Nach dem Hochwasser in Fischbeck

„Im Grunde ist das unser Ruin“

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Foto: Wucht des Wassers: Viele Häuser in Fischbeck sind noch für Monate unbewohnbar – oder müssen abgerissen werden.

Fischbeck - Als der Elbdeich brach, holte sich das Wasser das kleine Fischbeck in Sachsen-Anhalt.
 Jetzt sind die Bewohner zurückgekehrt. Viele haben alles verloren und wissen nicht, ob sie bleiben können. 
Ein Besuch im Leben nach der Flut.

Sie hat Fotos gesehen, sie hat die Beruhigungstropfen genommen, die ihr ihre Tochter gegeben hat, sie hat auch den Seelsorger akzeptiert, der an ihrer Seite gehen soll, zusammen mit den Kindern und Schwiegerkindern. Aber nichts von alldem kann für Elfriede Adam den Schrecken mildern, als sie ihr Haus zum ersten Mal wiedersieht.

Den Haufen, das zerborstene Holz, Schränke, Teppiche, sieht sie schon von Weitem. Am Anfang hofft sie noch, er läge vor dem Nachbarhaus. „Ich kann das gar nicht glauben“, murmelt sie. Aber je weiter sie die Kabelitzer Straße hinuntergeht, über das holprige Kopfsteinpflaster, aus dessen Ritzen das Wasser den Sand herausgewaschen hat, desto weniger Raum bleibt für Hoffnung. Der Haufen, das sind die Reste ihrer Möbel. Nummer 25 ist ihr Haus. Als sie dort angekommen sind, müssen ihre Töchter sie stützen.

Jetzt, 48 Stunden später, steht Elfriede Adam in dem Raum, der mal die Küche war. Es gibt noch Reste ihres alten Lebens. Den Kühlschrank mit den Autogrammkarten von Gitti und Klaus. Die hellblaue Uhr an der Wand, Glashütter Produktion, Sechziger-Jahre-Design. Weiter unten ist von der Normalität nichts geblieben. Hüfthoch stand hier das Wasser. Warf die Möbel um, kroch hinter die Holzvertäfelung, brach den Lehm zwischen den Balken des Fachwerkhäuschens heraus. Ihre Helfer, die Verwandten, die von überall herkamen, tragen die letzten Dinge hinaus, einen Korb voller Puppen, schlammverschmierte Zimmerpflanzen. Gutachter waren am Tag zuvor auch schon da. Seitdem ist klar: In diesem Haus wird nie wieder jemand wohnen. Elfriede Adam ist 76 Jahre alt. „Wo soll ich denn jetzt hin?“, fragt sie. Der Rest ihrer Worte ist nicht zu verstehen. Aber eigentlich muss sie auch gar nicht viel sagen.

Elfriede Adam war nicht versichert. Die alte DDR-Versicherung hatte sie nach der Wende, als die Vertreter aus dem Westen mit neuen, günstigeren Policen kamen, gekündigt. Nur sahen die neuen Policen keinen Hochwasserschutz vor. Elfriede Adam ist nichts geblieben, bis auf eine schwarze Reisetasche und ihr Leben.

Der Schlamm blieb zurück

Fischbeck an der Elbe, Woche eins nach der Flut. Das Wasser ist wieder fort. Aber das, was es mit sich trug, ist noch da. Der Schlamm, der nun als hellgrauer Film Büsche, Wiesen und Mauern überzieht und alle Farben zum Verschwinden bringt. Ein modrig-beißender Gestank liegt in der Luft, das Wasser hat Gülle und Öl aufgespült und durch den Ort getragen. Fenster stehen sperrangelweit offen, zum Trocknen, vor fast jedem Haus liegen Haufen unbrauchbarer Möbel. Die Besatzung des Sperrmüllwagens ist seit 6 Uhr in der Früh im Einsatz, doch die Haufen werden nicht kleiner. „Was du vorne wegnimmst“, sagt Müllwerker Horst Postmann, „kommt hinten gleich wieder dazu.“

Fischbeck, ein Ort mit 650 Einwohnern im Landkreis Stendal, ist eines der Symbole dieser Hochwasserkatastrophe. Hier, gut zwei Kilometer von Elfriede Adams Haus entfernt, ist in der Nacht auf den 10.  Juni der Elbdeich gebrochen. Stopfen konnten die Helfer das Loch erst nach Tagen, indem sie zwei Lastkähne versenkten. Eine Verzweiflungstat. Weiter nördlich trug diese Katastrophe manchmal groteske Züge. Die Sonne schien, Gemeinden stellten Aussichtstürme auf, Helfer verabredeten sich per Facebook zur Sandsackparty. Hier in Fischbeck und den ­Dörfern ringsum war dieses Hochwasser immer einfach nur eine Katastrophe.

