Umstrittene Pläne

Hamburger Drahtseilakt

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Foto: So könnte es einmal aussehen. Die Meinungen über die geplante Seilbahn gehen in Hamburg weit auseinander.

Hamburg - Die Bürger der Hansestadt streiten um eine Seilbahn über die Elbe, 35 Millionen Euro soll das Projekt kosten. Am Sonntag wird in einer Abstimmung über das Bauvorhaben entschieden, rund 200.000 Hamburger sind wahlberechtigt.

ie höchste Erhebung in Hamburg ist der Hasselbrack, ein 116 Meter hoher Nordausläufer der Harburger Berge. Die „Wasserfreunde Hamburg“ haben dem Hügel unlängst ein stilechtes Gipfelkreuz spendiert, es gibt ein Gipfelbuch und einen Geocache, den Wanderer finden können. Wenn die Hansestadt an diesem Wochenende erbittert um den Bau einer Seilbahn streitet, geht es aber nicht um die Auffahrt zum Hasselbrack, sondern um ein zusätzliches Verkehrssystem in der Hansestadt, um eine neue Verbindung über die Elbe, vor allem aber um den Sprung in eine Liga mit Weltstädten wie New York, London, Barcelona, São Paulo oder Singapur. Alles Metropolen mit einer Seilbahn, und in dieser Gondel-Weltliga will Hamburg künftig mitmischen.

Die ehrgeizigen Pläne des Musicalbetreibers Stage Entertainment („Der König der Löwen“, „Das Phantom der Oper“, „Mamma Mia!“) und des österreichischen Seilbahnherstellers Doppelmayr aus Bregenz sehen eine Verbindung vor, die in 80 Metern Höhe über den Hafen führt. Vom 92 Meter hohen Nordponton an der Glacischaussee auf St. Pauli geht es Richtung Süden zu den Musicaltheatern am Südufer. Eine Verlängerung der Strecke bis Wilhelmsburg und zu den Kreuzfahrtterminals wäre möglich, ist aber derzeit durch das Hafenentwicklungsgesetz unterbunden. An diesem Sonntag sollen rund 200 000 Wahlberechtigte des Bezirks Hamburg-Mitte über den 35 Millionen teuren Bau abstimmen.

Die zuständige Bezirksversammlung hatte das luftige Projekt im vergangenen Jahr zu den Akten gelegt, mehr als 14 000 Seilbahnfans aber brachten mit ihrer Unterschrift ein Bürgerbegehren pro Gondel auf den Weg. Und die Befürworter im Seilbahn-Wahlkampf (Motto: „Künftig schweben wir zum Dom“) führen gute Argumente ins Feld: Die Verbindung könnte das Verkehrsnetz entlasten – wobei es vorrangig um die Fähren geht, die bislang die Musicalbesucher zu den Veranstaltungen bringen. Die Seilbahn fahre mit Elektrostrom und gelte als eines der sichersten Verkehrsmittel. Sie würde Touristen anlocken und den „Sprung über die Elbe“ für 3000 Fahrgäste pro Stunde ermöglichen.

„Kein Disneyland auf St. Pauli!“

Vor allem aber, und das ist das wichtigste Argument der Pro-Gondler: Die Bahn würde den Steuerzahler nichts kosten. Denn das Projekt ist rein privatwirtschaftlich finanziert und – so das Versprechen – würde nach zehn Jahren wieder demontiert. Bürgerschaftsabgeordnete machen eine andere Rechnung auf: Eine runde Million Euro könnten die Hamburger Verkehrsbetriebe pro Jahr durch die neue Konkurrenz verlieren – am Ende würde doch der Steuerzahler belastet. Zudem koste eine einfache Fahrt sechs Euro – zu teuer, „Kein Disneyland auf St. Pauli!“, wettern Gegner.

