Trend in den USA

Glatze erinnert täglich an schlechte Noten

+

- Russell Frederick in Snellville, Georgia, hat in den USA einen Trend begründet: Weil der zwölfjährige Sohn des Friseurs angeblich im Unterricht gestört und keine Hausaufgaben gemachte hatte, bekam er eine Glatze geschoren – um beim Blick in den Spiegel daran erinnert zu werden. Viele Eltern sind dem Trend gefolgt.

Ach, was muss man oft von bösen / Kindern hören oder lesen!“ Es wirkt befreiend, sich an die heiteren Zeilen eines Wilhelm Busch zu erinnern – zumindest angesichts eines neuen, düsteren Erziehungstrends in den USA. Denn dort scheren immer mehr Eltern ihren Kindern einfach eine Glatze, wenn sie sich nicht gut benehmen. Als Strafe.

Alles begann im kleinen Friseursalon von Russell Frederick in Snellville, Georgia. Fred Rusty, wie ihn Kunden nennen, rasierte seinem zwölfjährigen Sohn den Kopf, weil dieser angeblich den Unterricht gestört hatte und Hausaufgaben liegen ließ. Damit solle der Sohn besseres Benehmen lernen und sich an diese Lektion bei jedem Blick in den Spiegel erinnern. Um ganz sicherzugehen, schoss Rusty auch mehrere Fotos von diesem „Benjamin-Button-Schnitt“, wie die radikale Frisur in Anlehnung an die Hauptfigur des Brad-Pitt-Films „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ genannt wird. Zur weiteren Legendenbildung gehört nämlich auch, dass Rusty Junior alsbald immer fleißiger wurde und das Schuljahr mit Auszeichnung beendete. Happy End? Wohl kaum.

Denn der Einzelfall, der noch als bedauerlicher pädagogischer Amoklauf abgetan werden könnte, machte in den USA Schule. Schließlich hatte Friseur Rusty seine kompromisslosen Kreationen fleißig auf Facebook gepostet – weitere Eltern fühlten sich animiert, mit einem Nacktschnitt Nachhilfe zu ersetzen. Seit Februar, so meldet Friseur Frederick nicht ohne Stolz, habe er schon bei mehr als 20 Kindern den Rasierer angelegt. Einschränkend merkt er an, er habe nur Jungen, die älter als neun Jahre alt sind, zur zeitweiligen Glatze verholfen. Mädchen verschone er ganz.

Mittlerweile formiert sich in den
sozialen Netzwerken die Glatzen-
 Gegenbewegung. In einem selbst gedrehten Filmchen simulieren Eltern einen Totalhaarschnitt des Nachwuchses, nehmen am Ende aber die Kinder liebevoll in die Arme – und lassen ihnen ihre Haare. So wurde eine Frisuren-Parodie, die ein Vater aus Fort Lauderdale ins Netz stellte, mehr als 21 Millionen Mal angesehen und geteilt.

Wer wissen will, was Eltern noch aus dem Land der unbegrenzten Merkwürdigkeiten an Erziehungstrends erwartet, sollte nach New York auf die Baby-DJ-School blicken. Dort bildet die 32-jährige Natalie Weiss im Szenebezirk Brooklyn Kleinkinder zum Discjockey aus. Für rund 200 Euro pro Kurs werden die
Mini-Entertainer an Plattenspielern und Mischpulten geschult, sie lernen Tanzen, Auflegen und Abmischen. Das Schönste aber: Unterm Kopfhörer bleiben die Haare dran.

Von Harald John

Kommentare