Zeugnisse

Was heißt hier „gut“?

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Wovon zeugt das Zeugnis? Ob Noten- oder Wortzeugnisse effektiver sind, darüber streiten die Experten.

Hannover - Die Ferien stehen vor der Tür. Am heutigen Mittwoch gibt es Zeugnisse. Für die einen mit Zahlen, für andere Kinder mit Worten. Wie das Zeugnis aussieht, wird zur Streitsache: Die einen schwören auf Ansporn durch Noten, die anderen setzen auf ausführliche Berichte – und alle haben gute Gründe.

Am Mittwoch ist Zeugnistag. Das wird wohl keinen der rund eine Million Schüler in Niedersachsen überraschen, zählt doch der letzte Schultag vor den großen Ferien zu den ersten Dingen, die Schüler sich ganz zu Beginn eines Schuljahres notieren. Die Grundschulkinder aus der Klasse M 1 der hannoverschen Südstadtschule wissen nicht nur, dass sie am Mittwoch ihre Zeugnisse erhalten – sie wissen auch, welche Noten auf dem Blatt stehen werden, das ihnen ihr Klassenlehrer Holger Obluda aushändigt. Schließlich haben die Drittklässler die Bewertungen mit ihren Lehrern vorher ausführlich besprochen.

Auch im Streit um die Frage, was besser ist – Ziffernnoten von 1 bis 6 oder ausformulierte Leistungsbeurteilungen –, können die Mädchen und Jungen aus Klasse M 1 mitreden, denn sie kennen jetzt beides. Zum zweiten Mal bekommen sie heute richtige Noten, in den ersten beiden Schuljahren hatten sie die ausführlicheren Wortzeugnisse erhalten. Also, was sagt mehr aus: „Anna bemühte sich, ihre Hefte ordentlich zu gestalten“ oder schlicht „2“?

Das Meinungsbild im Klassenraum ist ziemlich eindeutig: Die Berichtszeugnisse vermisst hier kaum jemand. Noten finden die Kinder verständlicher. „Vieles aus den Berichtszeugnissen habe ich gar nicht kapiert“, sagt ein Achtjähriger. Und die Eltern konnten es nicht erklären? „Die haben doch auch nicht alles verstanden.“

Dann ist jetzt alles klar? Nicht ganz. Denn der von Eltern, Lehrern, Schülern und Forschern gepflegte Streit über die Vor- und Nachteile von Noten und Berichtszeugnissen gewinnt an Schärfe, je mehr Länder in der Grundschule Wortzeugnisse ausstellen lassen. Weil sie genauer Auskunft geben über das Können eines Kindes, weil sie Verbesserungspotenziale aufzeigen, weil sie auf den Druck der nackten Note verzichten – so lauten die Argumente. In Niedersachsen erwägt die Landesregierung sogar, Noten langfristig durch Lernentwicklungspläne nach Gesamtschulvorbild zu ersetzen.

Auch Rheinland-Pfalz hat an Grundschulen Berichtszeugnisse eingeführt – will sie jetzt aber vereinfachen, nachdem in einer Umfrage 84 Prozent der befragten Grundschullehrer diese Zeugnisform abgelehnt haben: zu unverständlich, zu aufwendig oder aber nichtssagend, weil die Lehrer doch nur mit Standardformulierungen nach dem Baukastenprinzip arbeiten. Die Unsicherheit bei der Frage nach der richtigen Bewertungsmethode ist groß.

Kopf und Zahl:
Das Notensystem

In mehreren Bundesländern, auch in Niedersachsen, erhalten Erstklässler ihr erstes Zeugnis am Ende des Schuljahres. Es ist ein Berichtszeugnis. Der Klassenlehrer beschreibt, wie sich das Kind in der Schule eingewöhnt hat und welche Fähigkeiten es im Rechnen, Schreiben und Lesen erworben hat. Die Punkte, in denen es sich noch verbessern muss, werden ebenfalls benannt. Auch in der zweiten Klasse gibt es Berichtszeugnisse, jetzt aber schon zum Halbjahr. Ab der dritten Klasse gibt es Noten von 1 (sehr gut) bis 6 (ungenügend). Schulen können beschließen, Notenzeugnisse durch Berichtszeugnisse zu ergänzen. An den Gesamtschulen und an den Freien Waldorfschulen gibt es statt Noten Lernentwicklungspläne.

Zusätzlich zu den Leistungen werden in Niedersachsen auch Arbeits- und Sozialverhalten der Schüler bewertet, in sogenannten Kopfnoten. Sie werden von den Klassenlehrern aus den Einschätzungen der jeweiligen Fachlehrer ermittelt und auf der Zeugniskonferenz beschlossen. Die Bewertung erstreckt sich über fünf Stufen: „verdient besondere Anerkennung“, „entspricht den Erwartungen in vollem Umfang“, „entspricht den Erwartungen“, „entspricht den Erwartungen mit Einschränkungen“, „entspricht nicht den Erwartungen“. Beim Arbeitsverhalten werden Leistungsbereitschaft, Selbstständigkeit, Ausdauer und Verlässlichkeit beurteilt. Beim Sozialverhalten geht es um Team- und Konfliktfähigkeit, Einhalten von Regeln, Mitgestaltung des Gemeinschaftslebens und Hilfsbereitschaft.

Eingeführt hatte die Kopfnoten vor zwölf Jahren die damalige Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper (SPD), die bis vor Kurzem in Bremen Senatorin für Kultusangelegenheiten war. Schülervertreter und die GEW hatten sie damals kritisiert. Bei den Kopfnoten gehe es um einen „Zwang zu Wohlverhalten, Erzeugung von Duckmäusertum und Disziplinierung von Schülern“. Mittlerweile hat sich die Aufregung gelegt. Für die Versetzung sind Kopfnoten ohne Belang.

