Gefeierter Investor

„Ich bin doch kein Rassist“

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Görlitz - Winfried Stöcker ist ein Unternehmer aus dem Westen, welcher im sächsischen Görlitz als Investor gefeiert wird. In der übrigen Bundesrepublik stoßen seine Ansichten gegenüber Ausländern und Asylbewerbern jedoch negativ auf.

Winfried Stöcker galt in Görlitz als Retter, als Held. Der 67-jährige Medizintechnik-Unternehmer und Multi­millionär aus Lübeck tauchte eines Tages in der 54 000-Einwohner-Stadt am Ostrand Sachsens auf und versprach, gute Dinge zu tun: Er werde das seit fünf Jahren leer stehende Jugendstilkaufhaus der Stadt wieder zum Leben erwecken. 2016 solle es neu eröffnet werden: als KaDeO, das Kaufhaus der Oberlausitz. Stöcker ist ein Selfmademan mit Hang zu Alleingängen. Manche sagen: ein Egomane. Inzwischen diskutieren Menschen in ganz Deutschland über einen weiteren Aspekt seiner Persönlichkeit: Ist er auch ein Rassist? Vergangene Woche wollten Görlitzer Bürger ein Benefizkonzert für Flüchtlinge in Stöckers neuem Kaufhaus veranstalten. Er sagte ab, die Lokalredaktion der „Sächsischen Zeitung“ hakte per Mail nach. ­Stöcker antwortete. „Ich habe die Veranstaltung in meinem Kaufhaus untersagt, weil ich den ­Missbrauch unseres Asylrechtes nicht unterstützen will“, beginnt er und mailt sich dann in Rage: Die „reise­freudigen Afrikaner“ würde er sofort wieder nach Hause schicken, „dann lassen die nächsten solche gefährlichen Bootstouren bleiben und keiner ertrinkt mehr“.

Auch Kriegsflüchtlinge hätten keinen Platz in Deutschland: „Jeder wehrtaugliche Mann in Syrien muss seine Familie schützen“, fordert er. „Vor zwanzig Jahren haben sich in Ruanda die Neger millionenfach abgeschlachtet. Hätten wir die alle bei uns aufnehmen sollen?“

1500 Mitarbeitern aus 50 Ländern

Stöcker ist Gründer und Chef der Firma Euroimmun mit 1500 Mitarbeitern aus 50 Ländern. Seine türkischstämmigen Mitarbeiter würde er allerdings am liebsten in die Türkei schicken. „Sie haben nach meiner Auffassung kein Recht, sich in Deutschland festzusetzen und darauf hinzuarbeiten, uns zu verdrängen, darauf läuft es hinaus, wenn nicht gegengesteuert wird!“, erregt er sich. Er wolle nicht, dass in 50 Jahren auf dem Kölner Dom oder der Görlitzer Frauenkirche ein Halbmond prangt.

Viele Görlitzer reagierten am Wochenende fassungslos. Nicht nur der Pastor der evangelischen Kirche ging in seiner Predigt auf Distanz zu dem Unternehmer. Auch Politiker und Privatleute machten mobil: So hatten sie sich ihren wichtigen Investor aus dem Westen nicht vorgestellt.

Stöcker teilte in der Tat kräftig aus – und traf nicht nur Ausländer, sondern auch die christlichen Kirchen. Auf die Frage, ob man ­einander im 21. Jahrhundert auch über die Grenzen des eigenen Dorfes hinaus helfen sollte, antwortete Stöcker: „Stellen Sie sich vor, Sie sitzen am Abendbrottisch, und dann kommen drei solche Kerle und sagen, sie wollen mitessen. Das wollen Sie doch auch nicht!“

„Ach, Weihnachten! Hören Sie auf mit dem Firlefanz!"

Auch zur Weihnachtsbotschaft und zum Thema Nächstenliebe fällt Stöcker nichts Freundliches ein: „Ach, Weihnachten! Hören Sie auf mit dem Firlefanz! Das mit der Krippe ist doch nur ein Märchen ohne jeden historischen Hintergrund.“Der evangelische Bischof Wolfgang Ipolt schrieb einen offenen Brief an den Unternehmer: „Ich halte es für einen Mangel an Respekt, wenn Sie einerseits Menschen aus anderen Ländern als Arbeitskräfte haben, andererseits aber unbedingt verhindern wollen, dass diese sich in Deutschland ,festsetzen‘“. Auch wende er sich dagegen, die Weihnachtsbotschaft als „Firlefanz“ abzutun. „Als Bischof widerspreche ich Ihrer ­Äußerung zum Weihnachtsfest entschieden“, schrieb Ipolt.

