Transplantationsskandal

Göttinger Transplantations-Arzt wird bald angeklagt

Göttingen - Seit knapp eineinhalb Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig im sogenannten Transplantationsskandal gegen einen früheren leitenden Mediziner des Göttinger Universitätsklinikums. Nach dem derzeitigen Stand sei in einigen Wochen mit einer Abschlussentscheidung zu rechnen, sagte am Montag der Sprecher der Ermittlungsbehörde.

Die Staatsanwaltschaft steht unter einem gewissen Zeitdruck, weil der beschuldigte Transplantationschirurg Aiman O. seit nunmehr fast drei Monaten in Untersuchungshaft sitzt. Im Regelfall darf eine Untersuchungshaft nicht länger als sechs Monate dauern. Wie der Leiter der Ermittlungsbehörde, Klaus Ziehe, am Montag mitteilte, sei voraussichtlich in einigen Wochen mit einer Abschlussentscheidung zu rechnen.

Die Staatsanwaltschaft hatte den Haftbefehl beantragt, weil sie Hinweise darauf hatte, dass sich der Mediziner ins Ausland absetzen könnte. Der 45-Jährige soll über gute Kontakte im Nahen Osten und dem arabischen Raum verfügen. Das Oberlandesgericht Braunschweig hatte kürzlich eine Haftbeschwerde des Chirurgen abgelehnt. Mit seiner Entscheidung bestätigte das OLG die Auffassung der Staatsanwaltschaft. Diese stuft das mutmaßliche Vorgehen des Mediziners, durch Manipulationen eigenen Patienten bevorzugt zu einer Spenderleber zu verhelfen, als versuchten Totschlag ein.

OLG Braunschweig geht von Kausalität aus

Sollte es zu einer entsprechenden Anklage kommen, stünde ein sehr spannender Prozess bevor. Erstmals müsste sich ein Gericht mit der Frage auseinandersetzen, ob ein Arzt dadurch, dass er sich zugunsten seiner Patienten über die allgemein geltenden Regelungen für die Vergabe von Spenderorganen hinweggesetzt, zugleich den Tod anderer Patienten billigend in Kauf nimmt.

„Eine solche Konstellation hat man nicht alle Tage“, bestätigte Staatsanwalt Ziehe. Das OLG Braunschweig hat in seiner vorläufigen Bewertung des Falles eine solche Kausalität bejaht: Der Senat hält es für „dringend wahrscheinlich“, dass der Mediziner sich dieser potenziell tödlichen Folgen für andere Patienten, die dringend auf ein Spenderorgan angewiesen waren, bewusst war und daher mit Tötungsvorsatz gehandelt hat.

Versuchter Totschlag in acht Fällen

Die OLG-Richter sehen in insgesamt acht Fällen den dringenden Tatverdacht des versuchten Totschlages. Danach soll Aiman O. als Leiter der Göttinger Transplantationschirurgie in den Jahren 2009 bis 2011 fälschlicherweise Patienten als dialysepflichtig gemeldet haben, um sie so auf eine vordere Stelle auf der Warteliste für Spenderorgane zu bringen. In mehreren Fällen sollen Patienten eine neue Leber bekommen haben, obwohl sie noch nicht die vorgeschriebenen sechs Monate „trocken“ waren.

Aufgeflogen waren die mutmaßlichen Manipulationen im Sommer 2011 nach einem anonymen Hinweis an die Deutsche Stiftung Organtransplantation. Nachdem erste Ermittlungen der Bundesärztekammer den Verdacht bestätigt hatten, wurde die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Die Göttinger Universitätsmedizin trennte sich umgehend von dem Mediziner. Sie hat inzwischen ihre Abläufe in der Transplantationschirurgie umstrukturiert und die Leitungsposition neu besetzt.

Heidi Niemann

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