„Aus der eigenen, fast zwanzigjährigen Lehrerpraxis blieben nicht nur die Erinnerung an Schüler, die ich wahrscheinlich anregen und fördern konnte, sondern auch Zweifel und Unbehagen, ob meine Reaktionen und Urteile nicht in mindestens ebenso vielen Fällen falsch, hemmend und entmutigend gewirkt haben könnten.“ Ein Satz, der so oder so ähnlich vielen Lehrern durch den Kopf gehen dürfte – und der im Vorwort eines Pädagogiklehrbuchs aus den frühen siebziger Jahren zu finden ist, als in Zeugnissen nur Noten standen. „Die Fragwürdigkeit der Zensurengebung“ heißt es, Karlheinz Ingenkamp ist der Herausgeber, es gibt davon schon neun Auflagen, ein Klassiker. Und trotzdem ist heute, 40 Jahre später, immer noch kein Konsens zur Frage nach Sinn oder Unsinn von Zensuren gefunden.

Am Wochenende hat die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka in der „Bild“-Zeitung gesagt: „Noten sind und bleiben ungemein wichtig.“ Die Rückmeldung durch Noten sei präziser und eindeutiger als ein Text, sagte die CDU-Politikerin, und sozial gerecht seien Noten auch: „Sie bewerten die Leistung, nicht die Herkunft eines Schülers.“

Wanka ist Mathematikerin, vielleicht erklärt dies, weshalb sie Ziffern mehr vertraut als Worten. Es klingt ein bisschen so, als führten Noten ein Eigenleben; als wären es die kleinen schwarzen Ziffern, die einen Schüler bewerten, und nicht der mitunter fehlbare Mensch, der sie notiert. Nichts erscheint so objektiv wie Zahlen.

"Die Note sagt so gut wie nichts aus"

„Leistung muss man messen können, und zum Messen braucht man Noten.“ Ann Bamberg ist Französisch- und Sportlehrerin an der Lutherschule in Hannover, und von Lernentwicklungsplänen statt Noten hält Bamberg nichts. Die Lehrerin ist sich sicher, dass auch die Jugendlichen an ihrem Gymnasium Noten wollen. Bamberg erzählt, dass sie in Französisch Vokabeltests schreiben lässt, seit einigen Jahren dürften die nicht mehr benotet werden. Also hält die Lehrerin nur noch die Zahl der Fehler darunter fest. „Es kommen aber immer wieder Schüler zu mir, die wissen wollen, welche Note ihrer Leistung entspricht.“

Matthias von Saldern ist Pädagogik-Professor an der Universität Lüneburg. Er sagt: „Die Note ist sehr beliebt, weil sie von allen verstanden wird. Das Problem der Note aber ist, dass sie so gut wie nichts aussagt.“ Dabei weiß doch jeder: 1 ist sehr gut, 2 ist gut, 3 ist befriedigend. „Was bedeutet es zu lesen, Matthias hat in Mathematik die Note 3?“, fragt von Saldern. „Ist dies nun sein genereller Leistungsstand? Oder ist er in Teilbereichen sehr gut, in anderen schlecht? Wie ist der Verlauf seiner Leistungsentwicklung im letzten Schuljahr? Was muss Matthias in Zukunft besser machen? Alle diese Dinge können mit der Note nicht beantwortet werden.“ Zudem sage die Note nur etwas über den Leistungsstand eines Schülers innerhalb einer Klasse aus.

Von Saldern befürwortet Wortzeugnisse, weil sie alle für den Schüler wichtigen Informationen beinhalten könnten. Aber der Professor räumt ein: „Oft werden darin Noten einfach nur durch entsprechende Standardformulierungen ersetzt, und viele Formulierungen bleiben für Eltern und Schüler unverständlich.“

Das ist nicht selten das Resultat übertriebener Höflichkeit: „Viele Lehrer glauben, besonders freundlich formulieren zu müssen, und unterschlagen dabei die Benennung objektiver Leistungsanforderungen.“ Ein Beispiel: „Die Aussage ,Matthias beherrscht im Fach Mathematik den Zehnerübergang sicher‘ ist vielleicht eine richtige Beschreibung – die entscheidende Frage ist aber, ob der Zehnerübergang nun das Klassenziel war oder nicht.“ Daher müssten Wortzeugnisse, um aussagekräftig zu sein, das Klassenziel angeben, die Lernentwicklung eines Schülers nachzeichnen und klar benennen, worin er gegebenenfalls besser werden muss.

Klingt nach viel Arbeit für Lehrer. „Ist es aber nicht“, sagt von Saldern. „Denn im besten Falle bauen Lehrer auf dem einmal für einen Schüler individuell verfassten Text auf und modifizieren ihn.“

So mögen sich Bildungsforscher die beste aller Schulwelten ausmalen – die Praxis malt lieber nach Zahlen. Für Grundschullehrer Holger Obluda hat sich das bisherige System mit Berichtszeugnissen zu Anfang und Noten ab Klasse 3 bewährt. Es helfe Kindern und Eltern bei der Einschätzung der Leistungen. Aber Obluda meint auch, dass ergänzende, individuelle Zusatzbemerkungen die Aussagekraft der Notenzeugnisse steigern könnten. Vielleicht wäre das ja ein Kompromiss im Streit um Wort oder Zahl.

Saskia Döhner 
und Marina Kormbaki

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