Flucht vor dem Hochwasser

Grimma geht schon wieder unter

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Der vom Hochwasser der Mulde überflutete Marktplatz mit dem Rathaus in der Stadt Grimma.

Grimma - In der Altstadt von Grimma (Kreis Leipzig) mussten rund 2500 Bewohner ihre Häuser verlassen. Auch das Zentrum von Döbeln (Mittelsachsen) stand komplett unter Wasser, hier wurden Anwohner etwa in Turnhallen untergebracht. Angesichts steigender Pegelstände rief die sächsische Landesregierung die Bevölkerung zur Vorsicht auf.

„Ich gehe hier nicht raus.“ Der alte Mann mit den weißen Haaren beugt sich aus dem Fenster und schreit aus Leibeskräften, sodass er selbst das Rauschen des reißenden Flusses übertönt. Und noch einmal: „Ihr bekommt mich hier nicht raus.“ Zwei Polizisten schauen nach oben, zum Fenster im ersten Stock eines Mietshauses in der Schulstraße, mitten in der Altstadt von Grimma. Das Wasser strömt und strömt in diese Altstadt. Das Gesicht des alten Mannes verschwindet. Die Helfer sind hilflos. Immer wieder haben die beiden dem Rentner zugeredet. Immer wieder haben sie versucht, ihn zum Gehen zu bewegen. Es hat nichts genutzt.

Das braune Wasser der Mulde frisst sich unbarmherzig durch das Stadtzentrum, durchweicht die aufgestapelten Sandsäcke. Noch steht die Flut etwa brusthoch in den historischen Gassen. Doch bald wird es keinen Schutz geben, sollten sich die Prognosen bewahrheiten. Dann werden die Polizisten den Mann holen müssen. Ob er will oder nicht. Schon jetzt mussten 2200 Einwohner evakuiert werden.

Erinnerungen an 2002

Es sind nicht viele Grimmaer, die sich den Aufrufen des Katastrophenschutzes verweigern. Aber vor allem ältere Menschen wollen ihre Wohnung oder ihr Haus nicht verlassen. Sie wollen beschützen, was kaum zu beschützen sein dürfte. „Die meisten sind vernünftig, sie haben aus den Erfahrungen gelernt. Es ist unverantwortlich, in der Altstadt zu bleiben, auch wenn das Wasser langsamer steigt als 2002“, sagt Matthias Berger, der parteilose Bürgermeister von Grimma. Er hat sich damals, als die „Jahrhundertflut“ das Städtchen zerstörte, deutschlandweit einen Namen als Flutheld gemacht.

Dass sich die Stadt so schnell von den Schäden erholte, ist vor allem auch Bergers Verdienst. Elf Jahre nach dem Hochwasser steht der 44-Jährige erneut vor der braunen Brühe, die abermals vieles zunichte zu machen droht. Und wieder fährt er von Tür zu Tür, um die Menschen zu warnen und zum Gehen zu bewegen. „Im Hochwasserschutz ist einiges passiert, doch wir sind leider noch nicht fertig“, sagt Berger und erzählt von der Mauer, die Grimma in einigen Jahren vor der Mulde schützen soll. Die Arbeiten daran laufen noch. Deshalb lässt sich der reißende Fluss auch diesmal nicht zähmen. Doch etwas ist anders als vor elf Jahren: Die meisten Menschen akzeptieren die Naturgewalt als gegeben und sind gewappnet.

„Alles wieder von vorn“

So zögerten Marina und Ralf Maronek nicht, mit den Kindern ihr Haus in der Schulstraße zu verlassen. Sie leben seit Sonntag gemeinsam mit 200 Menschen in einer Notunterkunft, in einer mit Feldbetten und Matratzen vollgestellten Schulturnhalle. „Als wir gingen, stand das Wasser im Keller, jetzt hat sich die Brühe schon das Erdgeschoss erobert“, sagt der 62 Jahre alte Familienvater mit stockender Stimme. Seine Frau Marina hilft ihm, mit Tränen in den Augen: „Jetzt fängt alles wieder von vorn an. Aber wir sind nicht mehr so blauäugig, weil wir wissen, was uns erwartet, wenn wir nach Hause kommen.“ Nun versagt auch ihr die Stimme.

Nur einige Matratzen neben den Maroneks spielen Ricarda und Enrico Reichelt mit ihrem Sohn John. „Vor elf Jahren musste mich die Bundeswehr aus unserer Wohnung mit einem Schwimmpanzer retten – soweit wollte ich es diesmal nicht kommen lassen.“ Der 38-Jährige berichtet von jenen dramatischen Stunden, die ihn fast das Leben gekostet hätten. „Ich wollte unsere Einrichtung retten, hatte auch Angst vor Plünderungen. Heute bin ich schlauer. Was nicht ist, das ist eben nicht. Ändern kann man es sowieso nicht.“

Bei den Helfern fällt immer wieder ein Wort, das sich einprägt: Gelassenheit. „Es läuft alles in geordneten Bahnen. Viele haben schon vorher gepackt, das Nötigste in Sicherheit gebracht. Ja, die Menschen sind gelassener geworden“, berichtet Sven Güttner, Leiter der DRK-Rettungswache Grimma und nun Koordinator des Behelfsquartiers. Auch Feuerwehrmann Max Richter, der selbst in der Altstadt wohnt und dessen Erdgeschosswohnung während seiner seit Freitag andauernden Einsätze bereits mit Wasser vollgelaufen ist, sagt: „Die Leute wissen, worum es geht. Und wir wissen, wie das Elend danach aussehen wird, auch wenn wir daran noch nicht denken wollen.“

Doch nicht nur die Grimmaer Flutbilder gleichen denen aus dem Jahr 2002. Wie schon damals stehen auch heute Politiker Schlange, um den Menschen Mut einzuflößen. Bei einem Besuch im Feuerwehrleitstand versichern Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) unisono, dass den Menschen alle erdenkliche Hilfe zuteil werden wird. „Es tut gut, dass unsere Arbeit anerkannt wird, auch wenn vielleicht politische Interessen dahinter stehen“, sagt Feuerwehrmann Max Richter. „Es wäre aber schön, wenn die Politik nicht nur im Ernstfall kommen würde, schließlich sind wir das ganze Jahr, jeden Tag und jede Nacht, einsatzbereit.“

Am Dienstag wird auch Bundeskanzlerin Angela Merkel in Grimma erwartet. Gerhard Schröder hat nach seiner Grimmaer Flutvisite im Jahr 2002 übrigens die Bundestagswahl gewonnen.

Andreas Debski / Birgit Schppenthau

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