Arzt gegen Virus

Als hilfloser Helfer in der Ebola-Zone

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Hannover - Der Berliner Arzt Thomas Kratz kämpfte in Westafrika gegen das gefährliche Virus – und gegen Widerstände in den Köpfen der Menschen.

Im Frühjahr 1995 jagen Dustin Hoffman und Morgan Freeman einem fürchterlichen Virus nach. „Outbreak – Lautlose Killer“ heißt der Actionthriller; die Kritiken sind mäßig, aber alle großen Kinos zeigen den Film, auch jenes im westfälischen Lippstadt. Unter den Zuschauern sitzt Thomas Kratz, damals gerade 17 Jahre alt. Es ist das erste Mal, dass er dieses Wort hört: Ebola. Eine besonders aggressive, sich schnell verbreitende Variante des Virus spielt die Hauptrolle in dem Film, qualvoll sterben die Menschen in den Dörfern Afrikas. Knapp 20 Jahre später wird Thomas Kratz selbst Zeuge dieses Horrors. In der Wirklichkeit. Als Arzt in Westafrika, wo das Virus jetzt so heftig wütet wie nie zuvor.

Thomas Kratz hat mitangesehen, wie Menschen verbluten, innerlich und ­äußerlich, in sehr kurzer Zeit. Ihr jäher Ausbruch ist es, der die Krankheit so teuflisch erscheinen lässt. Wochenlang schlummern die Ebola-Viren im Körper, und dann, plötzlich, schnellt das Fieber in die Höhe, das Immunsystem bricht zusammen, das Blut stockt in den Adern, bis sie platzen und die Menschen aus Ohren, Augen und Nase bluten. Zwischen 60 und 90 Prozent aller Infizierten sterben. Ebola wird über Körperflüssigkeiten übertragen, die auf Wunden treffen oder auf Schleimhäute. Ein falscher Handgriff, ein unbedachtes Augenreiben, und die Gefahr ist groß.

Thomas Kratz weiß um die Gefahr. Dennoch ist der Allgemeinmediziner im Juni von Berlin aus zu einem Einsatz für Ärzte ohne Grenzen aufgebrochen, in die Stadt Kailahun, im Grenzgebiet zwischen Sierra Leone, Liberia und Guinea. Es ist das Epizentrum der Ebola-Krise. Warum hat er das Risiko auf sich genommen? „Ich hatte eine E-Mail erhalten mit dem Betreff ,Three medical doctors wanted in Sierra Leone’, drei Ärzte gebraucht, da wusste ich, dass die Not groß war und ich mit meinem tropenmedizinischen Wissen helfen kann.“

Vielleicht ist sachliche Nüchternheit ja Voraussetzung für den unbeschadeten Einsatz in einem Seuchengebiet; die einzig Erfolg versprechende Art, um dem Chaos vor Ort zu begegnen. „Als Arzt in Deutschland ist man es gewohnt, dass die Leute sagen: ,Herr Doktor, kommen Sie, da braucht jemand Hilfe.’ Aber als unser kleines Team nach drei Tagen Reise in Kailahun eintraf, gab es keinen, der uns verlässliche Informationen hätte geben können“, sagt Kratz. Sein erster Eindruck? „Unglaubliche Hilflosigkeit.“

Das mobile Behandlungszentrum musste erst aufgebaut werden, auf die Ärzte prasselten widersprüchliche Aussagen ein über Kranke in den umliegenden Dörfern, und es war schwer, an die Menschen heranzukommen – etwa, um sie im Schnelldurchlauf zu Pflegern zu schulen. Denn das Einzige, an dem im Krisengebiet offenbar kein Mangel herrscht, sind die Gerüchte. „Als ,ebola nurses’ wurden die Pflegerinnen beschimpft, als Ebola-Schwestern, und auf dem Markt wollte man ihnen keine Lebensmittel verkaufen“, erzählt Kratz. „Viele Leute meinen, dass wir Fremden die Krankheit einschleppen, andere denken, dass man nur jemanden anschauen und dabei den Namen des Virus laut aussprechen muss, schon springt es über.“

