Kernkraftwerk Lingen

Hilflos nach dem Super-GAU

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„Es besteht die Sorge, dass die Behörden derzeit nicht handlungsfähig sind“: Nach einem simulierten Reaktorunfall im Kernkraftwerk Lingen ist einiges schiefgelaufen.

Hannover - Es war zum Glück nur ein Test: Eine radioaktive Wolke zieht über Deutschland, und die Behörden verheddern sich in Telefonkonferenzen.

Eine strahlende Wolke aus dem Kernkraftwerk Lingen schiebt sich über Deutschland, und in Behörden von Bund und Ländern herrscht Chaos. Dieser Super-GAU im Katastrophenschutz ist das Ergebnis einer bisher geheim gehaltenen Übung von Bund und Ländern am 17. Dezember 2013, über das die Berliner „tageszeitung“ berichtet. Während es in Lingen in Wahrheit ruhig blieb, wurde die Bevölkerung in der Simulation erst gewarnt, als die radioaktive Wolke bereits Millionen Menschen erreicht gehabt hätte.

Die „taz“ hat rund 1000 Blätter Akten aus dem Bundesumweltministerium zu der Simulation ausgewertet. Daraus ergibt sich offenbar: Die per Telefon zusammengeschalteten deutschen Behörden hatten mit Übertragungsproblemen zu kämpfen, die Beamten verstanden sich nur schwer und redeten dazu wild durcheinander. Das Niedersächsische Umweltministerium bemängelte später in einem Brief fehlende Struktur und Gesprächsdisziplin. Die Mitarbeiter der Krisenstäbe von Bund und Ländern stritten außerdem über Kompetenzen. In der Folge wurde die Bevölkerung viel zu spät gewarnt.

Die Ursache dafür scheint erkannt: Das Strahlenschutzvorsorgegesetz, nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl 1986 verabschiedet, bietet Bund und Ländern offenbar nicht das Rüstzeug, einen solchen schweren Unfall in den Griff zu bekommen: „Zusammenfassend besteht die Sorge, dass die zuständigen Behörden aufgrund dieser rechtlichen Unklarheiten derzeit nicht handlungsfähig sind“, hat der Arbeitskreis Umweltradioaktivität festgestellt. Darin stimmen sich die Strahlenschutzvorsorgebehörden von Bund und Ländern untereinander ab. Das Bundesumweltministerium hat eine neue Telefonanlage angeschafft.

Das war durchgespielt worden: Um 7.45 Uhr morgens löste das Bundesumweltministerium per Fax an die Bundesländer die Alarmkette aus. Es habe sich um 7.14 Uhr in Lingen ein „Kühlmittelverluststörfall“ ereignet: Radioaktivität sei bisher nicht ausgetreten, der Reaktor wurde abgeschaltet, die Notkühlsysteme waren außer Betrieb, die Aufheizung des Kerns hatte begonnen.

Was danach geschah, führte später zu dem Befund der mangelnden Handlungsfähigkeit. Erst fünf Stunden, nachdem radioaktiver Dampf abgelassen worden war, um das Bersten der Betonkuppel über dem Reaktor zu verhindern, erfuhr die Öffentlichkeit, dass eine strahlende Wolke über Deutschland unterwegs ist. Der Westwind hatte sie von Lingen aus über Nordrhein-Westfalen, Südniedersachsen, Hessen und Thüringen bis nach Bayern getrieben.

Menschen in Großstädten wie Osnabrück wären der Strahlung schutzlos ausgeliefert gewesen. Denn bis dahin war die letzte behördliche Mitteilung gewesen, dass es keinen Anlass gebe, die Gebiete zu verlassen. Erst danach erfuhr der Krisenstab, dass in Lingen gezielt Radioaktivität freigesetzt wurde. Weitere Stunden später wurde dann auch die Bevölkerung gewarnt.

Das Bundesumweltministerium äußerte sich am Montag auf Anfrage nicht. Das für mangelhaft befundene Strahlenschutzvorsorgegesetz ist laut „taz“ bis heute unverändert.

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