Fiktive Onlineshops

Internetbetrug im großen Stil vor Gericht

Göttingen - Seit Montag muss sich ein 33-jähriger Mann gemeinsam mit zwei Mitangeklagten wegen gewerbsmäßigen Betruges mit fiktiven Onlineshops vor dem Landgericht Göttingen verantworten. Das Trio soll knapp 370.000 Euro von arglosen Kunden kassiert haben.

Schon die Webadressen klangen nach einem Schnäppchenparadies: „kaufen-leichtgemacht.com“, „billig-shopping.de“ oder „electrohandel-discount.com“ – so hießen einige von insgesamt drei Dutzend Internetshops, die ein 33-jähriger Deutsch-Franzose ab Oktober 2011 aufgemacht hatte. Auch die Angebote waren verlockend: Mal gab es hochwertige Kaffeemaschinen zu „unschlagbar günstigen Preisen“, mal eine „Tiefpreisgarantie“ für Elektronikartikel. Mehr als 1600 Kunden kauften in den Onlineshops ein. Auf die bestellte Ware warteten sie allerdings vergeblich. Die Internetshops existierten gar nicht, sondern dienten nur dazu, Vorauszahlungen von Kaufinteressenten zu kassieren. Seit Montag muss sich der 33-jährige Betreiber gemeinsam mit zwei Mitangeklagten wegen gewerbsmäßigen Betruges vor dem Landgericht Göttingen verantworten.

Der Staatsanwalt brauchte fast eine Dreiviertelstunde, bis er alle Anklagevorwürfe verlesen hatte. Der Hauptangeklagte ist wegen 451 Straftaten angeklagt, die beiden mutmaßlichen Komplizen wegen 166 beziehungsweise 174 Taten. Insgesamt soll das Trio knapp 370.000 Euro von arglosen Kunden kassiert haben. Da nicht alle Taten angezeigt wurden, wird ihnen nur ein Schaden von rund 140.000 Euro zur Last gelegt.

Fast zwei Jahre lang hatte der 33-Jährige an seinem Wohnsitz im spanischen Alicante die fingierten Shops betrieben. Anfang Juli klickten dann bei ihm die Handschellen, ebenso bei zwei 55 und 35 Jahre alten Männern im Rheinland. Diese sollen ihn bei seinen Taten unterstützt haben, indem sie ihm für seine krummen Geschäfte Konten zur Verfügung stellten. Dafür erhielten sie jeweils 50 Prozent der von den Kunden überwiesenen Kaufsumme.

Der 55-Jährige war schon wegen Betrugsdelikten vorbestraft und hatte die Taten begangen, als er zum Ende seiner Haft im offenen Vollzug war. Der Angeklagte verfügt über eine bemerkenswerte berufliche Qualifikation: Er hat Doktorgrade der Medizin und der Zahnmedizin. Er soll über einen Mittelsmann eine Reihe von polnischen Staatsangehörigen dazu gebracht haben, gegen eine Entschädigung nach Deutschland zu kommen, ein Konto zu eröffnen und ihm die Dokumente und Bankdaten zu überlassen.

Ermittler kamen den Betrügern durch akribische Kleinarbeit auf die Spur. Anlass war eine Anzeige gegen einen Internethändler aus Northeim. Onlinekunden hatten diesen angezeigt, weil bei ihm bestellte Waren nicht geliefert worden war. Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass Hacker sich unbemerkt seines Onlineshops bemächtigt hatten und darüber hinaus diverse weitere betrügerische Shops betrieben.

Heidi Niemann

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