Mit der Epidemie breitet sich die Angst aus. Daher gehen die internationalen Helfer so sensibel wie möglich vor, etwa beim Tragen der futuristisch anmutenden Schutzanzüge. „Wir betraten nie in Schutzanzügen die Dörfer, und wann immer wir sie auf der Isolierstation anzogen, erklärten wir dies vorher den Patienten.“ Vertrauen aufbauen – das, so Kratz, sei die Hauptaufgabe vor Ort. „Um eine Seuche wie Ebola in den Griff zu kriegen, brauchen Sie das Vertrauen der Bevölkerung. Sie sind darauf angewiesen zu erfahren, mit wem die Kranken Kontakt gehabt haben, um zu überprüfen, ob auch diese Menschen erkranken oder nicht.“ „Contact Tracing“ heißt dieses Vorgehen, und Tag für Tag belegt die ansteigende Zahl der Infizierten, wie schwer es ist, die Kontaktketten nachzuverfolgen. Kratz war schon siebenmal für Ärzte ohne Grenzen tätig. Auch gegen Ebola war er bereits im Einsatz, vor einigen Jahren in der Demokratischen Republik Kongo im östlichen Afrika. Aber mit gerade einmal 18 Patienten auf der Isolierstation nimmt sich Kratz’ damaliger Einsatz bescheiden aus im Vergleich zu jenem im Juni. Zehn neue Patienten hatte Kratz da pro Tag, am schlimmsten war sein letzter Arbeitstag, der 3. Juli, als am Abend 21 Erkrankte auf einmal in die Isolierstation kamen. Seitdem sind es weit mehr.

Es gibt viele Gründe für das jetzt ungewöhnlich große Ausmaß der Ebola-Epidemie. „Die Verkehrswege in Westafrika sind sehr gut, die Leute sind grenzüberschreitend tätig, das macht es so schwer, die Kontaktpersonen zu ermitteln und der Ausbreitung entgegenzuwirken“, sagt Kratz. Schlechte hygienische Bedingungen in Krankenhäusern und Bestattungen, bei denen die Angehörigen traditionell die Toten berühren, küssen und umarmen, täten ein Übriges. Kratz hat sich bemüht, die Leute mithilfe örtlicher Psychologen aufzuklären, aber es ist nicht leicht. „Die Menschen in Westafrika wurden von der Ebola-Epidemie kalt erwischt, sie hatten nie zuvor mit Ebola zu tun, ich kann ihre Ablehnung und Angst verstehen.“

Und er, hatte er Angst? „Es gibt die Sorte von Angst, die einen vorsichtig macht, die es ermöglicht, in schwierigen Situationen einen Schritt zurückzutreten – diese Angst ist gut“, sagt Kratz. An jenem letzten Abend zum Beispiel, als 21 Infizierte auf einmal zu ihm nach Kailahun gebracht wurden, da setzte bei Kratz diese Vernunft-Angst ein. „Ich hatte einen 18-Stunden-Tag hinter mir, war sehr erschöpft, da hätte mir schnell ein verheerender Fehler unterlaufen können. Ich bat eine Schwester, die Kranken aufzunehmen, und blieb auf Abstand.“

Gut ein Monat ist seit Kratz’ Einsatz vergangen. Die Inkubationszeit für das Ebola-Virus ist verstrichen, er weiß jetzt, dass es ihn nicht erwischt hat. In diesen Tagen klingelt sein Handy unentwegt – Zeitungen, TV- und Radiosender möchten ihn befragen, und auch da schwingt Angst mit. „Einige fürchten, das Virus könnte sich bei uns ausbreiten – aber die Wahrscheinlichkeit ist extrem gering“, sagt Kratz. „Wir haben Notfallpläne, hohe Hygienestandards, und die Bevölkerung hat das nötige Bewusstsein.“ All das also, was jetzt in Westafrika fehlt. Ob Thomas Kratz wieder hinfahren würde? Er sagt: „Ich weiß es nicht.“

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