob Lena womöglich noch leben könnte, wenn der 18-Jährige nicht entlassen worden wäre, dürfte damit Teil der Nachforschungen sein. Oberstaatsanwalt Südbeck wollte sich gestern auf Anfrage nicht zu Einzelheiten der Ermittlungen äußern. Der Anwalt der Opferfamilie, Bernhard Weiner aus Meppen, bezweifelt aber, dass der Beschuldigte entlassen werden durfte. Er spricht von einer „Sorgfaltspflichtverletzung“ der Klinikleitung und sieht zumindest einen Anfangsverdacht gegen den Chefarzt wegen fahrlässiger Körperverletzung. Denn schon einen Tag nach seiner Entlassung hat der 18-Jährige in Emden versucht, eine Joggerin zu vergewaltigen. Wenig später war Lena tot. „Bei der Joggerin besteht der Anfangsverdacht auf jeden Fall.“ Weiner vertritt nicht nur die Eltern Lenas als Nebenkläger im Prozess, sondern auch die Joggerin.

Von der Klinikleitung wollte sich bis gestern Abend niemand zu den Vorwürfen äußern. Bereits nach Bekanntwerden des Klinikaufenthaltes vor einigen Wochen hatte der Chefarzt der Kinderpsychiatrie aber jede Verantwortung zurückgewiesen. Eine Gewaltpotential sei beim Tatverdächtigen nicht zu erkennen gewesen. Das Therapieziel - eine freiwillige Selbstanzeige bei der Polizei wegen des Besitzes von kinderpornographischen Bildern - sei erreicht worden.

Hat der Arzt einen jungen Mann mit pädophilen Neigungen als ungefährlich entlassen, der möglicherweise gar nicht therapiert werden wollte? Die Aussage eines Betreuers des Beschuldigten lässt zumindest deutliche Zweifel an der Einschätzung der Klinik aufkommen. Keineswegs freiwillig habe sich der 18-Jährige wegen des Besitzes von Kinderpornos angezeigt. Er sei so uneinsichtig gewesen, dass man ihn zur Selbstanzeige habe zwingen müssen, sagte der Mann gegenüber der Polizei aus - Therapieziel demnach verfehlt. Dietmar Schilff, der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), hat die Staatsanwaltschaft nach entsprechenden Berichten darüber gebeten, „die Rolle und Verantwortlichkeit der mit dem mutmaßlichen Täter befassten Kinder- und Jugendpsychiatrie“ zu prüfen.

Auch was im Anschluss an die Selbstanzeige geschah, ist Gegenstand von Ermittlungen. Gegen acht Beamte laufen Disziplinarverfahren, und die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen zwei Polizisten der Inspektion Aurich. Ein Durchsuchungsbeschluss in der Wohnung des mutmaßlichen Mörders ist über Monate nicht vollstreckt worden. „Großes Misfallen“ hat beim GdP-Vorsitzenden die Einschätzung von Innenminister Uwe Schünemann hervorgerufen, Grund für die Verzögerung sei persönliches Fehlverhalten einzelner Beamter gewesen und keine strukturellen Probleme im Apparat: „Das war ein vorschnelles Urteil.“

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