Steuerhinterziehung

Uli Hoeneß: Foulspiel mit Folgen

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Foto: Eine Ikone stürzt: Bayern-Präsident Hoeneß bezichtigt sich selbst der Steuerhinterziehung – und enttäuscht eine ganze Nation.

München/Berlin - Eine Ikone stürzt: Bayern-Präsident Hoeneß bezichtigt sich selbst der Steuerhinterziehung – und enttäuscht damit eine ganze Nation.

Es gibt viele, die ihn gerne für sich vereinnahmt haben. Die ihn als Partner, Berater oder Freund vorstellten. Der Glanz des Uli Hoeneß, der Leuchtfigur des FC Bayern München, des deutschen Fußballs und irgendwie auch ein bisschen der Deutschen, sollte auf viele abstrahlen. Uli Hoeneß, das ist der Macher, der Erfolgsmensch, der Moralist.

Seit diesem Sonnabend ist alles anders und vielleicht auch alles vorbei. Hoeneß hat Steuern hinterzogen. „Schweizer Bankkonto“, „Selbstanzeige“, „Millionenbeträge“, läuft es in den Nachrichten rauf und runter. Merkwürdigerweise klingt es nicht wie eine Skandalnachricht, sondern eher wie eine Trauerbekundung. Der Hoeneß? Doch nicht der!

Wie an jedem Montag trainiert die Nachwuchsjugend des FC Bayern in der Vereinszentrale an der Säbener Straße. Der Fanshop ist geöffnet, das klubeigene Reisebüro auch. „Mia san mia“, steht am Eingang. Das ist Philosophie hier, das liegt schon den Zwergen der Pampersliga im Blut, dieses FC-bayerische Selbstbewusstsein. Wir sind, wie wir sind – können ja wir nix dafür, dass wir ein bisschen besser sind als alle anderen. Vielleicht liegt’s auch an dieser Selbstsicht, dass man im Angesicht des Hoeneß-Desasters an diesem Montag nun doch sprachlos ist.

Der Klub verbittet sich bei seiner Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Barcelona alle Fragen zum Präsidenten. „Kein Kommentar“, sagt die Verkäuferin im Fanshop zwischen Bayern-Gartenzwergen, Bayern-Kerzen und Bayern–Vogelhäuschen. Am Empfang heißt es: „Das hat mit uns erst mal nichts zu tun.“ Das mit den Steuern, das sei „Privatsache“ des Bayern-Bosses, verlautet aus dem Vorstand, aus den Fanklubs. Sogar Hoeneß’ Sohn Florian, der die familieneigene Wurstfabrik in Nürnberg leitet, sagt, dass das Unternehmen mit all dem nichts zu tun habe. „Ich werde einige Wochen ins Land ziehen lassen, ehe ich mich äußere“, erklärt der Missetäter selbst.

Nur, es ist keine Privatsache. Es ist der tiefe Fall einer nationalen Ikone – und das ausgerechnet in dieser vielleicht erfolgreichsten Fußballsaison des erfolgreichsten deutschen Fußballvereins und ausgerechnet in dieser Woche. Heute Abend erwartet der FC Bayern die Starmannschaft vom FC Barcelona im Halbfinale der Champions League. Uli Hoeneß will dabei sein in der Allianz-Arena. Aber wer will neben ihm sitzen? All die Partner, Berater und Freunde scheinen verschwunden. Hoeneß steht allein da.

Der 61-jährige einstige Nationalspieler hat den FC Bayern München als Manager und Präsident zu einer einzigartigen Geld-, Unterhaltungs- und Sportmaschine gemacht. Was wäre der Verein ohne Hoeneß? Er steht für seine Spieler ein, und er ist überdies sozial engagiert. Uli Hoeneß zieht zum Beispiel Sponsorengelder für die Dominik-Brunner-Stiftung an Land, deren Kuratoriumsvorsitzender er ist. Das Schicksal des Unternehmers, der an der S-Bahn von zwei jungen Leuten zu Tode geprügelt worden war, erschütterte Hoeneß tief.

