Rollende Arztpraxis

Helfen auf Rädern

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"Wir sind keine Konkurrenz für den Hausarzt, sondern eher eine Entlastung für ihn und Service für den Patienten": Silke Wachsmuth-Uhrner am Standort in Hedeper.

Wolfenbüttel - Was tun, wenn der Hausarzt kilometerweit entfernt wohnt? In Niedersachsen ist nun ein deutschlandweit einzigartiges Projekt gestartet, das den Ärztemangel auf dem platten Land auffangen soll: Mit der rollenden Arztpraxis kommt der Doktor ins Dorf.

Auf dem Kopfsteinpflaster vor der ehemaligen Dorfschule parkt der VW-Crafter in der Morgensonne. Auf dem fabrikneuen Wagen prangt die grüne Aufschrift „Rollende Arztpraxis“. Die Glocken der benachbarten Kirche schlagen neunmal, Silke Wachsmuth-Uhrner hat das Stromkabel an den Kleinbus angeschlossen, die Türen geöffnet. Es ist Sprechstunde, und die Allgemeinmedizinerin wartet auf Patienten. Das macht sie dort, wo es schon lange keinen Arzt mehr gibt: in Hedeper, einem 400-Einwohner-Dorf im Landkreis Wolfenbüttel.

Die Arztpraxis auf Rädern ist gut ausgestattet, betritt man den Wagen wackelt es ein wenig, davon ist auf der Patientenliege aber nichts mehr zu spüren. Der rollende Arztstuhl kann festgestellt werden, die Ausrüstung wie Defibrilator, das EKG, Laborgeräte oder auch der Drucker für Rezepte sind fest in den Schränken verstaut. Dienstags und donnerstags rollt die Praxis über die Straßen des Landkreises und fährt jeweils eines von sechs Dörfern an. Sollte die ärztliche Versorgung in ländlichen Regionen bald noch schlechter werden als ohnehin schon, könnte der umherfahrende Arzt den Mangel zumindest etwas auffangen. Doch noch ist das niedersächsische Projekt ein Versuch, der bis Ende 2014 befristet ist und derzeit bundesweit genau beobachtet wird. Krankenkassen aus Ostdeutschland haben schon interessiert nachgefragt, wie es denn so läuft. „Wir spielen hier ein Stück Zukunft“, sagt Jörg Röhmann (SPD), Staatssekretär im Niedersächsischen Gesundheitsministerium. Das Land fördert das Pilotprojekt mit 30 000 Euro. Der Landkreis Wolfenbüttel ist Halter des Fahrzeugs, die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) übernimmt die Personalkosten. Volkswagen hat das Fahrzeug samt Ausrüstung gestiftet und Kassen wie die AOK, BKK oder die Landwirtschaftliche Krankenkasse sind mit an Bord.

Kürzlich, erzählt Ärztin Silke Wachsmuth-Uhrner, habe sie eine Patientin am Bus abweisen müssen. Leider. Die Krankenkasse der Frau gehörte nicht zu den Projektbeteiligten. „Das ist eine blöde Situation für einen Arzt“, sagt sie. Im Notfall hätte sie natürlich geholfen. Die 61-Jährige hat zwölf Jahre lang eine eigene Hausarztpraxis betrieben. Nun ist sie die Donnerstagsfrau, immer dienstags fährt ein Kollege über die Dörfer. Die Mediziner sind allein unterwegs und damit Fahrer, Helfer und behandelnder Arzt in einer Person. Ein Umstand, der vielen zu viel wird. Mehrere Mediziner haben den Job des umherfahrenden Arztes abgelehnt.

