Kurze Flucht in Kanada

Häftlinge brechen per Hubschrauber aus Gefängnis aus

Montréal/New York - Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein – zwei Kanadier haben sich das zu Herzen genommen und sind per Hubschrauber aus dem Gefängnis geflohen. Doch unter den Wolken währte die Freiheit nur kurz.

Spektakuläre, aber kurze Flucht in Kanada: An Seilen, die aus einem Hubschrauber baumelten, sind zwei Männer über die Köpfe ihrer Wärter hinweg aus einem Gefängnis geflohen. Die Wächter waren so überrascht, dass die Flucht ohne Probleme gelang - allerdings letztlich doch misslang. Beide Männer wurden am Sonntagabend (Ortszeit) nach wenigen Stunden in Freiheit wieder gefasst.

Der 36 Jahre alte Benjamin Hudon-Barbeau und der drei Jahre jüngere Dany Provençal, beide zu langen Haftstrafen verurteilt, hatten die Flucht mit Komplizen von draußen geplant.

Nach ersten Erkenntnissen gaben sich zwei Helfer als Touristen aus und mieteten einen Hubschrauber. In der Luft hätten sie dem Piloten eine Pistole an den Kopf gehalten und zur Haftanstalt St-Jérôme, eine halbe Autostunde nordwestlich von Montréal, gelotst. Als der Mann die Bodenkontrolle warnen wollte, sollen sie sein Mikrofon zerbrochen haben.

Der Hubschrauber wurde erwartet. Kaum schwebte er über dem Gefängnis, liefen die beiden Häftlinge Hudon-Barbeau und Provençal auf die Maschine zu, klammerten sich an heraushängende Seile und entschwanden vor den Augen der Wärter.

Der Hubschrauber wurde nur 80 Kilometer entfernt gefunden, darin nur noch der Pilot, der ins Krankenhaus kam. Nach den beiden Ausbrechern lief eine Großfahndung an.

Während überall gesucht wurde, rief ein Mann einen Radiosender an und behauptete, er sei Hudon-Barbeau. Bitter beschwerte er sich über die Haftbedingungen, außerdem sei ihm bei der Flucht ins Bein geschossen worden. „Ich bin bereit, zu sterben.“ Ins Gefängnis gehe er auf keinen Fall zurück.

Ging er aber doch. Nur Stunden nach der Flucht wurde der 36-Jährige, der zur Rockerbande Hells Angels gehören soll, mit zwei Helfern in Chertsey, 50 Kilometer nördlich des Gefängnisses, gefasst. Provençal wurde kurze Zeit später gefunden, er leistete keinerlei Widerstand.

Die Haftanstalt ist dafür bekannt, gerade an Wochenenden öfter überbelegt zu sein. Der für die Gefängnisse in der französischsprachigen Provinz Québec zuständige Beamte Yves Galarneau zeigte sich vor Reportern aber völlig überrascht von der Flucht: „Das war außergewöhnlich.“

So außergewöhnlich aber doch nicht. Mehr als drei Dutzend Male versuchten Häftlinge schon per Hubschrauber zu fliehen, in gut zwei Dritteln der Fälle waren sie - zunächst zumindest - auch erfolgreich. Jede dritte Hubschrauberflucht fand dabei in Frankreich statt.

Vielleicht auch die filmreifste: 1986 erzwang sich Michel Vaujour mit einer Pistolenattrappe und Handgranaten - in Wirklichkeit waren es angemalte Früchte - den Weg zum Dach des Gefängnisses. Die Wärter ließen ihn ziehen - was sollte er auf dem Dach schon anrichten?

Plötzlich kam ein Hubschrauber angeflogen. Vaujours Frau Nadine hatte extra Flugstunden genommen und holte ihren zu 28 Jahren verurteilten Mann raus. Vaujour, der fünfmal ausbrach, wurde später bei einem Banküberfall in den Kopf geschossen. Er überlebte schwer verletzt.

Die Flucht wurde ebenso verfilmt wie die von Joel Kaplan 1971, die als erste Hubschrauberflucht gilt. Der US-Amerikaner war aus einem Gefängnis in Mexiko-Stadt geholt worden - allerdings erst vier Jahre, nachdem gleiches schon in der britischen Serie „Nummer 6“ versucht worden war.

Star unter den Hubschrauber-Ausbrechern bleibt Pascal Payet. Er überwand gleich dreimal Gefängnismauern per Helikopter - und wurde jedes Mal wieder gefasst. Zurzeit sitzt der Mörder in Haft.

dpa

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