Trauerfeier nach dem Attentat

Hameln trauert um Landrat Rüdiger Butte

+
Große Anteilnahme: Noch immer tragen sich Bürger und Beamte ins Kondolenzbuch im Hamelner Kreishaus ein.

Hameln - Zwölf Tage nach dem Attentat auf den Chef der Hamelner Kreisverwaltung steht die Stadt immer noch unter Schock. Mehr als 1000 Gäste werden am Mittwoch in Hameln zur Trauerfeier für den getöteten Landrat Rüdiger Butte erwartet. Die Warum-Frage bleibt weiterhin unbeantwortet.

Das ist kein Zufall. Wer in diesen Tagen mit auswärtigem Autokennzeichen in Hameln nach dem Weg zum Kreishaus fragt, wird zuerst ziemlich kritisch inspiziert, bis nach einer Gegenfrage („Sie kommen wegen unserem Landrat Butte?“) die Wegweisung geschieht. „Es gibt kein anderes Thema in der Stadt“, sagt Hamelns Erster Kreisrat Carsten Vetter. Auch zwölf Tage nach der Ermordung Rüdiger Buttes stehen Stadt und Kreisverwaltung noch immer unter Schock.

„Warum?“ steht auf einem Plakat geschrieben, das an dem luziden Bau der Kreisverwaltung angebracht ist. Die Blumensträuße welken, die vor Tagen für den ermordeten Landrat abgelegt worden sind. Aber noch immer schreiben sich Menschen in das Kondolenzbuch ein, das in einer Ecke des großzügigen Foyers der Kreisverwaltung ausgelegt ist – neben einem Porträt des getöteten Politikers, der, folgt man den zahlreichen Widmungen, eine Ausnahmeerscheinung gewesen sein muss. „Humorvoll, unprätentiös, selten“, schreibt ein Trauernder. „Unsere Herzen verharren im Moment im tiefsten Schmerz“, schreiben die Anwärter des Jahrgangs 2009.

Die Türen, die in das Büro des Landrates im ersten Stock führen, sind mit Klebeband abgesperrt. Das werde wohl noch längere Zeit so sein, sagt Kreisrat Vetter. Denn die Räume müssten gründlich saniert werden. Besser nicht sagen, warum. Wer sich ausmalt, wie es in diesen Räumen aussieht, bekommt schnell ein flaues Gefühl. Drei Schüsse, zwei Tote. Butte, der seinen 500 Angestellten predigte, auch schwierige Leute nicht sogleich abzuwimmeln, sondern ihnen offen zu begegnen, holte sich an jenem unseligen Freitag vor zwölf Tagen den Attentäter selbst ins Zimmer, der auf den Plastikstühlen vor seinem Büro gesessen hatte. Der Landrat, der als ehemaliger Chef des Landeskriminalamtes gewohnt war, auch mit gefährlichen Personen umzugehen, konnte nicht wissen, dass Hans W. vor den Trümmern seiner Existenz stand – und Butte mit in den Tod reißen wollte. Das Haus des 74-jährigen Waffennarren stand vor der Zwangsversteigerung, der Entzug des Führerscheins drohte. Mahnschreiben von Gläubigern und Vollstreckungsbescheide von Gerichten fanden die Ermittler bei Hans W., der wegen illegalen Waffenbesitzes verurteilt worden war. „Das ist doch tragisch“, sagt Kreisrat Vetter. Da sei einer 30 Jahre Polizist gewesen, habe „gefahrgeneigt“ gearbeitet, sei auf eine vermeintlich ungefährliche Stelle gewechselt. „Und dann wird seine Tugend der Bürgernähe ihm zum Schicksal.“Nein, damit sind sie hier in der Kreisverwaltung noch nicht fertig, auch wenn nach der Trauerfeier am heutigen Mittwoch so etwas wie Normalität eintreten soll. „Wir können nicht stillstehen, das wäre auch nicht im Sinne des Landrates“, sagt Kreisrätin Petra Broistedt – und berichtet, dass in den letzten Tagen das politische Leben im Kreishaus so gut wie stillgestanden habe. „Wir haben die Ausschüsse vertagt.“

Natürlich haben sie sich auch gefragt, wie man künftig verhindern kann, dass so ein Wahnsinniger in die bis dahin geordnete Welt einer Kreisverwaltung einbricht. „Aber was soll man tun?“, fragt Kreisrätin Broistedt: „Wir können doch nicht in jedem Bürger einen Attentäter vermuten.“ Für 115 000 Menschen sei die moderne Kreisverwaltung zuständig. „Viele von denen gehen hier ein und aus.“ Aber sich jetzt abzuschirmen wäre das Verkehrteste – „und auch nicht im Sinne des Landrates“. Rüdiger Butte ist immer noch präsent – auch hier oben neben den abgesperrten Räumen des Landrates.

„Der war wirklich immer offen und ansprechbar, ungewöhnlich“, sagt Hamelns Superintendent Philipp Meyer, der kurz nach dem Attentat einen Gottesdienst organisiert hat, an dem spontan mehr als 700 Hamelner teilnahmen. „Die von ihm propagierte offene Tür habe ich selbst erlebt, ob es um unsere kirchliche Jugendwerkstatt ging oder um Flüchtlingshärtefälle.“ Rüdiger Butte sei ein „Landrat, wie er im Buche steht“ gewesen, sagt der Superintendent. „Einer, der mit beiden Beinen tief auf der Erde stand und in diesem sinnlosen Zusammenhang sein Leben verliert.“ Oder hätte die Polizei alles verhindern können? Ein Zeitungsbericht hat an diesem Tag vor der Trauerfeier noch einmal Wirbel gemacht. Angeblich hat ein Beamter des Landeskriminalamts, dessen Präsident Butte einmal war, seinen Kollegen in Hameln vorgeworfen, nicht gründlich genug bei Hausdurchsuchungen vorgegangen zu sein, bei denen nach den Waffen des späteren Attentäters geforscht wurde. Doch das LKA und die Staatsanwaltschaft weisen diese Darstellung verärgert zurück. Das LKA habe mit den Ermittlungen nichts zu tun und könne sie von daher schon gar nicht bewerten, erklärt Präsident Uwe Kolmey.

Müßig finden die Leute im Kreishaus diese Spekulationen – wie auch jene Frage, die draußen am Kreishaus hängt: Warum? „Wir werden sie nicht klären können“, sagt Kreisrat Vetter. Und dass man jetzt zwei Dinge beherzigen müsse: „Wir werden a) wachsam sein und b) zusammenrücken müssen.“ Und dass der Landrat, der 2005 als Erster in der neuen Kreisverwaltung sein Büro bezog, „die große Welt“ nach Hameln gebracht habe, sagt Vetter noch. Der Schock sitzt tief im Weserbergland.

16518791652718

Kommentare