Wirtschaft und Schule

Herrscht Lobbyismus an Niedersachsens Schulen?

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Foto: Dürfen Konzerne Schulmaterialien sponsern? Oder greifen die Unternehmen damit in den Unterricht ein?

Hannover - Kooperation zwischen Energieriesen und Gymnasien sind vielfältig und geraten nun unter Beschuss. Initiiert hatte das Projekt im Jahr 2006 der damalige Ministerpräsident Christian Wulff.

Von Banken angeschobene Wirtschaftsspiele, Schulausflüge zum Erdgasförderfeld, Süßwarenhersteller, die Klassenreisen bezahlen, Computerunternehmen, die Laptops sponsern – die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Schulen ist vielfältig – und umstritten. Die enge Partnerschaft zwischen sechs niedersächsischen Gymnasien und Energieriesen wie ExxonMobil, Wintershall und RWE Power ist jetzt ins Visier der Kritik geraten. Das Projekt für Oberstufenschüler war 2006 vom damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) und dem Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung angeschoben worden. Beteiligt am Kooperationsprojekt sind mittlerweile die Gymnasien Sulingen (Kreis Diepholz) und Antonianum Vechta mit ExxonMobil, das Franziskus-Gymnasium Lingen mit GDF SUEZ E&P, das Dom-Gymnasium Verden mit dem Partner RWE sowie die Graf-Friedrich-Schule Diepholz und das Gymnasium Lohne (Kreis Vechta) mit Wintershall. Ziel ist es, das Interesse von Schülern an Ingenieurswissenschaften zu wecken, mit Praktika und Baustellenbesuchen Einblicke in technische Berufe zu gewähren und Hilfestellung bei der Berufswahl zu geben.

An zwei Punkten aus der Zielvereinbarung stört sich Felix Kamella vom Verein LobbyControl ausdrücklich. Die Kooperation zwischen Energiekonzern und Gymnasium soll der „Verbesserung der Reputation der Branche“ dienen und die „Akzeptanz vor Ort durch Unterstützung örtlicher Schulen“ verbessern. Für Kamella heißt das nichts anderes als „Manipulation und direkte Einflussnahme etwa auf die Diskussion um die umstrittene Erdgasfördermethode Fracking“.

Beim Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung reagiert man erstaunt auf diese Vorwürfe, wie Sprecherin Miriam Strauch am Dienstag sagte. „Wir geben doch keine Unterrichtsmaterialien in die Schule, die 1:1 umgesetzt werden.“ Es gehe um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Energie, nicht um Frontalunterricht. Ähnlich äußerte sich Stefan Leuning von Wintershall: „Die Schüler von heute sollten nicht unterschätzt werden. Sie fordern gern heraus und werden nur ungern bevormundet. Energie ist für sie keinesfalls nur Öl und Gas.“ LobbyControl sieht das anders: Lehrern fehlten oft Zeit und Möglichkeiten, das meist gut aufbereitete Material eingehend zu beurteilen, sagte Kamella. Er forderte deshalb eine unabhängige Clearingstelle, die Schulbücher und Unterrrichtsmaterial kritisch hinterfrage. Kamella betont, dass es keine einseitige Beeinflussung an Schulen geben dürfe.

Die neue Landesregierung stelle die Zusammenarbeit von Schulen und Unternehmen grundsätzlich nicht infrage, sagte eine Sprecherin des Kultusministeriums. Im Ministerium werde derzeit geprüft, ob man einen Lobbyismus-Leitfaden für Schulen entwerfen soll.

Kommentar: Pädagogik ist wichtiger als Werbung

„Moderner Lobbyismus denkt langfristig“, sagt Felix Kamella vom Verein LobbyControl. „Dabei gilt: je früher, desto besser.“ Die Hoffnung der Lobbyisten: Die Beeinflussung von Kindern soll ein Leben lang wirken. Die eigenverantwortlichen Schulen in Niedersachsen können selbst entscheiden, mit wem sie Kooperationen eingehen und von wem sie Geld annehmen. Einen Überblick darüber hat das Kultusministerium deshalb nicht. Dennoch gibt es klare Richtlinien für die Kooperation nicht nur mit Betrieben, sondern auch mit Organisationen wie der Bundeswehr. Darin heißt es, „Zuwendungen können entgegengenommen werden, wenn der Werbeeffekt hinter dem pädagogischen Nutzen deutlich zurückbleibt“. Horst Audritz vom Philologenverband rät seinen Lehrerkollegen zur kritischen Distanz und Transparenz. Eine öffentliche Förderung sei vorzuziehen.

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