Schweres Grubenunglück

Hunderte Tote in türkischem Bergwerk

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Foto: Zum Zeitpunkt des Unglücks waren nach bisherigen Angaben 787 Arbeiter in der Zeche.

Istanbul - Die Türkei trauert um die Opfer des verheerenden Bergbauunglücks: Die Flaggen im Land werden auf halbmast gesetzt, während die Zahl der Opfer immer weiter steigt. Auch der Brand in der Zeche ist immer noch nicht unter Kontrolle.

Beim schwersten Grubenunglück in der Türkei seit über 20 Jahren sind mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen. Energieminister Taner Yildiz sprach am Mittwoch am Kohlebergwerk Soma in der Provinz Manisa von mindestens 205 Todesopfern. Er befürchte aber einen weiteren Anstieg der Opferzahl, da die Hoffnung abnehme, noch Überlebende zu retten. In dem Bergwerk war nach einer Explosion ein Feuer ausgebrochen."Es ist schlimmer, als zunächst erwartet", sagte der Minister. Möglicherweise werde die Zahl der Opfer die des bislang schwersten Grubenunglücks in der Türkei im Jahr 1992 übersteigen. Damals waren 263 Menschen ums Leben gekommen.

Yildiz machte am Mittwochvormittag auf Nachfrage von Reportern keine Angaben zu der genauen Zahl der Kumpel, die noch unter Tage eingeschlossen sind. Er hatte zuvor gesagt, insgesamt seien zum Zeitpunkt des Unglücks am Dienstagnachmittag 787 Arbeiter in der Zeche gewesen. Der Verbleib von 363 Arbeitern sei geklärt. Darunter seien auch die Toten sowie 80 Verletzte. Die meisten Opfer seien an Kohlenmonoxidvergiftungen gestorben.

Am Vormittag war der Brand in der Zeche laut Yildiz immer noch nicht unter Kontrolle. Medienberichten zufolge hatte ein Defekt in der Elektrik zunächst die Explosion und dann den Brand verursacht, der nach Angaben von Yildiz in 150 Metern Tiefe ausbrach. Wegen des Unglücks rief die Regierung eine dreitägige Staatstrauer aus. Im ganzen Land und an den Vertretungen im Ausland würden die Flaggen auf halbmast gesetzt, teilte das Büro von Premierminister Recep Tayyip Erdogan mit.

Der Bergmann Sami Kilic, der neun Jahre in der Zeche arbeitete und bei den Rettungsarbeiten hilft, sagte dem Sender CNN-Türk, bei einer Explosion unter Tage funktioniere die Stromversorgung nicht mehr. Ventilatoren könnten nicht mehr arbeiten, der Luftstrom werde unterbrochen. "Auch wenn die Männer Masken haben sollten, wird eine Rettung schwierig. Die Masken, die wir erhalten haben, reichten für 45 Minuten Frischluft. Aber innerhalb von 45 Minuten kann man nicht die eineinhalb Kilometer nach oben kommen." Er rechne mit bis zu 400 Toten.

Ministerpräsident Erdogan und Staatspräsident Abdullah Gül sagten wegen des Unglücks Auslandsreisen ab. Erdogan wollte den Unglücksort am Mittwoch besuchen. Türkische Medien berichteten, die Regierungspartei AKP habe im vergangenen Monat Forderungen der Opposition im Parlament in Ankara zurückgewiesen, die Sicherheitsvorkehrungen an der Zeche Soma zu überprüfen. Die Bergwerksgesellschaft teilte mit, die letzten Sicherheitsüberprüfungen habe es vor zwei Monaten gegeben. Der Vorsitzende der linken Gewerkschaft DISK, Kani Beko, kritisierte, in der Zeche seien zahlreiche Arbeiter von Subunternehmern gewesen. Beko sprach von einem "Massenmord" in dem Bergwerk. Die Bergbaugewerkschaft IG BCE kritisierte nach dem Grubenunglück in der Türkei Sicherheitsmängel im Bergbau des Landes. "Die Katastrophe in Soma ist das jüngste Glied in einer langen Kette schrecklicher Grubenunglücke in der Türkei", sagte der Gewerkschafts-Vorsitzende Michael Vassiliadis nach einer Mitteilung. Dabei habe es immer wieder Verstöße gegen Sicherheitsbestimmungen gegeben. Mindestvorschriften im Arbeits- und Gesundheitsschutz würden nicht eingehalten.

Verzweifelte Angehörige der Opfer warteten am Mittwoch vor einem Krankenhaus auf Informationen. "Warum sagt uns keiner, was genau passiert ist?", sagte eine Frau vor dem Krankenhaus CNN-Türk. In der Türkei kommt es immer wieder zu tödlichen Grubenunfällen. Mehrfach gab es in den vergangenen Jahren Verstöße gegen Sicherheitsbestimmungen oder es wurden veraltete Arbeitsgeräte eingesetzt. Das folgenschwerste Unglück der vergangenen Jahrzehnte ereignete sich 1992 in einem Bergwerk in der Provinz Zonguldak. Dort starben bei einer Gasexplosion 263 Menschen.

Reaktionen zum Unglück

JOACHIMGAUCK: Der Bundespräsident sprach dem türkischen Staatschef Abdullah Gül seine Anteilnahme aus. „Meine Gedanken sind bei den Hinterbliebenen und den Angehörigen der noch vermissten Bergleute“, schrieb Gauck, der erst vor kurzem die Türkei besucht hatte.

ANGELAMERKEL:Die Kanzlerin schrieb an den türkischen Regierungschef Recep Tayyip Erdogan: „Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer. Den Verletzten wünschen wir eine rasche und vollständige Genesung.“ Deutschland stehe in diesen schweren Stunden eng an der Seite der Türkei.

FRANK-WALTERSTEINMEIER: Der Außenminister betonte: „Ich bin erschüttert über das furchtbare Unglück in dem türkischen Kohlebergwerk, das so viele Opfer gefordert hat.“ Deutschland stehe bereit zu helfen, wenn die Türkei das wünsche.

PAPSTFRANZISKUS: Das Oberhaupt der katholischen Kirche rief zum Gebet für die Opfer auf. „Ich lade euch dazu ein, für die Bergleute zu beten, die gestern in der Mine in der Türkei ums Leben gekommen sind und für diejenigen, die noch immer in den Stollen gefangen sind“, sagte der Argentinier bei seiner wöchentlichen Generalaudienz vor Hunderten Pilgern auf dem Petersplatz. Franziskus bat zudem um Trost für die Hinterbliebenen der Opfer.

TÜRKISCHERFUSSBALLVERBAND: Der Verband (TFF) sagte für den Mittwoch und Donnerstag alle Spiele ab. Die Begegnungen würden auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, teilte der TFF mit. Bei den Partien, die zwischen Freitag und Sonntag stattfinden, werde keine Musik gespielt. Die Spieler würden schwarze Armbinden tragen. Zudem solle vor den jeweiligen Begegnungen mit einer Schweigeminute der mehr als 200 Toten der Katastrophe vom Dienstag gedacht werden.

DEUTSCHEGEWERKSCHAFT: Die Bergbaugewerkschaft IG BCE sicherte den Bergleuten Unterstützung zu. IG BCE-Chef Michael Vassiliadis sagte auf dem DGB-Bundeskongress in Berlin: „Wir trauern mit unseren Kollegen in der Türkei.“ Zugleich forderte er, dass die Bergwerke weltweit endlich sicherer werden müssten. Die rund 400 Delegierten des Gewerkschaftskongresses gedachten der Opfer des Grubenunglücks mit einer Schweigeminute.

dpa

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