Mode für Menschen mit Handicaps

Die Inklusionsdesignerin

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Foto: Design mit Nutzen: Angela Tönnies' Mode hilft Menschen mit Behinderungen.

Hannover - Modemacher widmen sich höchst selten Menschen mit Handicaps. Angela Tönnies, Modedesignerin aus Niedersachsen, geht da einen anderen Weg. Sie will Mode für alle schaffen.

Was vermögen Schulen und Bushaltestellen, was Kleidern fehlt? Sie sind „inklusiv“ - oder sollen es zumindest werden. Ohne Unterschied für behinderte und nicht-behinderte Menschen gleichermaßen nutzbar. Doch während spezielle Mode für Kleine, Große, Dicke und Dünne und sogar für Schwangere neben Standardgrößen in den Geschäften hängt, suchen Menschen mit Handicap meist vergebens. Das müsse sich ändern, sagt Angela Tönnies. Die Modedesignerin aus Aerzen-Groß Berkel (Kreis Hameln-Pyrmont) entwirft Kleider für Behinderte und Nicht-Behinderte - „Inklusionsmode“.

„Das ist für mein Herz.“ Die 50-Jährige strahlt, wenn sie von ihrer Leidenschaft berichtet. Es sprudelt förmlich aus ihr heraus: Was sie antreibt und wie sie sein soll, ihre Mode. Kreativ, aber nützlich; modisch, aber funktional. Zum Beispiel mit jeder Menge Reißverschlüsse. Zwei lange führen jeweils an den Ärmeln von der Schulter bis zum Handgelenk. Von Weitem fallen sie an dem kurzen Herrenmantel nicht auf. „Bei einer Amputation praktisch zum Anziehen“, sagt die Designerin. Auch die dunkle Cordhose ist rechts und links an jedem Bein mit gleichfarbigen Reißverschlüssen versehen, die von oben und unten geöffnet werden können. Zipp: zwei Hosenteile. „So ist es bei Lähmungen im Körper leichter, sich im Liegen anzuziehen.“

Ein Shirt, das extra breit in den Schultern ist, mit weitem Armausschnitt: „Rollifahrer haben oft ein breites Kreuz und muskulöse Arme durch das Anschieben; sie brauchen Bewegungsfreiheit“, erklärt Tönnies. Ein schmales braunes Stück aus flauschigem Fellimitat ziert ein Shirt in Brusthöhe, um von fehlenden Brüsten abzulenken, Nähte auf der Außenseite sollen bei Narben und Verletzungen zusätzliche Druckstellen verhindern: Für jedes körperliche Handicap hat sie eine Idee, wie man die Kleidung passend und bequem machen könne.

Sie selbst hat keine Behinderung. Die Diplom-Modedesignerin stammt aus Sibirien, arbeitete nach dem Studium in einem Modeatelier in Russland. 1993 kam sie mit ihrem damaligen Mann, einem Russlanddeutschen, nach Deutschland und arbeitete acht Jahre als Absteckerin in einem Modehaus in Mannheim. Es folgten die Scheidung, ein neuer Mann, ein neuer Wohnort bei Hameln, ein neuer Job als Verkäuferin in einem Modehaus. Abwechslung ja, Erfüllung nein. „Das hat mir nicht gereicht“, sagt sie. Durch den jahrelangen Kontakt, denn sie auch mit Kunden mit Behinderung hatte, sei ihr aufgefallen, dass deren Kleider oft nicht richtig sitzen würden. Dabei sei es gerade für diese Kunden wichtig, gut auszusehen und nicht durch schlechte Kleidung noch mehr aufzufallen. Sie eröffnete ein eigenes Nähstudio, „Schick und In“, in Groß Berkel und fing an, Mode für ganz spezielle Körpermaße und Anforderungen zu entwerfen.

Auf dem internationalen Modewettbewerb „Bezgraniz Couture“ in Moskau zeigte sie ihre Kollektion, und im vergangenen Oktober präsentierten bei einer großen Modenschau in Aerzen Laien-Models mit und ohne Behinderung ihre modischen Kleidungsstücke. Jetzt sucht sie nach finanzieller Unterstützung, um ihre Idee mit einer kleinen Kollektion umzusetzen. Verkauft werden soll sie nicht in separaten Shops, sondern in gewöhnlichen Bekleidungsgeschäften. Vielleicht mit einem Hinweisschild „Gehandicapt“ neben „Schwangere“ und „Kleine Größen“.

Catherine Holdefehr

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