Mit der Kanzlerin und Fußballfreundin Angela Merkel hat Hoeneß sich prächtig verstanden, als sie im vergangenen Jahr mit ihm die Integrationsinitiative „Geh Deinen Weg“ vorstellte. Gut und positiv sei diese Begegnung verlaufen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert gestern – und umso größer sei nun die Enttäuschung Merkels.

Reihenweise und durchaus spöttisch werden nun im Internet seine vielen Apelle für Ehrlichkeit und Fairness neu aufgelegt. „Mir ist inzwischen egal, ob ich 20, 50 oder 100 Prozent Steuern zahle. Mir geht es um die kleinen Leute“, sagte Hoeneß 2002 der Münchener „Abendzeitung“. Oder im gleichen Jahr der „Welt“ zum Thema Steuerhinterziehung: „Es kann doch nicht der Sinn der Sache sein, ins Gefängnis zu wandern, nur um ein paar Mark Steuern zu sparen.“

Oft hat „Mr. FC Bayern“ die dubiosen Machenschaften des Weltfußballverbandes Fifa angeprangert. Er ist dafür bewundert worden. Umgekehrt brüllte er in seiner bekannten Wutrede von 2007 unzufriedene Bayern-Fans nieder: „Was glaubt ihr eigentlich, wer euch alle finanziert? Die Leute in den Logen, denen wir die Gelder aus der Tasche ziehen.“

Die in den Logen und die vielen, mit denen es das Schicksal nicht so gut meint – in diesem Spannungsfeld hat sich Uli Hoeneß zeitlebens bewegt. Als ehrliche Haut gilt er vielen, dieser Metzgerssohn aus Ulm, der sich hochgearbeitet hat. Der eine Wurstfabrik errichtet, viele Arbeitsplätze geschaffen hat, Mc Donald’s und Aldi beliefert. Eine Lebensgeschichte, womöglich zu schön, um wahr zu sein? Oder einfach nur eine Lebensgeschichte, wie so viele – eben auch mit Brüchen?

Es ist kein Geheimnis, dass Uli Hoeneß große Sympathien für die CSU hegt und den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer unterstützt. Mitglied der Partei ist er nicht. „Dafür ist er zu autark und zu eigenständig“, sagt CSU-Sprecher Jürgen Fischer. Bei einer versuchten Anwerbung als Landtagskandidat habe er „null Interesse“ signalisiert. Unklar ist noch, warum Seehofer schon früh von den Steuersünden Hoeneß’ wusste. Gestern sagte er nur, er habe „aus der Staatsregierung heraus Kenntnis erlangt“.

Über Parteigrenzen hinweg gilt Hoeneß als geschätzter Gesprächspartner. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hatte Hoeneß zu seiner Zeit als Bundesfinanzminister sogar in ein Beratergremium berufen, zusammen mit der damaligen Bischöfin Margot Käßmann. In die Zeit dieser Promi-Beratung fiel unter anderem das Steuerhinterziehungsbekämpfungsgesetz, das sich später als untauglich erwies. Jetzt wirft Linke-Chef Bernd Riexinger Steinbrück vor, „für das Schlupfloch, in dem Hoeneß Millionen versteckt hat“ die politische Verantwortung zu tragen.

In Bayern wiederum schlagen nun SPD und Grüne mit Blick auf die Landtagswahl am 15. September auf Hoeneß ein und wollen die CSU treffen – es ist das gleiche Muster wie auf der Bundesebene. Die Taktik ist im Freistaat allerdings riskant: Wenn – auch nur indirekt – der FC Bayern München angegriffen wird, dann verstehen viele Bürger keinen Spaß. Denn schwarze wie rote Wähler sonnen sich gemeinsam in den Erfolgen der Super-Kicker. Die hochrangigen Bayern-Funktionäre sind deshalb abgetaucht, sagen nichts, warten auf das abendliche Spiel gegen „Barca“.

Wer jetzt als Erster an Hoeneß als Präsident zweifelt, der weiß, dass er selbst keine große Zukunft mehr im Verein haben wird.

von Patrick Guyton und Joachim Riecker

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