Nuklearforschung

Gesucht: 4000 Töpfe für Plutonium

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Foto: Eine einfache Großbestellung des Nuklearforschungszentrums irritiert die Franzosen.

Paris - Kann mehr, als zartes Gemüse garen: So ein einfacher Schnellkochtopf eignet sich offenbar auch, um nukleare Materialien zu lagern.

Gesucht werden 4000 Dampfdruckkochtöpfe: Aus rostfreiem Stahl und mit 17 Liter Fassungsvermögen. Das klingt zunächst nach viel Fleisch und Gemüse, nach Großküchen und Kantinen. Der weitere Text der öffentlichen Ausschreibung allerdings hat in Frankreich jetzt so manchen Leser ins Stutzen gebracht – nämlich, weil die Schnellkochtöpfe auch für den Transport „sensibler Materialien“ geeignet sein müssen, und der Hersteller ein hohes Sicherheitsniveau garantieren müsse.

Antworten auf viele offene Fragen gab jetzt das Nuklearforschungszentrum von Valduc in der Bourgogne, das per Internet-annonce einen Lieferanten für die ungewöhnliche Großbestellung gesucht hatte. Bekannt ist die Einrichtung allerdings nicht für ihre Kantine, sondern erstrangig für die Konzeption und Herstellung von Atomwaffenbestandteilen. Die Haushaltsgeräte werden dann auch für nichts Geringeres benötigt als für die Aufbewahrung und Lagerung nuklearen Materials. So weit, so unspektakulär?

Absolut, versuchte der Direktor der Anlage von Valduc, François Bugaut, im französischen Radio zu beschwichtigen, nachdem die Anzeige für Wirbel im ansonsten hochsommerlich ruhigen Frankreich sorgte. „Wir benutzen bereits seit den sechziger Jahren Schnellkochtöpfe. Von Zeit zu Zeit muss man den Bestand erneuern. Sie dienen dazu, das Material zu verpacken und zu lagern, vor allem Plutonium.“ Die Dampfdruckkochtöpfe hätten zudem ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und seien sehr robust und unzerbrechlich im Falle eines Sturzes auf den Boden. Sie könnten vor Strahlung schützen, Staubteilchen abhalten und dienten als praktische Behältnisse. „Genau, was wir brauchen“, sagt Bugaut. Lediglich das Ventil am Deckel werde vor dem ungewöhnlichen Einsatz ausgebaut.

Dass es sich bei der aufsehenerregenden Bestellung um ein profitables Geschäft für seine Branche handelt, bestätigte nun auch ein Mitarbeiter des französischen Küchenartikelherstellers SEB: Sein Arbeitgeber habe schon Tausende solcher „Schnellkocher“ an die Atomindustrie geliefert. Auch Alain Houpert, Vorsitzender der Umweltvereinigung Seiva, erklärte, eigens für die Lagerung hergestellte Behälter würden ein Vermögen kosten und seien auch nicht besser als handelsübliche Dampfdruckkochtöpfe: „Alle Nuklearanlagen in der ganzen Welt verwenden sie.“

Zwar erscheint die Toleranz gegenüber möglichen Risiken der Atomkraft in Frankreich traditionell höher als in vielen Nachbarländern und auch die Endlagerdiskussion findet kaum statt, doch die französische Bevölkerung ist seit der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima sensibilisiert. Bei ihr stößt auf beunruhigtes Erstaunen, dass ausgerechnet der Ableger des staatlichen Kommissariats für Atom- und Alternative Energien (CEA), der Atomköpfe für das französische Militär herstellt und somit die Verteidigungskraft des Landes mit gewährleisten soll, sein Material mit einer öffentlichen Ausschreibung im Internet sucht, bei der die Verwendung auch noch detailgetreu beschrieben wird.

„Man präsentiert uns Valduc als einen High-Tech-Standort, sodass man sich eigentlich nicht vorstellen kann, dass das Zentrum mit ganz banalen Schnellkochtöpfen arbeitet ... Die Frage ist also, was genau damit gemacht wird“, sagt Michel Marie, Sprecher der Widerstandsbewegung Cedra, die gegen das Vergraben radioaktiver Abfälle kämpft. Eine Antwort gab es bisher noch nicht.

von Birgit Holzer

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