Anklageerhebung

Holmes muss sich wegen Mordes verantworten

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Der mutmaßliche Kino-Schütze Holmes soll 24 Menschen ermordet haben.

Aurora - Verwirrt und abwesend wirkt der mutmaßlichen Amokläufer im Gerichtssaal. Als wollte er der Realität entfliehen. Die Angehörigen der Opfer stellen sich derweil die schmerzhafte Frage: Warum?

Die Vorwürfe gegen James Holmes klingen unfassbar, ungeheuerlich. Noch vor kurzem galt er als ein begabter junger Mann, war Student der Neurowissenschaft. Jetzt wirft ihm die Staatsanwaltschaft „umfassende Bösartigkeit“ vor.

Von „extremer Gleichgültigkeit über den Wert des menschlichen Lebens“ ist die Rede. 24 Anklagepunkte lauten auf Mord. Dem 24-Jährigen wird vorgeworfen, bei dem Kino-Massaker von Colorado vor gut zehn Tagen zwölf meist junge Menschen in den Tod gerissen zu haben.

Bilder aus dem Gerichtssaal in Denver gibt es keine. Kameras wurden verboten. Nur die Zuschauer im Saal können verfolgen, wie Holmes reagiert. Ist es nicht ein Stück weit verständlich, dass er zeitweise wie abwesend wirkt - als wolle er sich angesichts der brutalen Wirklichkeit am liebsten in eine andere Welt, in seine eigene Realität zurückziehen?

Schon zeichnet sich ab, dass die Frage der Zurechnungsfähigkeit im Mittelpunkt stehen dürfte. Was kann es denn für ein Motiv geben, das einen jungen Studenten dazu bringt, über Wochen und Monate Waffen und Munition zu sammeln und dann in ein Kino zu stürmen, um das Feuer zu eröffnen, wie Polizei und Staatsanwaltschaft behaupten? Gibt es überhaupt Motive für eine solche Tat?

Menschen, die um Angehörige trauern, stellen sich immer wieder die schmerzhafte und bohrende Frage: Warum? Die Trauernden verlangen aus tiefsten Herzen nach Klarheit. Doch wird der Prozess diese Frage wirklich beantworten?

Bohrende Fragen stellte auch Pastor Dan Fiorini, als er am Wochenende eines der Opfer zu Grabe trug - den 27 Jahre alten Matthew McQuinn. Er soll sich während des Überfalls schützend über seine Freundin geworfen haben. „Warum wurde dem Bewaffneten erlaubt, das Kino zu betreten?Warum war er in der Lage, die Waffen und die Munition so einfach zu erwerben? Warum hat Gott nicht etwas getan?“, fragte Fiorini.

Die Bluttat von Colorado hat die Amerikaner erschüttert, wie es lange Zeit kein Amoklauf vermochte. Erstmals seit langem geraten die großzügigen US-Waffengesetze unter Beschuss. Auch republikanische Politiker lassen Bereitschaft erkennen, zumindest den einfachen Zugang zu besonders gefährlichen Sturmgewehren zu erschweren. Immerhin, das wäre ein erster Schritt.

Doch das grundgesetzlich verbriefte Recht der Amerikaner, eine Waffe zu trage, bleibt tabu - auch für Präsident Barack Obama. Sich im Wahlkampf mit der mächtigen Waffenlobby anzulegen, gilt in Washington als politischer Selbstmord. Vorsichtig und lavierend agiert Obama.

„Die AK-47 gehören in die Hände von Soldaten und nicht in die Hände von Gaunern“, sagt Obama mit Blick auf Sturmgewehre. Doch dann entschlüpft ihm ein blumiger Satz wie „Das Jagen und Schießen sind Teil einer geschätzten nationalen Tradition.“ Jagen, nationale Tradition? Klingt etwas bizarr vor dem Hintergrund der Toten von Colorado.

Für Deutsche und Europäer im Allgemeinen ist die Debatte in den USA mitunter nur schwer nachvollziehbar. „Ich habe ununterbrochen Schusswaffen besessen, seitdem ich sechs Jahre alt war“, bekennt der Anwalt und passionierte Jäger Michael McNulty in einem Namensbeitrag in der „Washington Post“. Doch auch der Mann aus Arizona richtet schwere Vorwürfe an die Waffenlobby NRA. Die Lobby habe „den Sportsmann längst hinter sich gelassen“, bei Sturmgewehren und anderen halbautomatischen Waffen gehe es um ganz Anderes.

Eindringlich macht der Anwalt eine Rechnung auf: Durch Waffen würden jedes Jahr in den USA dreimal mehr Menschen ermordet als bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001, als rund 3000 Menschen ums Leben kamen. „Doch gesegnet seien die Waffenhersteller“, schreibt McNulty, „denn sie werden im Voraus begnadigt.“

dpa

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