Vorwürfe zu NS-Vergangenheit

War Hinrich Wilhelm Kopf ein Nazi?

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Foto: Hinrich Wilhelm Kopf war von 1946 bis 1955 und von 1959 bis 1961 Regierungschef in Niedersachsen.

Hannover - Mehr als 50 Jahre nach dem Tod des ersten niedersächsischen Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf hat eine Historikerin schwere Vorwürfe zu dessen NS-Vergangenheit erhoben.

Die Göttinger Politologin Teresa Nentwig hat das Leben des 1961 gestorbenen Kopf durchleuchtet und dabei neue Belege für seine zweifelhafte Rolle in der NS-Zeit gefunden. Ihr Buch ist jetzt erschienen und wurde Donnerstag von der Historischen Kommission Niedersachsen vorgestellt. Ende der dreißiger Jahre war Kopf Miteigentümer einer Berliner Firma, die jüdisches Vermögen verkaufte. Kopf habe „kräftig verdient an der Entrechtung vieler Juden“, sagte Weil in seiner Bewertung des Nentwig-Buches. Nach dem deutschen Einmarsch in Polen habe sich Kopf ein neues Betätigungsfeld gesucht und das Vermögen der geflüchteten Polen und Juden im Osten verwaltet. „Es handelte sich um einen systematischen Raub gegenüber Juden und Polen – daran ist nichts zu bemänteln“, erklärte Weil. Im Unterschied zu späteren Beteuerungen sei Kopf zu dieser Arbeit nicht gezwungen worden, sagte der Ministerpräsident. Ihn erinnere die Rolle Kopfs an die Tätigkeit von Anwälten in der DDR, die Ausreisewillige vertreten haben. Im Buch von Teresa Nentwig wird auch beschrieben, wie Kopf 1943 Grabsteine von jüdischen Friedhöfen entfernen lassen hat und diese für den Straßenbau verkaufte.

Kopf scheine sich durchaus um Menschlichkeit bemüht zu haben, sagte Weil, fügte aber hinzu: „Nichtsdestotrotz: Kopf wirkte an der systematischen Enteignung von Menschen mit, deren bürgerliche und wirtschaftliche Entrechtung in vielen Fällen ihrer physischen Vernichtung voranging.“ 1948 bestritt Kopf im Landtag, Enteignungskommissar in Polen gewesen zu sein. Er habe „Parlament und Öffentlichkeit in aller Form angelogen über seine Tätigkeit im Zweiten Weltkrieg“. Dies stehe im Kontrast zu seiner Leistung, die verschiedenen Regionen Niedersachsens zur Gründung des Landes 1946 geführt zu haben. Er habe in seinen Jahren als Ministerpräsident das Land verkörpert, „das außer ihm keine Identifikationsfigur hatte“.

Das Buch

Teresa Nentwig: Hinrich Wilhelm Kopf (1893–1961). Ein konservativer Sozialdemokrat. 941 Seiten, Hahnsche Buchhandlung Hannover, ISBN 978-3-7752-6072-5, 48 Euro.

Dann fügte Weil folgende Einschätzung hinzu: „Wie sollen wir damit umgehen? Diese Risse verleugnen und weiter das Denkmal verehren? Den Stab über Kopf brechen und seine historischen Verdienste in den Hintergrund treten lassen? Ich bin mir auch nach längerem Nachdenken noch nicht recht schlüssig, welches meine persönliche Antwort auf dieses Dilemma ist. Das Leben von Hinrich Wilhelm Kopf zeigt, dass Menschen immer wieder zu beidem gleichermaßen und als eine Person fähig sind – zu schuldhaftem Handeln ebenso wie zur herausragenden Leistung.“ Anschließend fragte Weil, was das für die vielen Straßen und Schulen im Lande heißt, die bis heute den Namen Kopf tragen. Von der Historischen Kommission wünsche er sich eine Empfehlung, wie Politiker mit Kopf künftig umgehen sollten. Gabriele Andretta (SPD) sagte: „Es besteht offenbar kein Zweifel daran, dass Kopf sich in den Diensten des verbrecherischen NS-Regimes schuldig gemacht hat.“

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