Sterbehilfe

Herrn Puppes tödliche Mischung

+

Hannover - Peter Puppe war früher Lehrer. Jetzt ist er Sterbehelfer –und liefert einen der wichtigsten Gründe, warum der Bundestag das Thema dringend neu regeln will.

Für den Tod braucht Peter Puppe eine Kaffeemühle. Es muss keine neue sein, eine gebrauchte reicht, so eine, wie es sie schon für einen Euro bei Ebay gibt. In der Kaffeemühle mahlt er die todbringenden Medikamente zu einem Pulver. Die Methode hat nur einen Nachteil: Der Staub ist so fein, dass er sich in alle Ritzen des Mahlwerks setzt. „Für etwas anderes ist die dann nicht mehr zu gebrauchen“, sagt Peter Puppe. Kaffee, soll das heißen, kann man damit dann nicht mehr zubereiten. Das muss man wissen.

Zu vielen Menschen ist Peter Puppe in den vergangenen Jahren mit seinen Kaffeemühlen gefahren. Wie viele es genau waren, das will er nicht verraten an diesem Tag in diesem Café in der Bremer Innenstadt, auf dem er als Treffpunkt bestanden hat. 40, das war die Zahl, die er selbst vor wenigen Monaten öffentlich genannt hat. „Es könnten mehr sein“, sagt er geheimnisvoll. „Es könnten aber auch weniger sein.“ Das Wahrscheinlichste ist: Die Zahl stimmt. Ungefähr. Aber Peter Puppe ist im Zwiespalt. Er ist, einerseits, stolz auf diese Zahl. Andererseits hat er ein Problem: Je höher die Zahl, desto wahrscheinlicher ist, dass die Politik ihm sein Tun bald verbietet.

Denn Peter Puppe, 70-jähriger Pensionär aus dem Bremer Stadtteil Habenhausen, ist einer der wichtigsten Gründe dafür, warum der Bundestag gestern über Sterbehilfe debattierte – und nach vielen vergeblichen Anläufen nun eine gesetzliche Regelung finden will. Laien-Sterbehelfer wie Peter Puppe, so sehen es Kritiker, sind die Folge des Wildwuchses, der auf diesem Gebiet in Deutschland herrscht. „Wenn die Ärzte sich verweigern, dann füllen andere diese Lücke“, sagt der Medizinrechtler und -ethiker Jochen Taupitz.

Andere, das sind in Deutschland eine Handvoll Sterbehelfer, die nach Schätzungen von Insidern bei 150 bis 200 Suiziden im Jahr helfen. Einer dieser Helfer ist der frühere Hamburger Justizsenator Roger Kusch. Und eben: Peter Puppe. Wobei das besondere Unwohlsein in diesen Fällen daher rührt, dass beide keine Ärzte sind. Puppe, ein eher klein gewachsener Herr mit randloser Brille, einem Anflug von Dreitagebart, Outdoorjacke, war früher Lehrer. Dass die Politik die Sterbehilfe nun regeln will, kann er nicht nachvollziehen. „Es ist doch alles geregelt“, sagt Puppe und ordert zum Milchkaffee noch ein Stück Kuchen. Walltorte, Spezialität des Hauses. „Was ich mache“, sagt Puppe, „ist völlig legal.“ Dass aus dem Bremer Sonderschulrektor 2005 der Sterbehelfer Peter Puppe wurde, hat mit einer Zeitungsanzeige zu tun. „90-Jähriger sucht Unterstützung bei der Regelung der letzten Dinge“, stand darin. Puppe, seit Langem in der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben aktiv, meldete sich. Nach zehn Minuten, erinnert sich Puppe, offenbarte sich der Mann: „Der suchte eigentlich einen Sterbehelfer.“ Der alte Mann, Künstler, bekam ohne seinen Inhalator kaum noch Luft, konnte nicht mehr laufen. Todkrank, räumt Puppe ein, war er nicht. „Aber er hat unglaublich gelitten.“

Drei Suizidversuche unternahm der alte Mann. Alle scheiterten. Dann begleitete Puppe ihn zum Sterben in die Schweiz. Über all das hat er ein Buch geschrieben. Dann kamen die Anfragen. Puppe hatte einen Nerv getroffen. „200 bis 250 Gespräche“ mit Sterbewilligen, sagt er, habe er bis heute geführt.

