Sommerfest im Schloss Bellevue

Glückspilz Gauck lässt sonnig feiern

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Bundespräsident Gauck beim Sommerfest: Demokratie von unten aufbauen.

Berlin - Sommerfest beim Bundespräsidenten: Bürger ohne Schischi und Heititei machen das Schloss Bellevue zur Demokratie-Erprobungsstätte.

Glück muss man haben. Während es bei den letzten Sommerfesten des deutschen Staatsoberhauptes rund ums Amtsschloss Bellevue verlässlich regnete wie aus Eimern zog beim Bürgerfest des neuen Amtsinhabers der Schauer kurz vor Beginn des Wochenend-Bürgerfestes unverrichteter Dinge wieder ab. Später folgte sogar strahlender Sonnenschein. Ein Glückspilz namens Gauck lässt bitten.

Man baue die Demokratie von unten auf, freute sich Gauck im Kreis seiner knapp 4000 Eherenamtler, mit denen am Sonnabend der Tag des offenen Schlossparks begann. Es folgten später Zehntausend allgemeine Berliner und zufällig vorbeikommende Touristen. Ein offenes Haus war Bellevue an diesem ersten Septemberwochenende. Zur Feier des Bürgerschafts-Engagements und eines Bürgerpräsidenten, der sich so sehr von den früheren Präsidenten abheben möchte. Joachim Gauck war das gefragteste Fotomodell der Hauptstadt. Dabei wollte er doch nur den Freiwilligen aus Ost und Nord, Süd und West zuklatschen, nicht umgekehrt. „Sie machen unser Land stark! Sie machen unser Land solidarisch! Sie machen unser Land zu einem Ort, an dem wir alle uns willkommen fühlen können.“ Eben, wie bei Joachim Gauck und Lebensgefährtin Daniela Schadt daheim.

Bürger hereinspaziert! So geht es zu beim Bundespräsidenten, seit der Bürger Joachim Gauck Schlossherr ist. In den Park rund um das präsidiale Bellevue passen tatsächlich gut 10 000 Menschen, neben den bereits beherbergten Füchsen, den Graureihern, Mardern, Kaninchen. Und möglichst keine pompös auffallenden Sponsoren von Edelbrause, Häppchen und Schischi und Heititei.

Und der noch immer neu wirkende Bundespräsident kuschelte putzmunter mit den geladenen und zufällig hereinströmenden Bürgern. Nichts protziges, nichts prunkendes – abgesehen vom Schloss.

Sechs Kinderreporter einer Berliner Lokalzeitung durften zum Interview mit dem Staatsbürger Nummer eins zur Sondervisite ins Arbeitszimmer, während sich draußen Bürger schaulustig ergötzten. Nah, ganz nah am Menschen, das ist Gaucks bisher erkennbares Präsidial-Prinzip. Das gilt für Kinderjournalisten, für Zaungäste, für Ehrenamtler und auch für Fotografen und TV-Kameras. Nicht der große erhabene distanzierte Bildschnitt, von früheren Amtsinhabern gut inszeniert, bestimmt das Geschehen. Ab der Ära Gauck soll es porentief nah zugehen. Hier möchte einer gern mittendrin wahrgenommen werden. Selbst um den Preis von heimlich unter barocke Schlossstühle geklebter Kaugummis.

So rückte wirklich Wichtiges in den Blickpunkt. Lesepaten, Wohlfahrtsdamen, Feuerwehr-Freiwillige. Vom Leipziger Zentrum für mathematisch-naturwissenschaftliche Bildung e.V. INSPIRATA, bei dem sich engagierte Lehrer um das Wunderland der mathematisch-naturwissenschaftlichen Technik kümmern, bis hin zu der Gruppe „Phrasenmäher“ aus Hildesheim mit ihren Kostproben aus Rock, Pop, Folk und A Capella. Ganze acht Sponsoren brachten Wurst, Wasser, Kaffee und Bier vorbei. Manche Gäste klagten über Hunger. Man kann aber nicht alles haben.

Es war Gaucks Beweis seines Andersseins, dass es ein anderes Fest geben müsse, mit dem sich die Hauptstadt nach der Zeit von Christian Wulff rocken lasse. Drei Millionen Euro hatten die Wulffs bei Sponsoren des Präsidentenfestes locker gemacht. Man feierte sich und speziell geladene Bürger als feucht-fröhliche Konsumenten. So wollte Gauck keinesfalls beginnen. Weil aber zwischen März 2012 und Sommer die Zeit nicht ausreichte, um ein ganz neues Fest komplett zu organisieren, versprach das Präsidialamt ein Zwischenfest: Fast ohne große Sponsoren und anders, aber noch nicht endgültig. Gauck und Lebenspartnerin Daniela Schadt wollen nach diesem Wochenende die Erfahrungen auswerten um zu prüfen, ob nicht ab sofort einmal im Jahr einfach die Türen und Tore aufgemacht werden können, ob man nicht immer bei Wasser, Brot und mit Jedermann und Jedefrau lockeres Beisammensein mit Biertisch-Atmosphäre feiern kann.

500 000 Euro ließ Gauck dafür aus dem Präsidentenhaushalt umschichten, in ungefähr gleicher Höhe leisteten Künstler, Helfer und Naturalien-Lieferanten Unterstützung. Die aber immer unter der Voraussetzung, sich selbst nicht in den Mittelpunkt zu bringen.

Gut, dass das lärmige Bürgertreiben schwerpunktmäßig draußen bei sommerlicher Parkatmosphäre stattfand. Denn drinnen im Schloss geht, seit dem abrupten Wulff-Abgang, noch einiges durcheinander. Die, die was zu sagen haben, sammeln noch immer Leitungserfahrungen in einer Bürokratie, die sich traditionell als ganz wichtig nahm. Wer da Impulse von oben durchsetzen will, der muss auch leiten und lenken können.

Schreibtische von Entscheidern sind stapelvoll mit Aufgaben und Vorlagen, manche kommen mit dem Abzeichnen nur mühsam nach. Und der Präsident denkt intensiv aber noch eher unbemerkt über die große noch zu zeichnende Linie seiner Amtszeit nach. Noch ist die Frage unbeantwortet, mit welcher Botschaft der Bundespräsident Joachim Gauck in den Buchdeckeln der späteren Biografen abgelegt wird.

Es wird in dieser Woche wohl keine spontane präsidiale Europa-Erklärung geben, obwohl das Bundesverfassungsgericht mit seiner Euro-Grundsatzentscheidung so oder so für Furore sorgen wird. Es wäre eine Chance gewesen, ohne großes Brimborium ein Zeichen zu setzen, um Druck von der großen Ansprache-Erwartung zu nehmen. Noch ist keine wegweisende „Berliner Rede“ in Planung. Klar ist auch noch nicht, ob der Bürgerpräsident Gauck mit seinem Freiheitsthema am 9. November eine Synagoge oder einen Berliner Mauer-Rest besucht.

Tastend geht es im Schloss voran. Joachim Gauck liest und denkt zwar viel über Europa, den Europa und die Verbindung zur Freiheitsperspektive nach. Das sagt er selbst. Aber gelegentlich scheint ihm der eigene Anspruch im Wege zu stehen: Wenn einer wie er die eine große Rede redet, dann müsse sie wirklich groß, absolut umfassend durchdacht und ganz sicher vollkommen sein. Er ist halt kein Politiker, der gelernt hat, dass man auch aus wenig viel machen kann.

Von Dieter Wonka

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