Die rechtsextremistische NPD hingegen gratulierte Stöcker inzwischen zu seinen „klaren Worten“. Fernsehsender schickten Teams zu seinem privaten Wohnsitz in Schleswig-Holstein. Stöcker selbst ging in Deckung und vermied weitere Interviews. „Ich bin doch kein Rassist“, ließ der Unternehmer wissen.

Zumindest ist Stöcker kein dumpfer Hinterwäldler. Zu seinen Bekannten und Freunden rechnet er auch Menschen aus Afrika. Und seine junge, hübsche Lebensgefährtin Qianqian Chen, die bei der Vorstellung der KaDeO-Pläne in Görlitz lächelnd neben ihm stand, stammt aus China.

Zufall?

Was also treibt ihn? Ist es Zufall, dass ein bislang weithin respektierter Unternehmer gerade jetzt mit einem solchen Interview an die Öffentlichkeit tritt, wo jeden Montag in Dresden 10.000 Menschen und mehr an den Pegida-Demonstrationen teilnehmen? Glauben tiefbürgerliche Menschen, Honoratioren wie Stöcker, dass im sarrazinschen Sinne „mal etwas gesagt werden muss“? Will Stöcker vielleicht einmal mehr als Retter und als Held gefeiert werden?Im Netzwerk Facebook gründeten Unterstützer am Wochenende eine eigene Seite mit dem Titel „Solidarität mit Winfried Stöcker“. Im Minutentakt treffen dort jetzt immer neue Nachrichten ein: erst über Menschen, die sich über Stöcker empören – dann über Menschen, die sich über jene empören, die sich über Stöcker empören. Die Spirale rotiert mittlerweile mit großem Schwung.

So schlugen führende Sozialdemokraten in Stöckers Heimatstadt Lübeck vor, die regionale Industrie- und Handelskammer solle zu dem Unternehmer auf Distanz gehen. Linke und grüne Hochschulgruppen problematisieren Stöckers Professorenstelle an der medizinischen Fakultät der Universität. „Das ist keine Meinungsfreiheit, das ist keine Demokratie, das ist ekelhaft“, erregte sich einer der Stöcker-Unterstützer am späten Nachmittag des Adventssonntags. „Dieser Mann ist einer der sozialsten Menschen in unserer Region, da könnten sich ’ne Menge Unternehmer ’ne Scheibe von abschneiden“, schreibt eine ostdeutsche Sympathisantin. „Macht ihn nicht kaputt, solche Menschen brauchen wir!!!!!“

Nicht alle in Görlitz denken so. Hunderte versammelten sich am Sonnabend zu einer Benefizveranstaltung für Ausländer. Manche verglichen Stöcker mit dem ­verstockten Geizkragen Ebenezer Scrooge aus der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens. Doch anders als bei Dickens sieht es in diesem Fall nicht so aus, als würde der hartherzige Mann seine Haltung bald aufgeben.

Auch in Lübeck weht dem Unternehmer der Wind ins Gesicht. „Seine Äußerungen sind menschenverachtend und beschämend“, sagt Sozialsenator Sven Schindler (SPD), „sie passen in keinster Weise zur offenen Flüchtlingspolitik und zur positiven Willkommenskultur der Hansestadt Lübeck.“ Schindler: „Auch wenn der Professor wieder zur Besinnung kommen sollte, kann er den angerichteten Schaden mit seinen Millionen nicht wieder gutmachen.“ Stöcker indes ist es gewohnt, seinen eigenen Weg zu gehen. Seine Familie stammt aus der Oberlausitz. Die DDR-Machthaber enteigneten die Wollspinnerei der Eltern. 1960, ein Jahr vor dem Mauerbau, gingen die Stöckers in den Westen. Heute betreibt der Unternehmer in der inzwischen in den Familienbesitz zurückgeholten Fabrik in Rennersdorf eine Zweigstelle seiner Lübecker Medizintechnik-Firma Euro­immun. Niemand soll sagen, Stöcker sei ein Mann ohne Gefühle. Doch seine Emotionalität dreht sich in erster Linie um sich selbst.

Im Nachbarort Bernstadt hat Stöcker ein zweites Werk – und lässt jetzt den leer stehenden Gasthof „Brauner Hirsch“ sanieren. Warum um alles in der Welt muss ein Chef eines rapide wachsenden Medizintechnik-Unternehmens auch noch eine Kneipe betreiben? Zur Erklärung zeigt Stöcker ein schwarz-weißes Hochzeitsfoto, aufgenommen vor dem Gasthaus: „Der kleine Junge, der da Blumen streut, bin ich.“

Von Jan Sternberg und Kai Dordowsky

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