Die ältere Frau ist darunter, die nach einer Kinderlähmung seit mehr als 50 Jahren unter Schmerzen, Krämpfen und Atemnot leidet. „Diese Krankheit beherrscht meinen Körper total“, sagt sie. „Das ist kein Leben mehr.“ Oder der Mann, der seit 23 Jahren unter einer Borderline-Störung leidet, dem keine Therapie bislang dauerhaft helfen konnte und der sagt: „Psychisches Leiden ist schlimmer als Krebs und HIV zusammen.“

Wenn sich die Menschen „zum letzten Schritt“, wie Puppe es nennt, entschlossen haben, bietet er ihnen zwei Methoden zur Auswahl. Eine, die er nicht nennt. Oder die mit der Kaffeemühle.

Die Medikamente, verschreibungspflichtig, aber nicht schwer zu beschaffen, besorgen die Patienten selbst. Drei Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Puppe sich nicht strafbar macht. Die Menschen müssen frei handeln und voll bei Sinnen sein. Sie müssen, zweitens, die todbringenden Mittel selbst einnehmen. Und Puppe muss den Raum verlassen, wenn sie sterben. Ob er die Menschen wirklich allein lässt in diesem Moment?„Es gibt darauf zwei Antworten“, sagt Puppe. „Eine lautet: Natürlich gehe ich raus. Die andere: Natürlich bleibe ich drin. Suchen Sie sich eine aus.“

Schon klar, dass Puppe bleibt. Aber das sagt er nicht. Es ist ein schmaler juristischer Grat, auf dem sich Puppe bewegt. Die Menschen, sagt er, seien erleichtert am Tag ihres Todes. „Das ist für sie ein Tag der Freude.“ Honorar, beteuert er, nehme er nicht. „Aber manche schenken mir etwas.“

Die Geschichten, die Puppe von seinen Klienten erzählt, handeln von einem Medizinbetrieb, der für die Nöte Schwerstkranker manchmal nur Glelichgültigkeit und Zynismus übrig hat. „Das wird ein elender Tod“, habe zum Beispiel ein Arzt einer Patientin mit Zungenkarzinom prophezeit. Aber sie handeln auch von einem Sterbehelfer mit übergroßem Selbstbewusstsein, der die Lücken des Rechts nach eigenem Gutdünken füllt.

Ob er überprüft, welche Krankheiten die Patienten haben? „Ich lasse mir keine Krankenunterlagen zeigen“, antwortet Puppe.

Wie er dann wissen will, dass sie unheilbar krank sind? „Ich erkenne, ob Menschen wirklich leiden. Man sieht es ihnen an.“

Ob Sterbehilfe nicht besser Ärzten vorbehalten bleiben sollte? „Ich kenne die Wege des selbstbestimmten Sterbens besser als 95 bis 98 Prozent aller Ärzte.“

Selbstzweifel, so viel kann man sagen, sind Puppe vollständig fremd.

Der Medizinrechtler Jochen Taupitz gehört zu jenen Experten, die Sterbehelfer wie Puppe gern sofort stoppen würden. Zusammen unter anderem mit dem Palliativmediziner Gian Domenico Borasio hat er deshalb einen Gesetzentwurf formuliert. Das Ziel, sagt er, müssten so wenige Suizide wie möglich sein. „Deshalb gehört Sterbehilfe in die Hände von Ärzten.“ Nur sie könnten über die weitreichenden Möglichkeiten der Palliativmedizin gründlich aufklären – und auch die Auswahl des Medikaments gehöre im Falle von Sterbehilfe stets in ihre Hände.

Peter Puppe ficht all das nicht an. Als er vom Café zur Straßenbahn geht, fällt sein Blick auf eine Gruppe Obdachloser. „Drei Monate“, sagt er nachdenklich, „würde ich ein solches Leben wohl aushalten. Aber wenn ich dann noch keine Perspektive hätte, da rauszukommen, dann ...“

Er muss den Satz nicht zu Ende sprechen. Peter Puppe hat ein sehr eigenes Verhältnis zum Tod. Für einen Moment wirkt es, als sehe er ihn als Lösung für alle möglichen Probleme.

Kommentare