Justizskandal in der USA

Haaranalysen führen zu tödlichen Fehlern des FBI

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Gegner der Todesstrafe klagen US-Justizsystem an: Bundespolizei wertete Haaranalysen über Jahrzehnte falsch aus.

Washington - Ein schwerer Justizskandal erschüttert die USA: Die Bundespolizei FBI soll jahrzehntelang falsche Haaranalysen vorgelegt haben. In 32 Fällen, in denen die Gutachter falsche Aussagen machten, wurden Todesurteile verhängt. Experten sprechen von einem Desaster für das amerikanische Rechtssystem.

Das Justizministerium und das FBI bestätigten am Montag einen Bericht der Washington Post, dass zwischen 1985 und 2000 nahezu sämtliche Haaranalysen fehlerhaft gewesen seien. Neue DNA-Tests hätten eindeutig gezeigt, dass die damalige Methode, Haare unter dem Mikroskop zu vergleichen, völlig untauglich sei und in neun von 10 Fällen zu falschen Rückschlüssen führen könnten. In 95 Prozent der 268 untersuchten Fälle wurde die Probe offenbar fälschlich dem Angeklagten zugeordnet. Meist habe es sich um Mord- oder Vergewaltigungsfälle gehandelt - mit einem entsprechend hohen Strafmaß.

28 Jahre unschuldig hinter Gittern

Zu den Leidtragenden der falschen Gutachten zählt Cleveland Wright aus Washington. Der 56-jährige Afroamerikaner saß 28 Jahre unschuldig hinter Gittern, weil ihm 1978 der Mord an einer jungen Blumenverkäuferin angelastet wurde.

"Damals wusste ich nicht viel über Forensik. Aber ich wusste, dass ich unschuldig war", sagt Wright, der nach der langen Haftstrafe wieder bei seinen Eltern in der US-Hauptstadt lebt. Todesstrafen-Gegner des "Innocence Project" (Projekt Unschuld), die die Aufarbeitung maßgeblich vorangetrieben hatten, sehen ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt: "Es ist erschütternd, dass so viele Unschuldige die Fehler des Justizsystems mit dem Leben bezahlen mussten", sagt Peter Neufeld.

„Innocence Project“

Der Mitbegründer von "Innocence Project" sieht allerdings einen doppelten Skandal: Die Sicherheitsbehörden hätten jahrzehntelang auf fehlerhafte Methoden vertraut und später die Aufarbeitung unnötig in die Länge gezogen. Tatsächlich hatte es bereits vor drei Jahren entsprechende Berichte über mögliche Fehlurteile gegeben. "Wir brauchen eine ausführliche Untersuchung, warum FBI, Regierungen und die Gerichte diese Methoden zugelassen haben und warum das nicht viel früher beendet wurde", sagt Neufeld.

Gegenüber dem Sender CNN bemühte sich der frühere Vizechef des FBI, Thomas Fuentes, um eine erste Erklärung: "Die Analysten haben ganz sicher nicht vorsätzlich gelogen oder ein falsches Urteil abgegeben." Damals habe man einfach an die neue Technik geglaubt, obwohl sie ungenau war. Bei den nun untersuchten Fällen müsse zudem beachtet werden, ob - neben den fehlerhaften forensischen Analysen - auch andere Beweise zur Verurteilung beigetragen hätten.

Zweifel blieben lange geheim

Ob diese Erklärung ausreicht? Wie die Washington Post berichtet, seien die Zweifel an der Untersuchungsmethode über lange Zeit geheim gehalten worden. Erste Untersuchungsberichte seien lediglich zwischen den Ermittlungsbehörden ausgetauscht worden, obwohl die unschuldig Verurteilten weiterhin im Gefängnis - und zum Teil in der Todeszelle - saßen. Erst durch Untersuchungen der Anwaltsorganisation NACDL (National Association of Criminal Defense Lawyers) sei das Ausmaß des Skandals bekanntgeworden.

2200 Urteil werden jetzt erneut überprüft

Das Justizministerium kündigte am Montag an, weitere 2200 Urteile, in denen Haaranalysen eine Rolle spielten, zu überprüfen.

In Washington heißt es bereits, dass der Eklat weite Kreise ziehen könnte. So spricht Strafverteidiger Brian Claypool von einem systematischen Versagen: Wenn 26 von 28 Haar-Analytikern des FBI falsche Gutachten abgaben, müsse man fragen, ob dies "ein Marschbefehl von oben war". Immerhin hätten die falschen Ergebnisse zumeist die Argumente der Anklage begünstigt.

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