Pferd als Dirigent

„Ich gebe den Ton an!“

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Foto: Die Musiker, Stephanie Schmidt (l), Lehrgangsleiterin Gwendolyn Schubert (2vl), Kristin Mielke (4vl), Kim Dinter und Udo Schneider, ziehen zusammen mit der Reiterin Dagmar Fuchs und ihrer Stute "Jemala", musizierend über eine Landstraße bei Martfeld.

Martfeld - Das Pferd gibt den Takt an: In den Seminaren der Flötistin Gwendolyn Schubert lernen Laienmusiker, mit ihren Instrumenten den Gangarten eines Pferdes zu folgen. Dadurch sollen die Musiker ein besseres Rhythmusgefühl bekommen.

Es ist ein ungewöhnliches Bild: Fünf Musiker stehen mit ihren Instrumenten - Gitarre, Querflöte, Blockflöte, Trompete und Klarinette - in einem großen Kreis auf einem Reitplatz in Martfeld im Landkreis Diepholz. Reitlehrerin Dagmar Fuchs führt ihre Araber-Berberstute Jemala im Schritt auf die Trompete-Spielerin Kim Dinter zu. Die wiederum nimmt den Rhythmus der Hufe auf und spielt einen Ton im selben Takt. Als Jemala abrupt in den Trab wechselt, muss Dinter darauf reagieren. Nicht ganz einfach, wie die Musikerin schnell merkt. Jemala trabt weiter zu Stephanie Schmidt, die nun mit ihrer Klarinette das Tempo aufgreift: Das Pferd hat also die Rolle eines Dirigenten. Im Seminar "Takt-Weise" will die Querflötistin und studierte Konzertpädagogin Gwendolyn Schubert das Rhythmusgefühl von Laienmusikern verbessern - mithilfe von Pferden. "Viele Musiker haben Probleme damit, im Zusammenspiel im Orchester den Takt zu halten", sagt Schubert, die selbst Orchestererfahrung hat. "Oft schwankt das Tempo."

Mit dem Taktgeber-Gerät Metronom zu üben, sei für viele oft frustrierend, weil dieser starr sei. Musik sei schließlich lebendig. Beim Proben stets konzentriert auf den Dirigenten zu achten, sei ebenfalls nicht leicht. Als die 39-Jährige aus Stuhr bei Bremen sich vor zweieinhalb Jahren ein eigenes Pferd kaufte, wurde ihr bald bewusst, wie gut die Gangarten des Tieres auf das Musizieren übertragbar sind. Denn Pferde könnten ihre Schritte in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Übergängen variieren. "Auf Pferde zu achten, schult das Hören", sagt Schubert. "Das hilft wiederum beim gemeinschaftlichen Musizieren." So kam sie auf die ungewöhnliche Idee, ihre beiden Leidenschaften zusammenzubringen, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben. "Das Pferd gibt einen neuen Zugang zum sonst sehr theoretischen Probenalltag", sagt die 25-jährige Studentin Schmidt, die in einem Laienorchester spielt und am ersten Kammermusik-Workshop teilnimmt. Im Freien zu spielen, öffne die Sinne. "Im Konzert darf man auch nicht nur bis zum Notenständer spielen, sondern muss den ganzen Raum ausfüllen", betont auch Seminarleiterin Schubert.

Für Kerstin Unseld, Leiterin des Instituts für Musikvermittlung an der Hochschule für Musik in Detmold, ist die Idee, ein Pferd als Taktgeber zu wählen, etwas ganz Neues. Sie sieht darin aber viele Vorteile: Mit seinem natürlichen Bewegungs- und Rhythmusgefühl werde das Tier für den Spieler nicht nur zum Dirigenten, sondern auch zum Vorbild für einen lebendigen, musikalischen Pulsschlag. "Das Projekt führt die innere Verbundenheit von Musik und Leben, von Takt und Puls, von Rhythmus und Schrittgeschwindigkeit vor Augen", sagt die Professorin. Inzwischen hat sich die kleine Gruppe dicht um Jemala versammelt. Reitlehrerin Fuchs führt die Stute im Schritt auf einer Asphaltstraße, damit die Hufe besser zu hören sind. Die Musiker gehen nebenher und spielen nach dem von Jemala vorgegebenen Takt das Lied "Bruder Jakob". "Es hat funktioniert", freut sich Trompete-Spielerin Dinter hinterher. "Aber es ist eine enorme Konzentrationsleistung, sich auf das Pferd zu fokussieren und trotzdem noch alles andere wahrzunehmen."

dpa

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