Verleihung in Hannover

Hans-Dietrich-Genscher-Preis geht an Frauen aus Südniedersachsen

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Foto: In Hannover ist am Donnerstag der Hans-Dietrich-Genscher-Preis verliehen worden.

Hannover - Drei Frauen aus Südniedersachsen haben den Hans-Dietrich-Genscher-Preis für Lebensretter erhalten, weil sie einen Mann aus einem brennenden Auto gerettet haben. Auch vier Elfjährige wurden zu Lebensrettern.

An die dramatischen Szenen, die sich im März im Hafen von Jemgum abspielten, erinnern sich die Kinder noch genau: Ursprünglich hatten sich die allesamt elfjährigen Luca Janssen, Leon Kaput, Tammo Smidt und Heiko Waddenberg verabredet, um die Passage eines neuen Kreuzfahrtschiffes von der Papenburger Meyer-Werft zur Nordsee zu beobachten. Im Hafen begegneten sie dem Senior, der mit seinem neuen Elektromobil unterwegs, in der Handhabung aber noch unsicher war. Der 80-Jährige fand die Bremse nicht – „und auf einmal war der Mann im Hafenbecken verschwunden“, erinnert sich Tammo Smidt.

Hannover-96-Trainer Mirko Slomka hob in seiner Laudatio hervor, die Kinder hätten besonnen „wie Erwachsene“ gehandelt. „Dabei weiß ich gar nicht, ob Erwachsene das so gekonnt hätten wir ihr.“ Während einer der Jungs Erwachsene zu Hilfe rief, bückten sich die anderen über das Hafenbecken und hielten den Rentner über Wasser. Außerdem lotste die Gruppe der Freunde den Rettungswagen zum Unglücksort. „Ihr habt als Team gehandelt, euch gegenseitig unterstützt – und das war die Grundvoraussetzung für euren Erfolg“, unterstrich der 96-Coach.

Auch Alexandra Schnug reagierte beherzt, als sie im vergangenen November an einem verunglückten Auto vorüberkam. Die 28-jährige Holzmindenerin war frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit. Zwei Bundeswehr-Rekruten waren auf der Landstraße 580 mit ihrem Auto frontal gegen einen Baum gerast, aus der Motorhaube schlugen Flammen. „Von einem Augenblick zum anderen befand ich mich in dieser Situation“, sagte Schnug. Sofort war sie bereit, zu helfen. Zusammen mit zwei weiteren Helferinnen, Martina Körner und Stephanie Rauls, zog sie den schwerverletzten Beifahrer aus dem Wrack. Während er den Frauen sein Überleben verdankt, kam für den Fahrer jede Hilfe zu spät. „Es hat uns schwer beschäftigt, dass wir den anderen Mann nicht retten konnten“, sagt Schnug. Den belastenden Erfahrungen zum Trotz würde sie aber immer wieder genauso handeln, betont sie.

Für den früheren Bundesminister Hans-Dietrich Genscher sind die Frauen deshalb „stille Heldinnen der Menschlichkeit“. Im Gegensatz zu vielen anderen Autofahrern seien sie nicht vorbeigefahren, sondern hätten angehalten und geholfen: „Damit haben Sie viel Verantwortungsgefühl bewiesen, durch das unsere Gesellschaft lebt.“ Die Helferinnen hätten ihr eigenes Leben gefährdet, um das eines ihrer Nächsten zu retten. Ihn erinnere dieser selbstlose Einsatz an die biblische Geschichte vom barmherzigen Samariter, sagte der 86-Jährige.

Ausgewählt wurden die Preisträger von einer fünfköpfigen Jury. Ihr gehörten neben 96-Trainer Mirko Slomka auch Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD), Messe-Chef Wolfram von Fritsch, Matthias Ludwig von der Deutschen Brandschutz-Vereinigung sowie Johanniter-Präsident Hans-Peter von Kirschbach an. Mögliche Preisträger waren aus dem ganzen Bundesgebiet vorgeschlagen worden, sodass die Entscheidung nicht leicht fiel. „Uns ist es wichtig, dass Passanten zu Rettern wurden“, erläuterte von Kirschbach. Deshalb gehe die Auszeichnung bewusst an Laien – und nicht an professionellen Retter. „Durch den Hans-Dieter-Genscher-Preis und den Johanniter-Junioren-Preis wird bürgerschaftlichem Engagement genau jene Aufmerksamkeit zuteil, die es viel zu selten bekommt.“

Von Kirschbach erinnerte daran, dass Genscher in den siebziger Jahren als Bundesinnenminister den Aufbau eines engen Netzes von Rettungshubschraubern entscheidend vorangetrieben hatte. „Dadurch wurde vielen Tausend Menschen das Leben gerettet.“ Seit 1995 vergeben die Johanniter in Erinnerung an dieses Wirken alle zwei Jahre den nach Genscher benannten Preis. Die Auszeichnung für Kinder und Jugendliche gibt es seit 2003.

In seiner Rede ging der frühere FDP-Spitzenpolitiker darauf ein, dass auf den Tag genau vor 64 Jahren das Grundgesetz verabschiedet wurde. „Es ist die freiheitlichste und beste Verfassung, die wir je hatten.“ Entscheidend sei, dass sie den Menschen als Maßstab allem anderen voran stelle. „Alle Preisträger haben gerade diesen Wert der Menschlichkeit mit Leben gefüllt.“

Thomas Paterjey

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