Hengstkörung in Verden

Ein göttlicher Ort für Pferdeliebhaber

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Die Minuten vor der Prüfung: Auf der Dreiecksbahn muss alles stimmen, damit die Hengste nach den zwei Tagen gekört in die Versteigerung gehen.

Verden - Von diesem Tag hängt alles ab: Ob ein Hannoveraner bei der Körung in Verden vor dem strengen Auge der Kommission besteht, entscheidet über seine eignung als Deckhengst - und seinen Wert. An diesem Wochenende werden wieder 103 Tiere unter die Lupe genommen.

Was macht sie nicht alles für die neuen potenziellen Väter. Quer über den Atlantik reist Maryanna Haymon jedes Jahr, vom amerikanischen Bundesstaat North Carolina in die niedersächsische Kleinstadt Verden. Sie muss genau wissen, wer für den zukünftigen Nachwuchs sorgen wird. Ihren Pferdenachwuchs. „Er muss schließlich eine überaus hohe Qualität haben.“ Die Züchterin sitzt am Rand der Dreiecksbahn und schaut sich den ganzen Tag über Hengste an. Haymon ist mittlerweile Dauergast bei der Verdener Hengstkörung und dem Hengstmarkt. Seit zwölf Jahren kommt sie in die Stadt an der Aller. „Es ist einfach das Mekka für Pferdezüchter“, sagt sie begeistert.

In diesen Tagen Ende Oktober rückt die Provinz in Niedersachsen für drei Tage in den Fokus der Pferdewelt. Tausende Züchter, Sportreiter und Gestütsbesitzer aus aller Welt machen sich auf den Weg nach Verden, um die ausgewählten Junghengste, allesamt Hannoveraner bester Abstammung, zu begutachten und anschließend zu ersteigern. Schon im Sommer reiste eine Kommission des weltgrößten Warmblutzuchtverbandes zwei Wochen lang quer durch Niedersachsen und Hessen und wählte aus 600 Pferden die besten 103 aus.

Diese werden jetzt genau unter die Lupe genommen; die Jury überprüft Gangarten, Stand, Freilaufen und Freispringen. Dazu beurteilt sie den Körperbau und das Temperament. Erreicht ein Hengst dabei im Durchschnitt sieben von zehn Punkten, ist er gekört. Und nur so für die Zucht zugelassen. Es kann den Beginn einer großen Karriere bedeuten - oder die Bedeutungslosigkeit in der Zuchtwelt.

Hans-Heinrich Meyer zu Strohen weiß, wie wichtig sein Urteil ist. Er ist der Vorsitzende der Körkommission, von Kindesbeinen an beschäftigt er sich mit Pferden. „Unser Körwert ist ein unheimlich wichtiger Orientierungspunkt für die Züchter“, sagt er. Er und seine vier Kollegen entscheiden über den Wert eines Pferdes. Wird die Körung geschafft, steigert sich der Wert eine Hengstes um ein Vielfaches. Die Hannoveraner liegen dann auf dem Preisniveau eines Oberklassewagens. Und es geht bis weit in die Luxusklasse hinein: Im vergangenen Jahr zahlte ein Züchter 315.000 Euro für einen gekörten Hengst. Erfüllen sie die Kriterien nicht, kosten die Tiere aber immerhin noch so viel wie ein Kleinwagen.

Doch nicht nur die nackten Zahlen (2011 lag der Umsatz bei 3,5 Millionen Euro) zeigen, wie sehr die Pferdezucht ein knallhartes Geschäft ist. Wenn die Züchter sich untereinander unterhalten, klingt es besonders durch. Es fallen Wörter wie „produzieren“, „höchste Qualität“, „Korrektheit der Gliedmaßen“. Alles muss stimmen.

Im Stall neben der Bahn steht Merle Lorenzen. Sie hat eine Dose Haarspray in der Hand und drückt eine Ladung auf den Schweif des Pferdes Nummer 65. Namen hat hier noch keines der Tiere, an den Boxen hängen nur die des Vaters und des Großvaters mütterlicherseits. „Die Stuten sind in der Zucht recht uninteressant“, sagt Lorenzen. Insgesamt gibt es nur etwa 450 Hannoveraner Zuchthengste, dem gegenüber stehen mehr als 18.000 Zuchtstuten. Eben deswegen sind diese Tage in Verden so wichtig.

Lorenzen schmiert noch etwas Babyöl auf das Fell des Pferdes, legt ihm ein Halfter mit Strasssteinen an. Ihr Chef Eckhard Wahlers vom Gestüt W.M. nimmt die Zügel in die Hand und führt Hengst Nummer 65 Richtung Dreiecksbahn. Jetzt muss sich der junge Hannoveraner gut vor der Körkommision präsentieren. Die drei gehen durch eine enge Gasse zwischen den Zuschauern hindurch auf die Bahn. Wahlers läuft eine Runde mit Nummer 65, bleibt vor der Kommission stehen. Noch einmal auf und ab laufen, dann ist es nach fünf Minuten geschafft.

An dem weißen Holzgeländer der Verdener Dreiecksbahn lehnen die Kenner der Hannoveraner-Szene, die Züchter und Pferdebesitzer. Viele haben ihre Regenschirme geöffnet. Die Kugelschreiber gezückt, machen sie sich bei jedem Pferd ihre Notizen. Am Rand des Geländes, geschützt unter einem weißen Pavillon, steht die fünfköpfige Kommission und notiert sich ebenfalls Bemerkungen.

Die Amerikanerin Haymon ist erfreut von der Qualität der Pferde in diesem Jahr. Neben ihr auf einer Bierbank sitzen eine befreundete Tierärztin und ein Sportreiter, beide sind mitgekommen aus den USA. Den ganzen Vormittag über hat sie schon die ersten 50 Dressurpferde beobachtet, jetzt wartet sie voller Spannung auf die Springer.

Ob sie in diesem Jahr ein Pferd kaufen wird, weiß die Amerikanerin noch nicht. Erfolgreich war sie schon im vergangenen Jahr. Da hat Haymon einen neuen Zuchthengst gesehen, der es ihr angetan hat. Im nächsten Jahr komme sein Sperma auf den Markt, dann werde sie es sofort tiefgefroren kaufen. „Ich habe ihn gesehen und wusste sofort, dass er ein besonderes Pferd ist,“ sagt sie. Genau wegen solcher Momente lohne sich die lange Reise in die niedersächsische Provinz.

Christopher Piltz

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