Fußball-Lyriker Ostermaier

„Hoeneß ist durch einige Höllen gegangen“

+

München - Albert Ostermaier kennt Uli Hoeneß gut – er kennt viele aus der glamourösen Fußballwelt. Der Lyriker schreibt Oden an die Stars, etwa an Oliver Kahn oder Manuel Neuer. Hoeneß' Sturz habe "antike Dimensionen, eine unglaubliche Fallhöhe", sagt Ostermaier. Die eigentliche Strafe habe der Bayern-Boss schon erhalten.

Albert Ostermaier sitzt vor dem "Schumanns" am Odeonsplatz, die Sonne wärmt, blau strahlt der Himmel. München leuchtet, als wäre schon Sommer. Doch zugleich wurde im Justizpalast am Stachus, nur fünf Radlminuten entfernt, ein düsteres Drama aufgeführt, vier Tage lang ab 9.30 Uhr. Es folgt einem klassischen Plot: "Die Wandlung des Helden zum Schurken" nennt es der Dramatiker Ostermaier. "Und genau das ist zu einfach. Jede reiche Persönlichkeit ist widersprüchlich." Menschlich reich, meint der 1967 Geborene natürlich, auch wenn die Widersprüche im Fall Hoeneß an Zahlen festgemacht werden. 130 Millionen hat er erzockt, dann fast alles wieder verloren. Irreales Geld, das dann in Form von Steuerschulden real wurde und die einstige Lichtgestalt in den Abgrund riss.

Albert Ostermaier kennt Hoeneß gut, er kennt auch die Bayern-Spieler wie Schweinsteiger und Ribéry persönlich. Er schreibt Oden an sie, an Oliver Kahn ("als wolle er die Sonne aus ihrer Laufbahn fausten") und Manuel Neuer ("ein Kind mit den Armen eines Titans"). Die Torleute haben es ihm besonders angetan, Ostermaier steht für die Autoren-Nationalmannschaft zwischen den Pfosten. "Flügelwechsel", heißt sein gerade erschienener Gedichtband (Insel Verlag, 112 Seiten, 13,95 Euro), Olli Kahn hat ein ungelenkes Vorwort verfasst.

Ihn interessieren die Spieler mit Ecken und Kanten, sagt Ostermaier. Wer aber hat mehr davon als der Noch-Präsident des "Sterns des Südens"? Über Hoeneß wird Ostermaier mit Sicherheit auch schreiben. Der Sturz des FC-Bayern-Zentralgestirns "hat antike Dimensionen, eine unglaubliche Fallhöhe". Ostermaier nennt den Noch-Präsidenten seines Clubs einen "einzigartigen Menschen, eine herausragende Persönlichkeit", und jede herausragende Persönlichkeit sei eben voller Widersprüche. Doch zunächst einmal wartet Ostermaier ab. Der Prozess ist beendet.

Die eigentliche Strafe habe Hoeneß schon erhalten: "Er ist durch einige Höllen gegangen." Nun solle Hoeneß erst einmal die Gelegenheit gegeben werden, sein eigenes Fazit der Steueraffäre zu ziehen. "Er ist seit einem Jahr in einem einzigen perpetuierten Ausnahmezustand", meint Ostermaier, auf ihm laste ein "unmenschlicher Druck". Jetzt müsse Hoeneß erst einmal eine "gewisse Distanz" gewinnen und sich dann erklären: Warum diese Zockereien, warum das Verbergen vor der Steuer? Was haben die sagenhaften Gewinne der frühen Jahre und die ebenso sagenhaften Verluste danach in ihm ausgelöst? Im Prozess zog sich der 62-Jährige auf Formulierungen zurück, die er schon vor knapp einem Jahr im Interview mit der Zeit verwendet hatte. Mehr Abstand konnte er noch nicht gewinnen.

Ostermaier findet die Medien banal, die nur auf den "bösen Uli" einschlagen. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück und beschreibt den Hoeneß, von dem in den vergangenen Tagen weniger die Rede war. Den Mann, der die "Seele des FC Bayern ist", der zu Spielern wie Schweinsteiger und Ribéry ein familiäres Verhältnis hat - und ohne den es "sehr, sehr schwer wird, den Verein so zu erhalten". Es klingt wie ein Nachruf. Und es ist der Beginn des nächsten großen Dramas, nachdem das Stück in Saal 134 des Justizpalasts am Stachus seinen Abschluss gefunden hat. Ostermaier wird darüber schrieben müssen. Im nächsten Band.

Von Jan Sternberg

30240173049865

Kommentare