Schulstart im Norden

Der heiße Stuhl

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Ein Ort der Irrationalität: Wenn Mütter und Väter auf solch viel zu kleinen Stühlen Platz nehmen, warten meist große Herausforderungen auf sie.

Hannover - Der Elternabend ist das Hochamt der Mitbestimmung in der Schule – und kann nervtötend sein: Der ganz persönliche Erlebnisbericht des Vaters, Autoren und Bloggers Nico Lumma.

Die Ferien sind vorbei, und nicht nur die Schülerinnen und Schüler sind gespannt, wie das neue Schuljahr so werden wird. Auch auf die Eltern warten große Herausforderungen. Eine davon heißt Elternabend, aber dahinter verbirgt sich viel mehr, als der Begriff erahnen lässt.

Es mag daran liegen, dass beim Elternabend klassischerweise die Eltern auf Kinderstühlen sitzen, Salzstangen knabbern und aus Plastikbechern Sprudelwasser trinken dürfen. So ein Abend ist gefüllt von Irrationalität. Da ist es völlig egal, was die Eltern beruflich machen: Sobald sie im Klassenzimmer sitzen, stellen die einfachsten Dinge eine Herausforderung dar – das fängt mit dem Ausfüllen der Adressenliste an und hört bei der Organisation eines Klassenfestes auf. Nicht jeder Elternteil hat einen Stift dabei oder ist in der Lage, den eigenen Kalender einzusehen oder kann spontan entscheiden, ob ein Kartoffelsalat mitgebracht werden kann oder doch lieber Baguette.

Elternabende sind essenzielle Bestandteile des Elterndaseins, denn sie machen allen Anwesenden deutlich, wie schwer es ist, immer wieder den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Schließlich geht es um das Wohlergehen der lieben Kleinen, und da ist es sehr schwer, Kompromisse einzugehen. Wer einmal dabei war, wenn Eltern darum feilschen, um wie viel Uhr die Kinder spätestens gebracht werden dürfen oder wie viele Minuten Hausaufgaben pro Tag zumutbar sind, der wird sehr oft feststellen, dass eigentlich alles kein Problem darstellt, aber Josephine dienstags Reiten hat, Marie mittwochs Querflöte und Jonas donnerstags Schach, das müsse man doch berücksichtigen.

Unerfahrene Eltern landen dann direkt in einer Diskussion über die Nachmittagsplanung – und über die besten Aussichten für eine spätere Karriere. Dabei wird klar, dass Eltern nichts auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Der Kinder wegen.

Mitten in diese aufgepeitschte Atmosphäre herein wird dann zu Anfang des Schuljahres die Frage gestellt, deren Dringlichkeit alle Anwesenden automatisch an die fiesesten Momente der eigenen Schulzeit erinnert und sie daher sehr tief in den viel zu kleinen Kinderstuhl rutschen lässt: „Wer will Elternvertreter werden?“

Amtierende Elternvertreter schmücken diese einfache Frage durch längere Darstellungen aus. So wird allen Beteiligten schlagartig klar, dass die Relevanz des Amtes und die damit verbundene zeitliche Intensität den Anforderungen an einen Bundesminister schon recht nahe kommen. Nach einer kurzen Schrecksekunde meldet sich dann aber doch eine Mutter mit Sendungs- und Gestaltungsbewusstsein, die fortan die Geschicke der Elternvertretung in ihre Hand nehmen wird, zur großen Erleichterung aller anderen Eltern, die bislang eher unentspannt dagesessen haben.

Was wichtig ist beim Elternabend

Elternabende sollen es Müttern und Vätern ermöglichen, das Schulleben mitzugestalten und Probleme anzusprechen. Dabei sind verschiedene Gremien und Posten von Bedeutung.

