Ärztevereinigung

Hartmannbund will Beschneidungen zulassen

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Foto: Nach dem Hartmannbund Niedersachsen sollen Beschneidungen aus religiösen Gründen auch in Zukunft erlaubt sein.

Hannover - Der Hartmannbund Niedersachsen will Beschneidungen aus religiösen Gründen weiterhin zulassen. Nach Auffassung des Verbandes greift ein Verbot elementar in durch das Grundgesetz geschützte Rechte ein

Bis zu einer höchstrichterlichen Klärung solle die Ärztekammer Niedersachsen klarstellen, dass „nicht berufsunwürdig oder dem Berufsrecht wiedersprechend“ handele, „wer aus religiösen Gründen Zirkumzisionen – auch an Minderjährigen – vornimmt“, heißt es in einem Antrag an die Kammerversammlung, der dieser Zeitung vorliegt.

„Eine bisher allgemein akzeptierte religiöse Handlung von Minderheiten unter Strafe zu stellen, stellt das Maximum an Ausgrenzung dar, das denkbar ist“, sagte Hartmannbund-Chef Bernd Lücke am Mittwoch. Deshalb müsse die Ärztekammer den Gesetzgeber auffordern, hier schnellstmöglich Klarheit zu schaffen.

Der Hartmannbund vertritt nach eigenen Angaben etwa ein Viertel der 36.000 Mediziner in Niedersachsen. Mit dem Antrag reagiert die Standesorganisation auf die Aufforderung des Bundesärztekammerpräsidenten Ulrich Montgomery, wegen der unklaren Rechtslage religiös motivierte Beschneidungen an Jungen vorerst nicht mehr vorzunehmen. Das Landgericht Köln hatte kürzlich die Beschneidung eines muslimischen Knaben als Körperverletzung gewertet, weil ein medizinisch nicht notwendiger Eingriff nicht dem Kindeswohl entspreche.

Nach Auffassung des Hartmannbundes greift dieser Beschluss elementar in zwei durch das Grundgesetz geschützte Rechte ein: Er beschränke die Religionsfreiheit und setzte sich über die Elternrechte hinweg. Im Judentum beispielsweise sei die Beschneidung bei Jungen der wesentliche Initiationsritus für die Zugehörigkeit zur Religion – vergleichbar mit der christlichen Taufe, meint Lücke. Im Übrigen sei es Sache der Eltern über das Kindeswohl zu entscheiden – dazu gehöre auch der Wunsch, den Nachkommen die Zugehörigkeit zur eigenen Religionsgemeinschaft zu ermöglichen.

Der Hartmannbund führt auch ärztliche Argumente an. Nach der Logik des Kölner Beschlusses müssten künftig auch Operationen von „Segelohren“ unterbleiben, weil diese medizinisch nicht zwingend notwendig seien, heißt es in dem Antrag. Das Bundesjustizministerium habe jedoch erst im Mai erklärt, dass ein allgemeines Verbot für kosmetische Operationen bei Jugendlichen unzulässig sei, weil dadurch in die verfassungsmäßigen Rechte der Eltern eingegriffen würde. Zudem empfehle die Weltgesundheitsorganisation allgemein die Beschneidung – unter anderem weil Beschnittene seltener an HIV-Infektionen erkrankten.

Die Ärztekammer Niedersachsen wollte sich zu dem Antrag des Hartmannbundes gestern nicht äußern. Man werde dazu erst nach der Kammerversammlung am 26. September Stellung nehmen, erklärte ein Kammersprecher. Bis dahin werde es auch keine Empfehlung an die Ärzte geben, wie sie sich bei Beschneidungen verhalten sollen. Rechtsfragen dazu könne aktuell nur das Landgericht Köln beantworten.

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