Vor allem Schüler

Hinein in die Komfortzone

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Hannover - Kein Geschrei, kein klapperndes Besteck im Speisesaal und kein Geschrei in den Gängen: Die Jugendherberge in Goslar versucht mit einem ausgefeilten Programm und einem gewissen Komfort gegen die immer stärker werdende Konkurrenz von Hotels und ausländischen Reisezielen anzukämpfen.

Momente wie dieser sind selten in der Jugendherberge Goslar: Keine Turnschuhe verteilen Erdklumpen aus den Harzer Wäldern auf dem Linoleumboden, kein Jubelgeschrei hallt durch die Eingangshalle, und kein Besteck klappert im Speisesaal. Stattdessen herrscht in den meisten Teilen des großen Gebäudes auf dem Rammelsberg Stille. Außer zwei Familien sind gerade keine Gäste da. Jetzt können Stefan und Heidrun Dyckhoff einmal Luft holen, denn im Januar und Februar kommen kaum Schulklassen in ihre Herberge nach Goslar.

Obwohl viele niedersächsische Gymnasien Klassenfahrten seit etwa einem Jahr boykottieren, können sich Dyckhoffs grundsätzlich nicht über zu wenige Gäste beklagen. Das liegt auch an dem Konzept, das die Jugendherberge seit einigen Jahren verfolgt. Denn das langfristige Problem der Jugendherbergen sind weniger die streikenden Lehrer als vielmehr die wachsenden Ansprüche der Schüler. Jugendherbergen und Tee sind für viele ehemalige Schüler untrennbar verbunden. In einer Karaffe stand das Gebräu der Geschmacksrichtung Hagebutte oder Pfefferminz stets bereit; wer Durst hatte, musste sich ein Glas nehmen – oder Wasser trinken. Limo in der Jugendherberge? Auf keinen Fall! Und wehe dem, der sich nach dem Essen um den Spüldienst drückte.

Heute gibt es keine Teekaraffe mehr, stattdessen steht in der Eingangshalle ein Automat mit Cola. Und in die Spülstraße dürfen nur die Küchenmitarbeiter. „Aber die Tische müssen noch abgewischt werden“, sagt Herbergsmutter Heidrun Dyckhoff augenzwinkernd.

Die Jugendherbergen konkurrieren immer stärker mit Hotels und ausländischen Reisezielen. Sie müssen ein ausgefeiltes Programm und einen gewissen Komfort bieten, um für Schulklassen – besonders höhere Jahrgänge – noch interessant zu sein. Denn Schüler bilden nach wie vor die größte Gruppe der Jugendherbergsgäste.

Aber was wollen junge Reisende heute? Möglichst viel Action? Sebastian Döpp ist Chef der Internetplattform Jugendreisen.com und organisiert Freizeiten für Jugendliche. Er hat drei Wünsche ausgemacht, die Schüler haben: Abenteuer, neue Freundschaften und einen Internetanschluss. „Am wichtigsten ist allerdings, dass es Möglichkeiten gibt, Gleichaltrige kennenzulernen. Das ist attraktiver als Großstädte und Partys.“Die Jugendherberge Goslar kann diese Wünsche prinzipiell erfüllen. Es gibt Wlan, meist mehrere Gästegruppen zur selben Zeit und ein üppiges Programm. „Natürlich machen wir die Rallyes durchs Haus und durch die Stadt noch, aber unser Angebot ist wesentlich umfangreicher geworden“, sagt Stefan Dyckhoff. Besonders beliebt sind die Mittelalterklassenfahrten. Da bereiten die jungen Recken und Burgfräulein im angrenzenden Backhaus Brot nach altem Rezept zu, tragen Ritterspiele im Wald und auf der Wiese aus und feiern zum Abschluss im rustikal eingerichteten Speisesaal ein Gelage. Weil der Andrang auf diesen Abend so groß ist, kann es vorkommen, dass Klassen mehrerer Schulen zusammen oder in Schichten feiern.

Allerdings verhindert auch das liebevollste Programm nicht, dass Klassenfahrten insgesamt weniger werden. Weil die Lehrer streiken oder Schulen schließen. Das merkt man auch zwischen Harz und Weser. 6932 Übernachtungsgäste fehlten den Herbergen im Landesverband Hannover im vergangenen Jahr – und das auch nur, weil die Buchungen durch Grundschulen um 8 Prozent zugelegt haben. Der Landesverband hatte wegen des Lehrerboykotts Anfang 2014 noch 10 000 fehlende Übernachtungen befürchtet.

„Wir merken den Boykott zwar auch, haben dadurch aber keine großen Verluste“, sagt Heidrun Dyckhoff. Denn die freien Betten belegten Schulen aus anderen Bundesländern, aus internationalen Partnerstädten oder Reisegruppen. Zudem ist die Jugendherberge im Harz auch bei Familien beliebt. „Viele Eltern mit jüngeren Kindern freuen sich, dass sie bei uns Zimmer mieten können, in denen die ganze Familie Platz hat.“ Fraglich ist allerdings, wie lange es die Vielbettzimmer noch gibt. 45 Gästezimmer hat die Jugendherberge Goslar. Eines davon bietet acht Betten, 14 Räume sind mit sechs Schlafplätzen ausgestattet. „Doch schon die Sechstklässler wollen am liebsten ins Zweibettzimmer“, sagt Stefan Dyckhoff. Große Zimmer sind nicht mehr gefragt, darauf richten sich auch die Jugendherbergen ein. Schlafsäle gibt es in Neubauten schon gar nicht mehr. Auch in Goslar gibt es bereits 25 Zwei- und Vierbettzimmer – und Dyckhoffs haben von einem Architekturbüro ein Konzept erstellen lassen, wie aus den verbliebenen Vielbettzimmern kleinere Räume mit Badezimmer werden können. Die Umsetzung scheiterte bislang jedoch an der finanziellen Unterstützung durch das Land.

Dyckhoffs übernahmen die Jugendherberge – Baujahr 1938 – Ende der Neunziger, zuvor waren sie Herbergseltern in Bispingen. Bereut haben sie die Wahl nicht, auch wenn ihr Beruf besonders zu den Kernzeiten sehr fordernd ist. „Es ist schön, wenn viel los ist im Haus.“

Isabel Christian

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