Gutachten der Historikerkommission

„Hinrich Wilhelm Kopf ist kein Vorbild mehr“

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Foto: „Kein Vorbild mehr“: Der erste niedersächsische Ministerpräsident Hinrich ­Wilhelm Kopf.

Hannover - Die Historische Kommission, das höchste geschichtswissenschaftliche Beratergremium Niedersachsens, hat ein vernichtendes Urteil über den ersten Ministerpräsidenten Hinrich ­Wilhelm Kopf (SPD) gefällt. Der 1961 gestorbene Politiker sei heutzutage „kein Vorbild für eine politische Tätigkeit mehr“.

Das heißt es in einem jetzt vorgelegten Gutachten der Kommission. Gleichzeitig rückt der Historikerkreis aber von der Forderung ab, den nach Kopf benannten Straßen, Plätzen und Schulen neue Namen zu geben.

Die Debatte über Kopf war im Juni aufgeflammt, als die Göttinger Politologin Teresa Nentwig eine neue Biografie über den ersten Ministerpräsidenten Niedersachsens vorgelegt hatte. Darin war noch einmal deutlich geworden, dass Kopf in der NS-Zeit als Miteigentümer einer Berliner Firma, die jüdisches Eigentum verkaufte, kräftig verdient hatte. Es gibt Hinweise, dass er zuvor einen jüdischen Geschäftspartner aus dem Unternehmen verdrängt hatte.

Das Landtagspräsidium bat im Frühsommer die Historische Kommission, das publizistische Echo auf Nentwigs Buch auszuwerten und vorzuschlagen, wie man auf die Darstellung über das Wirken Kopfs reagieren soll – schließlich wird der SPD-Politiker immer noch als Gründervater des Landes Niedersachsen verehrt.

Die Kommission würdigt nun in einem achtseitigen Schreiben Kopfs Verdienste, stellt aber auch klar, dass der erste Ministerpräsident „nach allen denkbaren Maßstäben als moralisch-politisch belastet zu gelten hat“. Im Landtag hatte Kopf 1948 seine Verwicklung in die NS-Besatzungspolitik bestritten. Wie die Historische Kommission mit ihrem Vorsitzenden Prof. Thomas Vogtherr jetzt erklärt, hat Kopf dabei seine Rolle „nicht nur verharmlost oder beschönigt, sondern durch eine Lüge die Tatsachen in ein anderes Licht zu stellen versucht“.

Trotz dieser harten Vorwürfe empfiehlt die Kommission, die nach Kopf benannten Institutionen und Straßen – darunter der Platz vor dem Landtag – nicht mit neuen Namen zu versehen. Nötig sei eine „kritische Auseinandersetzung mit seinem Leben und Wirken“, nicht eine „Tilgung des Namens aus dem öffentlichen Bewusstsein“. Angeregt wird eine „ständig zugängliche Dokumentation zu Kopfs Tätigkeit an der Stelle seines Wirkens“ – gemeint ist damit offenbar die Staatskanzlei.

Landtagspräsident Bernd Busemann (CDU) erklärte, im Ältestenrat des Landtags über das Gutachten der Historiker beraten zu wollen. Seine Stellvertreterin Gabriele Andretta (SPD) hatte schon vor Monaten gefordert, als Konsequenz aus den Erkenntnissen alle nach Kopf benannten Schulen umzubenennen.

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