Eine 70-jährige Frau kommt in den Bus. Sie hat Probleme mit dem Blutdruck, möchte, dass die Ärztin nochmal genau misst. Ein kurzer Plausch, schon ist der Arztbesuch beendet. Wartezeiten gibt es hier keine, der große Gemeindesaal in der alten Schule, der als Wartezimmer genutzt werden kann, bleibt auch heute leer. Stattdessen stellt Wachsmuth-Uhrner ein paar Stühle nach draußen in den Schatten unter die großen Eiche. Und wartet. Ja, das sei ein spannendes Projekt, das in der Probephase „noch nicht so ganz der Realität entspricht“ sagt sie. Noch sei es so, dass die Patienten ihren Hausarzt behalten. Sucht jemand den Praxisbus auf, wird der Untersuchungsbericht an den Hausarzt geschickt. Diese Parallelstruktur passt nicht jedem. Einige niedergelassenen Hausärzte haben im Vorfeld Bedenken geäußert. Spielt da vielleicht die Angst, man könne ihnen Patienten abspenstig machen, eine Rolle? „Wir sind keine Konkurrenz für den Hausarzt, sondern eher eine Entlastung für ihn und Service für den Patienten“, sagt Wachsmuth-Uhrner. Sie kann sich vorstellen, dass sich irgendwann einmal mehrere Ärzte einen Bus teilen oder die Crew an Bord auch Hausbesuche übernimmt. „Wenn die rollende Praxis ein Modell für die Zukunft sein soll, muss sicher hier und da auch die Ärzteordnung geändert werden.“

Außer ein paar Treckergeräuschen und vielen Vogelgezwitscher herrscht an diesem Tag Ruhe im Dorf. Der Bürgermeister hält mit seinem Auto an der alten Schule. Kerngesund will er nur kurz Hallo sagen. Er begrüße das Projekt - „es ist gut, wenn etwas ausprobiert wird“, sagt Andreas Bötel, einer von elf Landwirten im Ort. Hedeper, so erzählt er, habe Glück, dass die „Lebensader des Dorfes“, die Busverbindung, noch funktioniere. Stündlich fährt ein Bus nach Wolfenbüttel - noch.

Neulich kam ein 98-Jähriger mit seiner 93-jährigen Lebensgefährtin in den Praxisbus. Er hatte Gelenkprobleme, sie so viele Medikamente, dass sie nicht mehr wusste, welches für was war. „Beide sind zu Fuß zu uns gekommen“, sagt Silke Wachsmuth-Uhrner. Die Leistungen, die die Ärzte im Bus erbringen, werden mit den Krankenkassen abgerechnet. Noch virtuell, damit man am Ende des Projektes weiß, wie es um die Finanzen steht. Denn eines ist klar: Irgendwann muss sich ein solcher Aufwand auch betriebswirtschaftlich rechnen.

Immer noch ist kein Patient in Sicht, nur ein paar Reiter traben an der Dorfschule vorbei. Der neue Service muss sich erst noch herumsprechen, Zettel mit den Praxiszeiten liegen im winzigen Dorfladen aus. Eine Frau spaziert mit ihrem Hund vorbei und bleibt stehen. „Ich finde die Idee super, nicht nur für die älteren Bewohner“, sagt sie. Denn wenn es einem mal so richtig schlecht gehe, habe man schließlich keine Lust, sich auf den Weg nach Wolfenbüttel zu machen, um dort lange im Wartezimmer zu sitzen. Die Dorfbewohner - so erzählt sie - seien dem Projekt gegenüber positiv eingestellt. Und doch wollen viele, die grundsätzlich kommen würden, zunächst mit ihrem Hausarzt darüber sprechen.

„Wir sind in Deutschland noch in einer relativ komfortablen Lage, was die Ärzteversorgung angeht“, sagt Silke Wachsmuth-Uhrner. Erst wenn echte Not herrsche, seien solche Projekte wie die rollende Arztpraxis gefragt. Nur wenn dann erst damit begonnen werde, sei es viel zu spät.

Die Glocken der Kirchturmuhr schlagen zwölfmal. Die Ärztin schließt den Praxiswagen ab, rollt das Stromkabel ein und fährt langsam davon. Heute gab es nicht viel für sie zu tun - vielleicht mehr in ein paar Tagen im Nachbardorf Roklum. Dort will auch die Bürgermeisterin zeitgleich mit der rollenden Arztpraxis ihre Sprechstunde abhalten.

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