Die Kabelitzer Straße ist mit am stärksten betroffen. Noch immer säumen dunkle Lachen den Rand, viele Häuser sind nur über Sandsäcke zu erreichen – oder über Türblätter, die niemand mehr braucht. Viele Ältere lebten hier. Viele, die sich nur ein sehr einfaches Haus leisten konnten. Ohne Obergeschoss. Wie Elfriede Adam. Früher hat sie als Feldarbeiterin auf der LPG gearbeitet, ihr Mann war Traktorist. In den siebziger Jahren haben sie das baufällige Drei-Zimmer-Häuschen gekauft. „Wir haben alles selbst renoviert“, erzählt sie. Hinten gibt es einen Stall. Dort hielten sie eine Kuh und ein Schwein. Die Milch verkaufte Elfriede Adam an die Molkerei. Das Milchgeld legten sie zurück. „Und immer, wenn wir genug gespart hatten, haben wir wieder was gemacht.“ Bis, nach Jahrzehnten, alles gemacht war. Leitungen, Dach, Heizung. Zuletzt hat sie das Häuschen streichen lassen. Acht Wochen ist das her. Die Farbe war helles Ocker.

Freiwillige Helfer noch immer im Einsatz

Es gibt viele Helfer in Fischbeck, noch immer. Die Fahrzeuge des Technischen Hilfswerks rollen durch den Ort, das Rote Kreuz ist da. Ein Hersteller hat im Dorfgemeinschaftshaus, einer früheren Scheune, 20 Waschmaschinen aufgestellt. Nebenan teilen Helfer Mittagessen aus. Viele kommen von weiter her, sie sind einfach losgefahren, als sie die Filme aus Fischbeck im Fernsehen sahen, so wie Kai Uwe Manzke. Der 42-Jährige, Besitzer eines kleinen Geschäfts für Jagdbedarf in Brandenburg, ist seit drei Tagen hier und koordiniert die Freiwilligen. Jedes Angebot schreibt er auf einen Zettel. Er zieht einen Stapel aus der Hosentasche. „Jedes Blatt beschrieben“, sagt er. An Hilfe, heißt das, mangelt es nicht.

Die Angst der Fischbecker ist nur, dass das bald anders werden könnte. Jedenfalls sitzt Mandy Grünwald, 28 Jahre alt, Leiterin einer Tagespflege für Demente, in ihrem Haus am Ortsrand und sagt: „Das ist ja unsere große Sorge: dass wir hier irgendwann vergessen werden.“ Ihre Not, ahnt sie, wird länger bleiben als die Helfer. Vor einem Jahr ist das pinkfarbene flache Haus fertig geworden. Das meiste haben sie selbst gemacht. „Mit Hochwasser hatten wir nie gerechnet“, sagt sie. Schließlich war Fischbeck selbst bei der großen Flut 2002 verschont geblieben.

Da hatte der Deich gehalten. Diesmal stand ihr Mann Tobias beim Sandsackstapeln auf dem Deich. Als er sah, dass es vergeblich sein würde, rief er seine Frau an und sagte: „Du musst weg.“ Mandy Grünwald nahm den dreijährigen Sohn und fuhr zu Verwandten. Als sie nach zwölf Tagen zurückkehrten, schwappte ihnen auf einer letzten Welle das Lieblingsstofftier ihres Sohnes entgegen.

Im Wohnzimmer stemmt Tobias Grünwald nun mit einem Presslufthammer den Boden auf. „Überall Wasser drunter.“

Ihr gesamtes Mobiliar liegt auf dem Schuttberg hinter dem Haus. Finanzielle Hilfen? Auf 2000 Euro vom Land können sie hoffen. Erhalten haben sie noch nichts. Spenden? „Ich glaube nicht, dass da etwas bei uns ankommt.“ Es klingt resigniert, nicht wütend. Immerhin hatten sie eine Gebäudeversicherung, die auch bei Hochwasser greift. Aber die Summe, die sie bekommen, decke bei Weitem nicht den Schaden. „Im Grunde“, sagt Mandy Grünwald, „ist das unser Ruin.“

An Silvester wollen sie wieder zurückkehren. Da hat ihr Sohn Geburtstag, und sie haben ihm ein Zimmer mit Feuerwehreinrichtung versprochen, weil Feuerwehrleute für ihn jetzt noch größere Helden sind. Sie wissen bloß noch nicht, wie sie das Zimmer bezahlen sollen.

