Interview

Heiner Geißler: Vatikan braucht „moderne Tempelreinigung“

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Foto: Der Ex-CDU-Generalsekretär Heiner Geißler wünscht sich eine Abschaffung des Dogmentempels von Seiten der katholischen Kirche.

Heidelberg - Der Vatikan braucht nach Ansicht des ehemaligen CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler eine Generalüberholung. „Das gilt nicht nur für die Besetzung der Ämter, er muss auch den Dogmentempel mit Jungfrauengeburt, Unfehlbarkeit und Marias Himmelfahrt ausräumen“, sagte Geißler der „Rhein-Neckar-Zeitung“ in Anspielung auf Jesus, der Händler aus dem Tempel in Jerusalem verjagte.

"Der Vatikan braucht eine moderne Tempelreinigung", sagte Geißler. Der ehemalige Jesuit forderte, Papst Franziskus müsse die Kurie - also die Leitung der katholischen Kirche - reformieren oder sogar abschaffen. "Er muss neue Leute ernennen, die Kongregationen modernisieren", sagte Geißler. "Das traut man ihm auch zu. Die Kurie sollte wie eine Regierung organisiert werden, die wöchentlich tagt." Zudem müsse die Kirche sich lautstark für eine humane Wirtschaftsordnung einsetzen.

Nach Meinung von Geißler gingen von der Wahl des neuen Papstes drei wichtige Signale aus. Zum einen halte Franziskus als Jesuit wenig von Pomp, Prunk und Eitelkeit. Die ersten Auftritte des Papstes seien von Bescheidenheit und Demut geprägt gewesen. Für die Jesuiten aber sei Demut nicht hündisches Kriechen, sondern Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst, also geistige Unabhängigkeit. Geißler sagte, zum anderen habe sich der Papst nach Franz von Assisi benannt, der sich im 12. und 13. Jahrhundert gegen die strukturelle Gewalt als Ursache der Armut gewandt habe. Der Papst werde die tätige Nächstenliebe nach vorn rücken. "Nächstenliebe ist nicht, wie bei Benedikt, eine spirituelle Angelegenheit", sagte Geißler. "Sondern die Aufgabe, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern und die Ursachen der Not zu beseitigen." Und drittens habe der Papst in seiner Heimat Argentinien gegen Armut gekämpft und sich mit den Machthabern angelegt. „Die Kirche muss sich wieder den Menschen zuwenden, eine Volkskirche werden, von unten nach oben“, sagte Geißler.

dpa/dapd

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