Zerstörerische Wirkung

Horror-Droge „Crystal Meth“ weckt große Sorge in Europa

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Ein Zollbeamter zeigt im Sitz der Zolleinheit „Mobile Kontrolleinheit Verkehrswege“ (KEV) in Selb (Oberfranken) einen Drogenfund von circa fünf Gramm Crystal Speed.

Lissabon - Gefährliche Rauschmittel wie Heroin und Kokain sind in Europa weiter auf dem Rückzug. Aber die Experten schlagen jetzt neuen Alarm: Bisher seltene synthetische „Horror"-Drogen mit zerstörerischer Wirkung halten in Deutschland und Nachbarländern langsam aber sicher Einzug.

Das zumeist weiße Pulver wirkt harmlos, es trägt coole Namen wie „Ice", „Speed" oder „Tina". Doch das synthetisch hergestellte Crystal Meth ist für den Körper so zerstörerisch wie kaum eine andere Droge. In den USA wird das Aufputschmittel nach amtlichen Schätzungen von mehreren Millionen Menschen konsumiert, auch in Asien. Musikidole der Jugend wie Fergie und Pink räumten ein, mit Crystal schlimmste Erfahrungen gemacht zu haben. Nun hält das Methamphetamin langsam aber sicher auch in Deutschland und den europäischen Nachbarländern Einzug. Die Experten schlagen Alarm.

Die steigende Verfügbarkeit von Crystal, das geschnieft, geraucht oder gespritzt wird, sei besorgniserregend, heißt es im am Donnerstag veröffentlichten Jahresbericht der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD). Die Globalisierung und das Internet als Informationslieferant und auch als von überall her zugänglicher „Marktplatz" seien zum großen Teil für diese Entwicklung verantwortlich. Das sagt EBDD-Direktor Wolfgang Götz am Sitz der Organisation in Lissabon im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

„Es gibt auch viel mehr Reisen, die ganze Welt ist irgendwo in Bewegung. Und wir sehen, dass die Methamphetamine, die früher in Europa fast nur in Tschechien und der Slowakei zu finden waren, nun auch in Griechenland, in Ungarn und eben auch in Deutschland, in Bayern zum Beispiel, in größeren Mengen auftauchen", erklärt Götz.

In München etwa wird Crystal laut Beobachter in der Schickimicki-Szene immer mehr konsumiert. Der EBDD-Bericht warnt, dass vor allem das Rauchen von Methamphetamin, bis vor kurzem in Europa noch extrem selten, nun auf dem Vormasch und besonders gefährlich sei.

Die EBDD stellte fest, dass die Verfügbarkeit von Methamphetamin in den letzten Jahren vor allem im Norden Europas, etwa in Lettland, Schweden, Norwegen und Finnland, besonders rapide zugenommen und Amphetamin dort bereits „als Stimulans der Wahl bereits teilweise verdrängt" habe. Aber auch unter anderem in Deutschland, Zypern oder der Türkei würden Anzeichen für einen "problematischen Konsum" gemeldet, unter anderem wegen der seit 2010 in Zahl und in der Menge zunehmenden Sicherstellungen - wenn auch noch auf niedrigem Niveau.

In Deutschland gebe es in den Grenzgebieten zu Tschechien eine deutliche Zunahme der Crystal-Problematik, sagte am Donnerstag in Berlin die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (FDP). „Die Daten zeigen, dass es einen erhöhten Konsum in Sachsen und Bayern gibt", und es sei nicht auszuschließen, dass sich das Mittel - das im Mai in Miami im US-Staat Florida mit einer Kannibalismusattacke in Zusammenhang gebracht und auch „Zombie"-Droge genannt wurde - auch in andere Regionen Deutschlands ausbreite.

Die neue Modedroge schimmert wie Eiskristall -daher der Name- und ist deutlich günstiger als das „alte" Schickeria-Rauschgift Kokain - und auch deshalb besonders gefährlich. Sie reduziert die Angst, enthemmt, steigert Konzentration und Leistungsfähigkeit. Deshalb bekamen im 2. Weltkrieg schon japanische Kamikaze-Flieger und Hitler-Soldaten das Mittel verabreicht. Die Droge erhöht aber auch den Blutdruck, verursacht Schlaflosigkeit, Halluzinationen, Psychosen und faulende Zähne, führt zu einem schleichenden körperlichen Verfall. Abhängig kann außerdem schon die erste Einnahme machen.

Aber Crystal ist nicht der einzige Stoff, der den europäischen Experten angesichts der Rekordüberschwemmmung des Kontinents mit immer neuen synthetischen Drogen zunehmend Sorgen bereitet. "Das Gefährlichste ist meines Erachtens die Zunahme von Fentanyl", sagt Götz. Das synthetische Opioid wird als Schmerzmittel benutzt, findet sich häufiger auf Schmerzpflastern. Laut Götz gibt es Konsumenten, "die sogar in den Krankenhausmüll steigen und dort zum Teil gebrauchte Pflaster sammeln, um dann das Fentanyl rauszukochen."

dpa

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