Niedersachsens erster Ministerpräsident

Hinrich Wilhelm Kopf und die NS-Zeit

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Ein Denkmal wird vom Sockel gestoßen: Hinrich Wilhelm Kopfs Büste im Landtag.

Hannover - Neue Dokumente werfen weitere Schatten auf Niedersachsens Landesvater Hinrich Wilhelm Kopf. Kopf war einer der Gründerväter der Bundesrepublik, als erster niedersächsischer Ministerpräsident gestaltete er den Aufbau des Bundeslandes.

Fünf Jahrzehnte nach seinem Tod fallen jedoch immer größere Schatten auf den einstigen populären Landesvater. Durch eine Biografie der Göttinger Politologin Teresa Nentwig kam ans Licht, dass Kopf im Zweiten Weltkrieg an der Enteignung von jüdischem und polnischem Privateigentum in Polen mitgewirkt hatte. Jetzt zeigen neue Forschungen, dass der SPD-Politiker viel tiefer in das NS-Unrechtsregime verstrickt war: Bereits ab 1934 machte Kopf als Immobilienmakler lukrative Geschäfte auf Kosten verfolgter Juden.

Dies hat der Göttinger Germanist und NS-Forscher Prof. Frank Möbus bei seinen umfangreichen Recherchen zur Enteignungspolitik der Nationalsozialisten herausgefunden. Der Wissenschaftler, der ein Forschungsprojekt zur Ermittlung von Raub- und Beuteliteratur an der Universität Göttingen geleitet hat, ist auf bislang unbekannte Quellen gestoßen, die belegen, dass der spätere Ministerpräsident fast über die gesamte NS-Zeit hinweg von der Enteignung der Juden profitiert hat.

Eine Episode lässt ihn in einem besonders üblen Licht erscheinen: Kopf war 1933 von den Nationalsozialisten aus dem öffentlichen Dienst entlassen worden. In dieser Notlage bat er seinen alten Freund Wilhelm Ernst Stadthagen in Berlin um Hilfe. Stadthagen war ein wohlhabender jüdischer Geschäftsmann, Inhaber mehrerer prosperierender Firmen und Vizepräsident des Reichsverbandes Deutscher Grundstücks- und Hypothekenmakler. Stadthagen bot ihm großmütig an, ab Juli 1933 in die Leitung zweier Firmen einzutreten. Kopf war damit aus einer existenziellen Notlage gerettet und verdiente „gutes Geld für sich selbst und seine Familie“, wie Stadthagen später in einem Interview berichtete.

Kopf hat es seinem Freund allerdings schlecht gedankt: Anfang April 1934 fand der jüdische Freund einen Brief auf seinem Tisch, in dem Kopf seinen Rückzug aus der Firma bekannt gab. Dies kam völlig überraschend, denn offenbar hatte Kopf vorher nie mit seinem Freund darüber gesprochen. Später erfuhr Stadthagen von Berliner Bankiers, dass Kopf zu ihnen gesagt habe, er könne es sich nicht erlauben, „ständig mit einem Juden in Zusammenhang gebracht zu werden“.

Kopf beließ es indes nicht bei dem wortlosen Rückzug, sondern gründete mit einem Kompagnon eine Firma für Grundstücks- und Immobilienvermittlungen und Vermögensverwaltung. Dies war ein noch schlimmerer Verrat an dem Freund, denn Kopf beackerte nun eben jenes Geschäftsfeld, zu dem ihm Stadthagen erst den Zugang verschafft hatte. Kopf hatte dort nicht nur viele Kontakte geknüpft, sondern auch Zugang zu den Adresskarteien gehabt. Zu den Kunden gehörten vor allem jüdische Hausbesitzer, die nun unter dem Druck standen, wegen der zunehmenden Verfolgung durch die Nationalsozialisten ihren Grundbesitz zu verkaufen. „Diese Adressenlisten könnten für ihn so etwas wie eine Lizenz zum Gelddrucken gewesen sein“, meint Frank Möbus.

Auch Stadthagen blieb nichts anderes übrig, als seine Firmen zu verkaufen. Er emigrierte im Juli 1934 über Belgien und England in die USA, wo er sich in Stagen umbenannte und erneut ein erfolgreicher Makler wurde. Die von ihm gegründete Firma ist heute noch in Beverley Hills ansässig. Daneben war Stadthagen in zahlreichen jüdischen Hilfsorganisationen tätig, unter anderen mit Felix Guggenheim in dem einflussreichen Jewish Club of 1933.

Im Rahmen eines Oral History Projekts interviewte ihn 1972 das Leo-Baeck-Institut, die wichtigste Dokumentations- und Forschungseinrichtung für die Geschichte und Kultur des deutschsprachigen Judentums. Stagen berichtet darin ausführlich über seine privaten und geschäftlichen Beziehungen zu Kopf in den Jahren 1933/34. Besonders vielsagend ist dabei, was er nicht sagt: Stagen nennt ihn „Duzfreund“, „Landrat“ und „Sozialdemokrat“, aber er nennt nie seinen Namen. „Das verstehe ich als Ausdruck einer ausgeprägten Missbilligung und Abneigung“, sagt Möbus. Stagen berichtet auch davon, dass Kopf ihn später, als er als Ministerpräsident in den USA weilte, in Los Angeles habe besuchen wollen. Stagen zog es vor, die Stadt zu verlassen. Er wollte Kopf nicht sehen.

Kopf profitierte auch während des Zweiten Weltkrieges von den Beutezügen der Nationalsozialisten. Nach dem deutschen Angriff auf Polen war er für die deutsche Treuhandverwaltung in Oberschlesien tätig und half den Nationalsozialisten bei der Enteignung polnischer Juden. Auch seine Berliner Immobilienfirma blieb bis mindestens 1943 aktiv. In Polen schreckte Kopf auch nicht davor zurück, Grabsteine eines jüdischen Friedhofs meistbietend für den Straßenbau zu verkaufen.

In Niedersachsen sind zahlreiche Straßen, Plätze und Schulen nach Kopf benannt, unter anderem auch der Platz vor dem Landtagsgebäude. Inzwischen diskutieren die Landespolitiker darüber, ob dieser auch weiterhin so heißen sollte.

Heidi Niemann

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