  1. Klassenelternvertreter : Ein wichtiger Punkt bei Elternabenden ist die Wahl der Klassenelternvertreter. Dabei werden von der ersten Klasse an für zwei Schuljahre ein Vorsitzender und ein Stellvertreter gewählt. Diese sollen die Interessen der Kinder vertreten, bei Problemen vermitteln und Aktivitäten der Eltern koordinieren. Laut Niedersächsischem Schulgesetz müssen die Klassenelternvertreter mindestens zu zwei Elternabenden im Jahr einladen und diese Versammlungen auch leiten. Eine Ausnahme ist der allererste Elternabend, bei dem die Lehrer dafür zuständig sind.
  2. Schulelternrat : Der Vorsitzende der Klassenelternschaft ist qua Gesetz auch Mitglied des Schulelternrats. Dieser setzt sich also aus allen Klassenelternvertretern der Schule zusammen. Er tagt mindestens zweimal im Jahr. Der Schulelternrat vertritt die Eltern nicht nur gegenüber der Schulleitung, sondern auch gegenüber der Landesschulbehörde.
  3. Konferenzen : Im Wesentlichen gibt es drei Arten von Konferenzen, an denen Elternvertreter teilnehmen: Bei der Gesamtkonferenz, die unter anderem pädagogische Angelegenheiten regelt, richtet sich die Zahl der stimmberechtigten Eltern nach der Größe des Lehrerkollegiums. Fachkonferenzen befinden über Angelegenheiten einzelner Fächer. Und Klassenkonferenzen (dazu gehören auch Zeugniskonferenzen) beschäftigen sich unter anderem mit dem Verhalten der Schüler, Disziplinarmaßnahmen oder Hausaufgaben in einer bestimmten Klasse. Beim Elternabend werden die Eltern gewählt, die an der Klassenkonferenz teilnehmen.
  4. Schulvorstand : In Niedersachsen wurde 2007 das Konzept der eigenverantwortlichen Schule eingeführt. Seitdem gibt es als neues Gremium den Schulvorstand, der Eltern und Schülern mehr Mitwirkungsmöglichkeiten eröffnen soll. Er entscheidet über wesentliche Fragen des Schullebens. Laut Niedersächsischem Schulgesetz besteht er an Grundschulen jeweils zur Hälfte aus Lehrern und Eltern, an weiterführenden Schulen gehören ihm auch Schülervertreter an. Elternvertreter werden für zwei Jahre vom Schulelternrat für den Schulvorstand gewählt. Dabei können alle Erziehungsberechtigten gewählt werden, die ein Kind an der Schule haben. Diese können gleichzeitig im Schulelternrat sitzen, doch ist dies keine Bedingung. be

Mehr Infos unter www.landeselternrat-nds.de.

Überhaupt gibt es bei jedem Elternabend die üblichen Verdächtigen, die nicht fehlen dürfen. Neben der bereits erwähnten Mutter mit Sendungs- und Geltungsbewusstsein gibt es auch immer mindestens zwei Elternteile, die selber Lehrer sind. Oder Lehrer im Freundeskreis haben. Oder selber mal zur Schule gegangen sind, weswegen sie alles infrage stellen, was ein Lehrer oder eine Lehrerin ihnen als pädagogisches Konzept anpreisen will.

So wird nicht nur angezweifelt, ob die Kinder ohne Fu und Uta Lesen und Schreiben lernen können, sondern auch, ob die Sitzordnung praktikabel ist oder ob der Stundenplan für die Kinder überhaupt passend ist. Komplementär dazu gibt es den Fußballvater, der stets in Sorge ist, dass die Karriere seines Sohnes vorbei sein könnte, bevor sie richtig begonnen hat, weil in der Schule nicht genug Wert auf Sport und insbesondere auf Fußball gelegt wird.

Stets anwesend sind auch die allseits besorgten Ökoeltern, die Wert darauf legen, dass nicht nur die eigenen Kinder in den Genuss von bei Mitternacht geerntetem Dinkel kommen, sondern deren Sendungsbewusstsein so weit reicht, dass sie gerne allgemeinverbindliche Vorschriften definieren und diese am liebsten auch sofort per Amt als Ökoeltern erlassen wollen.