Die Gründerin der Initiative „Keine Seilbahn von St. Pauli über die Elbe“, Sabine Hirche (32), sagte dem „Hamburger Abendblatt“: „Ich hatte sofort ein Bild von riesigen Stahlpfeilern im Kopf, die ein Seil über unsere geliebte Elbe spannen und das wunderbare Hafenpanorama zerstören würden.“ Auch die Grünen sind dagegen: Zu teuer, zu hässlich – die Seilbahn sei lediglich ein „Musicalzubringer“. St. Pauli könnte, so meinen viele zwischen Hafenstraße und Millerntor, weiter kommerzialisiert werden, die Umgestaltung des Spielbudenplatzes an der Reeperbahn und seine Nutzung als Partyhochburg sei nur ein erster Schritt gewesen.

Die Seilbahn voller Musicalfans sei der endgültige Schritt zur Gentrifizierung des Kiezes. Hauptnutznießer sei, so Kritiker, Musical-Multi Stage Entertainment. Abend für Abend zieht der „König der Löwen“ mehr als 2000 Besucher an, das neue Musical „Das Wunder von Bern“ könnte zusätzliche 1800 Gäste nach Steinwerder locken. Auch deshalb zeigen sich Politiker wie SPD-Mann Andy Grote reserviert. St. Pauli, so der 46-jährige Bezirksamtschef, sei kein Freizeitpark, sondern Heimat.

„Mehr Chance als Risiko“

Aber ist die Suche nach Vergnügen nicht gerade das Wesen St. Paulis? Travestiekünstlerin Olivia Jones, die seit vielen Jahren im Kiez lebt, outet sich als – nachdenkliche – Befürworterin: „Unterm Strich scheint für mich das Projekt immer noch mehr Chance als Risiko zu sein, vor allem, weil es bestimmt nicht das Klientel nach St. Pauli lockt, vor dem sich Anwohner fürchten. Wodka-Zapfhähne an Bord der Gondeln sind jedenfalls, soweit ich weiß, noch nicht geplant.“

Und mit dem Unternehmer Albert Darboven haben die Seilbahn-Befürworter einen Kaufmann in ihren Reihen, der in bester hanseatischer Tradition argumentiert. Man dürfe sich Neuem nicht verschließen, sagt der Kaffee-König. Gerade in Hamburg „sollten die Menschen wissen, dass man dann und wann zu neuen Ufern aufbrechen muss.“

Singapur bis Rio: Auf Draht durch die Stadt

Wer hat’s erfunden? Die Schweizer! Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in Schaffhausen eine rund 100 Meter lange Seilbahn konstruiert, die zwei Personen über den Rhein bringen konnte. Doch die Geschichte der Seilbahn, genauer: der Seilschwebebahn, ist weitaus komplizierter. Schon im Mittelalter soll es in Japan Vorrichtungen gegeben haben, Personen mittels an Seilen hängender Körbe über Schluchten zu ziehen. Im Harz wurde dann das Drahtseil erfunden, bis heute unabdingbar für Seilbahnen. 1908 eröffnete in Bozen mit der Kohlerer-Bahn die erste öffentliche Seilbahn Mitteleuropas. Über Jahrzehnte blieben Seilbahnen ein Transportmittel des Gebirges, erst neuerdings sind die Gondeln auch über Städten zu sehen. In Köln können Touristen über den Rhein schweben, auch in Koblenz führt eine Bahn über den Rhein zur Festung Ehrenbreitstein. In Norddeutschland waren gelbe Gondeln bei der Weltausstellung Expo 2000 ein Hingucker, mittlerweile bringen sie Alpinisten bergauf ins Tiroler Skigebiet Fieberbrunn.Doch nicht nur in Europa gehören Seilbahnen zu den Bildern der Metropolen. In Singapur, Rio, Kapstadt, Caracas und New York zählen sie zu den Touristenattraktionen, Die Ngong-Ping-360-Seilbahn in Hongkong etwa bietet eine 5,7 Kilometer lange, 25 Minuten dauernde Fahrt über Wasser und Berge. Nun will auch Berlin mitgondeln: Zur Internationalen Gartenausstellung 2017 sollen Gäste 1,5 Kilometer lang über Marzahn schweben. Und aus der Vogelperspektive ist bekanntlich alles noch mal so schön.

von Harald John

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