Grundschulen

Inklusion verunsichert Eltern und Lehrer

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Foto: Gemeinsam lernen: Ab Sommer 2013 sollen in niedersächsischen Schulen Kinder mit und ohne Handicaps zusammen unterrichtet werden.

Hannover - Offizieller Starttermin ist August 2013. Aber 27 Grundschulen starten schon im nächsten Schuljahr mit dem gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Handicaps. Aber viele Eltern und Lehrer sind verunsichert.

Schon nach den Sommerferien beginnen 27 niedersächsische Grundschulen mit dem gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Handicap. Der eigentliche Starttermin zunächst für die ersten und fünften Klassen ist aber erst ein Jahr später. „Viel zu spät“, sagen Oppositionspolitiker, die schon seit Jahren auf die Einhaltung der UN-Behindertenrechtskonvention pochen. Mit der Inklusion soll Menschen mit Beeinträchtigungen eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben garantiert werden. Sie komme „viel zu spät“, sagen Eltern, die lange darum gekämpft haben, dass ihre behinderten Kinder auf die Schule gehen können, die sie bevorzugen. „Viel zu früh“, sagen hingegen viele Lehrer an den Regelschulen, die sich auf die neuen Aufgaben nicht ausreichend vorbereitet fühlen. „Viel zu früh“, sagen Eltern, die Angst haben, dass ihre Kinder nicht mehr genug lernen, wenn in der Klasse auch lernschwache oder verhaltensauffällige Schüler unterrichtet werden.

Von den 35.000 Schülern mit Förderbedarf landesweit haben rund 18.000 Lernschwierigkeiten, 6000 bis 7000 Kinder gelten als sprachbehindert, ebenso viele als verhaltensauffällig. Die Zahl der Schüler im Rollstuhl wird auf rund 200 geschätzt.

Bis 2018 werde das Land insgesamt fast 45 Millionen Euro in den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern investieren, sagt Kultusminister Bernd Althusmann (CDU). Bis dahin soll geprüft werden, welche Kosten auf die Kommunen zukommen, etwa für den Umbau von Schulen oder die Beschäftigung von Integrationshelfern, die schwerbehinderte Kinder im Unterricht unterstützen. Geprüft werden soll bis 2018 auch, ob das Land einen Teil der Kosten übernimmt.

Althusmann beansprucht stolz für sich, dass Niedersachsen als erstes Bundesland überhaupt dieses Konnexitätsprinzip, also die Übernahme von Kosten für Aufgaben, die das Land an die Kommunen gibt, ins Inklusionsgesetz aufgenommen hat. Den Kommunalverbänden ist dies viel zu vage.

Die Regierung lässt beide Systeme - Förder- und Regelschulen - nebeneinander bestehen und begründet dies damit, dass Eltern wirklich die Wahl haben sollen. Kritiker wie die schulpolitische Sprecherin der Grünen, Ina Korter, hält dem entgegen, dass echte Wahlfreiheit nicht bestehe, wenn die Förderschulen personell besser ausgestattet würden. Die Ausstattung der Regelschulen ist überhaupt ein Streitpunkt. „Die Frage der Ressourcen ist noch sehr unübersichtlich“, kritisiert Frauke Heiligenstadt (SPD). Jede Klasse, in der Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen gemeinsam unterrichtet werden, erhält dafür nach jetzigem Stand zwei Stunden in der Woche Unterstützung von einem Förderschullehrer. „Den Rest der Zeit müssen die Kollegen aber allein zurecht kommen“, sagt Christiane Töller-Weingart vom Grundschulverband. „Wie soll das gehen?“

Zumindest für verhaltensauffällige Kinder sollten drei Stunden Unterstützung von einem Förderlehrer Standard sein, fordert der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Eberhard Brandt. Noch besser sei einer dauernde Doppelbesetzung von Regel- und Förderlehrern. Zudem müssten die Klassen verkleinert und die Förderschullehrer den Regelschulen fest zugeordnet werden. „Ein Förderschullehrer sollte nicht mehr als zwei Schulen betreuen müssen. Sonst ist er kein wirklicher Bestandteil des Kollegiums.“

Opposition und Bildungsverbände kritisieren, dass die Lehrer mit der „Riesenaufgabe Inklusion“ alleingelassen werden. „Wenn VW ein neues Modell einführt, dann werden die Arbeiter und Verkäufer doch auch entsprechend vorbereitet“, sagt Frank Post, Leiter einer Grundschule in Hannover. Pädagogen berichteten landauf, landab, dass die Qualität der Schulungen zum gemeinsamen Unterricht sehr unterschiedlich gewesen sei. Eine Lehrerin drückt es so aus: „Da tragen Leute, die ein bisschen Ahnung haben, Leuten, die kaum Ahnung haben, etwas vor, aber wirklich schlauer ist hinterher niemand.“

Björn Försterling (FDP) warnt vor zuviel Nörgelei: „Damit macht man den gemeinsamen Unterricht kaputt, bevor er überhaupt richtig angefangen hat.“

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