Jugoslawische Kriegsgefangene

Holocaust-Überlebende: Das Wunder von Osnabrück

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Der ehemalige Landesrabbiner Zvi Asaria (geb. als Hermann Helfgott) arbeitete in diesem Lager als Geistlicher der jugoslawischen Armee.

Osnabrück - Manchmal kann ein Zaun auch Leben retten - etwa in Osnabrück, wo eine kleine jüdische Gruppe die Massenvernichtung der Nazis überlebte. Sie gehörte zu den 5000 Offizieren aus Jugoslawien, die während des Zweiten Weltkriegs in Osnabrück gefangen gehalten wurden.

Es war die militärische Elite des von den Nazis zerschlagenen Königreichs. Unter den Gefangenen waren auch mehrere Hundert Offiziere jüdischen Glaubens. Im Lager Oflag VI-c am Osnabrücker Stadtrand, das der Wehrmacht unterstand, durften sie ihre Gottesdienste feiern, während außerhalb des Stacheldrahtzaunes Juden deportiert und getötet wurden. Die Universität Osnabrück will die Geschichte des Lagers jetzt genauer erforschen.

Juli 1942. Viele Osnabrücker Häuser sind bereits von Bomben zerstört. Auf dem kleinen jüdischen Friedhof in der Magdalenenstraße kommt es zu einer seltsamen Begegnung. Streng bewacht von deutschen Soldaten tragen kriegsgefangene Offiziere des jugoslawischen Königsreichs ihren jüdischen Kameraden Leutnant Nikola Neymann zu Grabe. Ihr Rabbi bemerkt unter den Deutschen am Rande des Friedhofs einen Mann, der an seiner Jacke den Davidstern trägt. Ohne dass die Wachleute etwas bemerken, kommt es zu einem kurzen Gespräch: „Wie viele Juden gibt es hier“, fragt der Rabbi aus dem Kriegsgefangenenlager. „Zehn bis zwölf“, antwortet der Osnabrücker Glaubensbruder. Der Deutsche heißt Hermann Heymann. Er ist der letzte jüdische Gemeindevorsteher in Osnabrück. 1943 wird auch Heymann nach Auschwitz deportiert. Dort verliert sich seine Spur. Der Rabbi aus dem Oflag VI-c heißt Hermann Helfgott, Feldgeistlicher der jugoslawischen Armee. Er überlebt die Gefangenschaft im Lager. Als Zvi Asaria ist er von 1966 bis 1970 Landesrabbiner von Niedersachsen in Hannover.

1941 hatte Nazi-Deutschland in einem kurzen Feldzug das Königreich Jugoslawien vernichtet. Die gefangenen Offiziere des jungen Königs Petar II. schafft die Wehrmacht unter anderem nach Osnabrück. Dort werden die Soldaten in ein Barackenlager gepfercht. Bis zu 200 Menschen teilen sich eines der Holzhäuser. Weil die Wehrmacht rund um das Lager Flak-Stellungen postiert, fallen im Dezember 1944 auch Bomben auf die Baracken. 116 Gefangene sterben. Und doch wird die doppelte Stacheldraht-Reihe zum Schutzzaun für die jüdischen Kriegsgefangenen.

Während draußen die jüdischen Gemeinden in Osnabrück und anderswo vernichtet werden, feiern ihre Glaubensbrüder im Oflag VI-c streng nach dem Ritus den täglichen Gottesdienst. Der Altar wird aus Pappresten gebastelt, der siebenarmige Leuchter aus Konservenbüchsen. Auch wenn die Predigt des Rabbis die Zensur des Lagerkommandanten passieren muss, so kann doch im Lager die jüdische Kultur gepflegt werden wie nirgendwo sonst in Nazi-Deutschland oder in den eroberten Gebieten. Als im September 1944 ein Vertreter des Roten Kreuzes das Lager besucht, sagt er heimlich zum jugoslawischen Rabbi: „Euer Glück ist, dass ihr Uniform tragt.“

„Dieses Lager verdient einen Platz im kollektiven Gedächtnis der Stadt“, sagt knapp 70 Jahre später Christoph Rass, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück. Kürzlich beschäftigte sich auch eine Konferenz mit dieser „besonderen Lagergesellschaft“. Eingeladen waren dazu auch Wissenschaftler aus Israel und Serbien. Denn die Gegensätze und Konflikte des Balkanstaates spiegeln sich im Oflag VI-c wider. Kommunisten und Juden werden 1943 von ihren einstigen Kameraden abgesondert und in einen eigenen Lagerbezirk gesperrt. Einige Offiziere dürfen zurück in die Heimat, um sich dort den mit Nazi-Deutschland verbündeten Einheiten anzuschließen. Als 1945 britische Truppen das Lager befreien, trauen sich wiederum königstreue Offiziere nicht zurück in das jetzt kommunistische Jugoslawien. Einige bleiben sogar in Osnabrück und gründen dort die bis heute existierende serbisch-orthodoxe Gemeinde.

Viele Jahrzehnte nutzen britische Soldaten das Lager als Kaserne. Erst als diese 2008 die „Quebec-Barracks“ aufgeben, kommt in Osnabrück eine Diskussion über das Oflag VI-c auf. Der Verein Antikriegsbaracke Atter möchte eine der erhaltenen Baracken zu „einem lebendigen Diskussions- und Erfahrungsort“ ausbauen, sagt deren Vorsitzender Walter Gröttrup. Die Zeit drängt, denn das Gelände soll verkauft werden.

Bernhard Remmers

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