70. Gedenktag Bergen-Belsen

Die Hölle hat einen Namen

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Foto: „Wir hatten nur Hunger und sahen um uns nur Tod, Tod, Tod“: Bundespräsident Gauck, Ministerpräsident Weil und Überlebende erinnerten in Bergen-Belsen an die Befreiung.

Bergen-Belsen - Zum 70. Gedenktag der Befreiung des Konzentrationslagers in Bergen-Belsen ist dieses Mal sogar der Bundespräsident gekommen. Mehr als 70.000 Menschen aus vielen europäischen Ländern, Kriegsgefangene, Juden, „Politische“, Roma und Sinti, kamen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in diesem Lager um.

„Befreiung? Wir spürten das Gefühl nicht. Wir hatten nur Hunger und sahen um uns nur Tod, Tod, Tod.“ Anastasija Gulei ist aus der Ukraine nach Bergen-Belsen gekommen, wo sie am 15. April als junge Frau die Befreiung des Lagers eher wahrnahm als erlebte. Die hochbetagte Ukrainerin ist eine von 15 Rednerinnen und Rednern, die gestern der Befreiung des Lagers gedachten, das auch ein riesiger Friedhof ist. Mehr als 70 000 Menschen aus vielen europäischen Ländern, Kriegsgefangene, Juden, „Politische“, Roma und Sinti, kamen bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in diesem Lager um. Anastasija (was übersetzt „die Auferstehende“ heißt) hat die Hölle überlebt. Sie war eine von sechs Überlebenden, die gestern in Bergen-Belsen sprachen.

Zum 70. Gedenktag der Befreiung ist dieses Mal sogar der Bundespräsident gekommen. Er ist zum ersten Mal in Bergen-Belsen, das heute eher an eine Parklandschaft erinnert als an jenen Ort, „in dem das Grauen viele Formen hatte“. Gauck erinnert etwa an die 3000 Kinder, die hier in Bergen-Belsen in den letzten Kriegsjahren leben und erleben mussten, wie ihre Eltern von den Wärtern gedemütigt wurden. Gauck bedankt sich ausdrücklich bei den Briten für die Befreiung. Sie haben einen Cousin der Queen, den Duke of Gloucester, zu dem Gedenkakt geschickt, bei dem Gauck eher eine pastorale Rede hält.

Kämpferischer tritt da schon Ronald Lauder auf, Präsident des Jüdischen Weltkongresses. „Wir stehen hier auf einem der größten Friedhöfe der Welt“, sagt Lauder – und erinnert noch einmal, wie viele europäische Nationen schwiegen, als Hitler sich daranmachte, die Juden zu vernichten. „Auch meine Nation, die USA, verschloss ihre Tore“, sagt der 71-jährige Milliardär, der heute mit einer Stiftung jüdische Bildungsorganisationen in aller Welt unterstützt. Wenn sich heute wieder Antisemitismus ausbreite, schweige man nicht mehr. „Wir werden Sie nicht im Stich lassen“ – sagt Lauder zu den 100 Überlebenden und mehr als 1200 Gästen aus aller Welt, die an diesem regnerischen Sonntag mit Schirmen in der Heidelandschaft stehen.

Auch Romani Rose, dessen Tante in Bergen-Belsen umgebracht wurde, mahnt, nicht zuzulassen, wenn Minderheiten wie etwa Sinti und Roma, die auch in Bergen-Belsen interniert waren, zu Sündenböcken gemacht werden. Es reiche nicht zu gedenken, sagt auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil: „Daraus folgt ein Auftrag, der nieverjährt: immer aufzustehen, wenn Menschen wegen ihres Glaubens, ihrer Rasse, ihrer Überzeugung verfolgt werden.“Aber erinnert sich später noch jemand an die „Shoa“, den Holocaust, fragt sich Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, und zitiert aus jüngsten Umfragen, nach denen das Wissen um die Vergangenheit rapide abnimmt. „Selbst in der Kultusministerkonferenz kämpfen wir darum.“ „Hab Erbarmen“, intoniert der Chor der Jüdischen Gemeinde. Mit Kranzniederlegungen und Gebeten schließt dieser Gedenktag in Bergen-Belsen ab, wo am 15.  April 1945 ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde.

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