Elfriede Adam aus der Kabelitzer Straße wird Fischbeck verlassen. Ihre Töchter suchen eine Wohnung. Nicht mehr in Fischbeck zu wohnen, „das kann ich mir noch gar nicht vorstellen“, sagt sie. Dann geht sie hinters Haus, zu einer Voliere, die ihr Mann gebaut hatte.

Elfriede Adam war sicher, dass ihre Kanarienvögel tot sein würden, aber als sie zurückkam, waren sie so munter wie eh und je, hüpfende gelbe Punkte vor grauem Grund. „Keine Ahnung, wie die das ausgehalten haben, zwei Wochen ohne Futter“, sagt sie und lächelt. Aber sie haben es geschafft, und wohin auch immer sie nun zieht, die Vögel sollen mit. Sie sind das einzige Stück Zuhause, das ihr bleibt.

Was den Opfern jetzt hilft

Was tut der Staat?

Einstimmig hat der Bundestag gestern den Solidaritätsfonds zur Bewältigung der Flutkatastrophe beschlossen, in den zunächst acht Milliarden Euro des Bundes fließen sollen. Die 16 Bundesländer stehen für 3,25 Milliarden ein. 1,5 Milliarden Euro des Fonds sind für den Wiederaufbau von Autobahnen, Brücken oder Wasserwegen vorgesehen.

Wie wurde bisher gespendet?

Bislang haben die Deutschen mindestens 75 Millionen Euro überwiesen. Größter Spendensammler ist mit bislang 22,5 Millionen Euro die Aktion Deutschland hilft. Die Spendenbereitschaft hat sich nach anfänglichem Zögern gesteigert, bleibt aber hinter 2002 deutlich zurück: Nach der Oder- und Elbflut wurden 350 Millionen Euro gespendet.

Reicht das?

Wohl nicht. Die Länder und Kommunen sind noch dabei, eine Bilanz zu erstellen. Nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes belaufen sich die Verluste allein bei Landwirten auf rund 500 Millionen Euro, 350 Millionen für Ernteausfälle sowie 150 Millionen für beschädigte Gebäude, Maschinen und getötete Tiere.

Was wird jetzt benötigt?

Viele Menschen haben entlang der Elbe ihre komplette Einrichtung verloren. Sie benötigen Möbel, Kleidung, alles.

Sind Sachspenden sinnvoll?

Eher nicht. Viele Kommunen sind an ihre Kapazitätsgrenzen geraten. „Unsere Lager sind randvoll“, sagt Ingrid Schildhauer vom Salzlandkreis in Sachsen-Anhalt. Sinnvoller sind Geldspenden.

Warum ist bisher kaum Geld an die Betroffenen geflossen?

Bislang haben viele Opfer zum Beispiel in Sachsen-Anhalt noch nicht einmal die Soforthilfen der Landesregierung erhalten. Die Kommunen, die die Auszahlung der Spenden organisieren müssen, sind zumeist selbst betroffen und müssen erst noch ein System erstellen, um sicherzustellen, dass Spenden fair verteilt werden.

Wem kann ich meine Spende anvertrauen?

Grundsätzlich kann man die Seriosität von Hilfsorganisationen anhand des Spendensiegels des DZI (www.dzi.de/spenderberatung) prüfen. Alles Weitere ist eine Frage eigener Prioritäten: Mit Spenden zum Beispiel an die Aktion Deutschland unterstützt man vor allem die Arbeit der Organisationen, die jetzt etwa noch Menschen bei der Trockenlegung ihrer Häuser helfen und Mittel auch an Betroffene weitergeben. Der Landkreis Stendal etwa sichert zu, dass Geld von seinem Spendenkonto ohne Abzüge direkt an die Betroffenen geht.

Wie groß ist der Bedarf in Niedersachsen?

Eine Bilanz gibt es auch hier noch nicht, die Schäden waren aber nicht so groß wie andernorts. Das Land stellt mit dem Bund 40 Millionen Euro zur Verfügung. Die Auszahlung der Soforthilfe soll in den kommenden Tagen anlaufen. Auch hier bitten die Kommunen, lieber Geld als Gegenstände zu spenden.

Spendenkonten:

Aktion Deutschland Hilft e. V., Bank für Sozialwirtschaft, Konto 10 20 30, BLZ 370 205 00, Stichwort: „Hochwasser-­Hilfe 2013“Landkreis Stendal, Konto 101  015 445, Bankleitzahl: 810 505 55, Verwendungszweck: „Hochwasserhilfe“.

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