Diese Vehemenz ist dem Nickvater völlig zuwider, der meist im Schlepptau einer Mutter mit Sendungs- und Geltungsbewusstsein anzutreffen ist. Stets meldet er sich nur nach eindringlicher Ermahnung seiner Frau zu Wort („Nun sag doch auch mal was!“) und sagt dann das, was seine Frau will. Ansonsten blickt dieser Vater meist trist in die Runde und hofft, nicht weiter aufzufallen. Der Nickvater und seine Frau haben eine gemeinsame E-Mail-Adresse, die oft auf „Familie_Soundso@gmx.de“ lautet und somit auch im digitalen Zeitalter einen symbiotischen Zusammenhalt symbolisieren soll.

Nicht fehlen darf bei den Eltern die Verpeilte – eine Mutter, die zu spät kommt, nicht weiß, wann sie wie abstimmen soll und wo sie auf dem Zettel ihren Namen eintragen muss. Als Ausgleich versucht sie dafür, niedlich zu gucken, und weist darauf hin, dass ihre Kinder gerade anstrengend sind, was sofort alle Anwesenden nachvollziehen können.

All diese Mütter und Väter treffen auf einen Lehrkörper, der die anwesenden Eltern genauso behandelt wie die Schüler. Jede Information wird doppelt und dreifach wiederholt, für jeden Sachverhalt gibt es einen extra Zettel für die Mappe, und es gilt, die veranschlagte Zeit mit einer Punktlandung zu füllen, sodass niemand frühzeitig den Ort des Geschehens verlassen darf. Als gute Pädagogen nehmen diese Lehrer jeden Diskussionspunkt dankbar auf und sorgen so für die endlose Debatte von Themen, die man auch mit einem einfachen „Wir machen das so!“ als gesetzt deklarieren könnte. Man will ja allen Anwesenden das gute Gefühl geben, sich auch jederzeit einbringen zu können.

Zum Standardrepertoire eines guten Pädagogen gehören dann Diskussionen um das Mitmachen im Unterricht und das Verhalten auf dem Schulhof, deren Tenor man im Allgemeinen als Common Sense abtun könnte. Dennoch entfachen diese in der Regel lange Diskussionen, weil jeder der Anwesenden genau so etwas (oder wenigstens etwas komplett anderes) auch schon einmal irgendwo miterleben musste.

Ein Elternabend endet erst, wenn der Hausmeister mit dem Schlüsselbund in der Tür steht und signalisiert, dass es jetzt aber wirklich Zeit ist zu gehen. Oder er endet erst, wenn das live übertragene, sauspannende Fußballspiel auch wirklich vorbei ist. Danach hegt man große Zweifel daran, ob es wirklich gut war, die Kinder auf gerade diese Schule gegeben zu haben. Mit den Jahren aber stellt man dann fest, dass alle Elternabende irgendwie gleich sind: In ihrem Verlauf verändern sich auch ansonsten eher vernunftbegabte Individuen zu seltsamen Kreaturen. Ich führe dies auf die Bestuhlung zurück.

Von Nico Lumma

Über den Autoren

Nico Lumma zählt laut „Wirtschaftswoche“ zu den 100 wichtigsten Internet-Köpfen Deutschlands. Unter anderem veröffentlicht der 41-Jährige in seinem Blog auf lumma.de Texte über „Politik, Social Media, Leben und anderes Gedöns“. Nach eigenem Bekunden ist er „eigentlich seit 1995 nicht mehr offline gewesen“. Lumma, der als Berater und Autor in Hamburg lebt, war in verschiedenen Positionen in der Medien- und Werbebranche tätig. Unter anderem war er Ständiger Sachverständiger der ­Enquetekommission „Verantwortung in der medialen Welt“ am Landtag Rheinland-Pfalz. Außerdem engagiert er sich im Gesprächskreis Netzpolitik der SPD. Nico Lumma hat als Vater von drei Kindern im Alter von neun Jahren, sieben Jahren und 17 Monaten bereits diverse Elternabende erlebt.

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