Spur führt in die Niederlande

Der irrwitzige Weg des Pferdefleisches in die Lasagne

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Der Pferdefleisch-Stand in der Markthalle.

Berlin - Als Rind getarntes Pferdefleisch im Hamburger, in der Lasagne oder in der Bolognese-Sauce: Ein neuer Lebensmittelskandal schreckt die Menschen in Europa auf. Wo aber sitzen eigentlich die Übeltäter, die die Verbraucher so skrupellos betrogen haben? Wer hat wann gepfuscht, und wer profitiert von dem großen Schwindel? Die Behörden tappen noch weitgehend im Dunkeln.

Das Pferdefleisch, das in die Fertiggerichte geschmuggelt worden ist, hat offenbar einen verwirrend langen Weg durch ganz Europa genommen – ein Weg, auf dem irgendwann aus Pferden Rinder wurden – zumindest auf dem Papier. Wer das aus Rumänien stammende Pferdefleisch so umetikettierte, dass es am Ende als Rindfleisch in den Supermarktregalen landete, ist noch unklar. Alle Beteiligten streiten eine Verwicklung in den Betrug ab – und weisen mit den Fingern auf die anderen. Behörden und Politik glauben hingegen an „kriminelle Machenschaften“, tappen bei der Suche nach den Betrügern aber noch im Dunkeln.

Zumindest so viel ist inzwischen klar: In Rumänien soll der Skandal seinen Anfang genommen haben. Dann ging es quer durch Europa. Weil sich mit Rind erheblich mehr Geld verdienen lässt – es kostet etwa fünfmal so viel wie Pferdefleisch – wurde unterwegs umdeklariert. Und unzählige Händler, Zulieferer, Zwischenhändler und Weiterverkäufer hofften offenbar mitzuverdienen. Auf dem rumänischen Schlachthof Doly-Com ist man sich keiner Schuld bewusst. Hier werden seit 1997 Rinder, Schweine und Pferde geschlachtet. Auf der Internetseite präsentiert sich Doly-Com als ein modernes Unternehmen, das die europäischen Standards und Richtlinien strikt einhält. Rumäniens Ministerpräsident Victor Ponta hob nach der Inspektion von zwei Schlachthöfen hervor, dass es keine Unregelmäßigkeiten in Rumänien gegeben habe. Das Pferdefleisch sei tatsächlich auch als solches verkauft worden.

Kriminelle Energie sollen vielmehr Holländer entwickelt haben. Zwei niederländische Fleischhändler gelten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als die Spinnen im Netz des Pferdefleischbetrugs. Es handelt sich um Jan F. (61) und Hans W. (55). Beide wurden im vorigen Jahr von einem niederländischen Gericht bereits verurteilt, weil sie Pferdefleisch als Rindfleisch deklariert und teuer verkauft hatten. Damals führten sie das Pferdefleisch aus Südamerika ein. Diesmal importierten sie es aus Rumänien. Damals wurde des Pferdefleisch in einem Kühlhaus im südniederländische Breda in Rindfleisch neu deklariert. Diesmal wahrscheinlich in Zypern. Damals bekam das Pferdefleisch, das sie in Rindfleisch verwandelten, auch noch das für Muslime wichtige Gütesiegel „halal geschlachtet“. Es wurde seinerzeit als angebliches Rindfleisch hauptsächlich nach Frankreich exportiert, wo es hauptsächlich von nichts ahnenden Muslimen verspeist wurde. Als der Fleischbetrug aufflog, wurde Jan F. zu einer einjährigen Haftstrafe und Hans W. zu einer dreimonatigen Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt. Die beiden Fleischbetrüger sollen mit dem Coup rund vier Millionen Euro verdient haben.

Diesmal haben die beiden holländischen Fleischhändler offenbar ähnlich gehandelt, ihre Tarnung aber verbessert. Denn in einem Kühlhaus im südniederländischen Breda, das beide Fleischhändler für die Zwischenlagerung ihres Fleisches nutzen, liegen noch immer rund 150 Tonnen des aus Rumänien importierten Pferdefleisches. Es wurde diesmal aber wohl nicht dort durch eine neue Verpackung und Etikettierung im Nu in Rindfleisch verwandelt, sondern das geschah diesmal in Zypern. Denn Jan F. hat eine Firma namens „Draap Trading“, die sowohl einen Sitz in den Niederlanden als auch eine Niederlassung auf Zypern hat. Der Firmennahme „Draap“ ist die Umkehrung von „Paard“, was auf holländisch „Pferd“ heißt. Über die „Draap Trading“ ist das aus Rumänien stammende Pferdefleisch wahrscheinlich über Zypern, wo es in Rindfleisch „umgewandelt“ wurde, dann als Rindfleisch in viele andere Länder der EU exportiert worden.

Dafür, dass die Spur von Zypern nach Holland geht, sprechen auch die Erkenntnisse der französischen Behörden. Diese berichten, dass das tiefgefrorene Pferdefleisch über einen zypriotischen Zwischenhändler nach Frankreich geliefert wurde. In Frankreich wurde das Fleisch dann von der Firma Spanghero zu Hack weiterverarbeitet. Auf der Unternehmens-Homepage weist Spanghero ausdrücklich darauf hin, dass man grundsätzlich kein Pferdefleisch verkaufe – zumindest nicht wissentlich. Man habe Rindfleisch gekauft, das aus EU-Ländern stamme. Die Schuld liege eindeutig bei den Lieferanten.

Aus Frankreich ging die Reise dann weiter nach Luxemburg, zu einer Tochter der französischen Firma Comigel. Dort landete das Pferdefleisch in der Lasagne. Comigel mit Sitz im französischen Metz ist Spezialist für Tiefkühlgerichte. Zu den Kunden zählen auch deutsche Supermarktketten wie beispielsweise Tengelmann, der die Comigel-Produkte unter der Eigenmarke A&P vertreibt. Auch bei Edeka und Rewe wurde mittlerweile Pferdefleisch gefunden.

Die verworrenen Handelswege, das zeigt der Fall, lassen Kriminellen viel Spielraum. „Wenn die Produktion so verzweigt ist“, sagt Jürgen Knirsch, Experte für nachhaltigen Konsum bei Greenpeace, „dann gibt es schnell ein Qualitätsproblem.“ Der Bezug zur Ware gehe leicht verloren. „Zwischenhändler zum Beispiel bekommen die Ware oft gar nicht in die Hand, sie kaufen und verkaufen per Telefon und Internet“, berichtet Knirsch.

Beim Pferdefleisch kommt hinzu, dass es kaum nachhaltige Kontrollen gibt. Der Markt in Europa ist viel zu unbedeutend. Dennoch haben auf dem Schwarzmarkt auch alte und mit Medikamenten behandelte Renn- und Reitpferde noch ihren Handelswert. Im von der Finanzkrise gebeutelten Irland sollen in den vergangenen zwei Jahren rund 70 000 Pferde von den Weiden verschwunden sein. Beweise gibt es dafür nicht, doch die Gewinne sind sehr lukrativ. Ein Abdecker zahlt zehn Euro für einen alten Gaul, die Schlachthöfe indes bis zu 500 Euro pro Pferd. Doch was passiert mit all den geschlachteten Pferden? Das Fleisch geht fast ausschließlich in den Export, etwa nach Frankreich oder Italien. Denn auf den pferdeverrückten britischen Inseln ist der Verzehr von Pferdefleisch ein Tabu.

Nora Lysk, Jan Sternbergund, Helmut Hetzel (mit dpa/afp)

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