Sorge in Rom

Islamisten planen Anschlag auf Vatikan

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„Eine Bedrohung, wie wir sie in unserer Geschichte noch nie erlebt haben“: Polizisten sichern den Vatikan.

Rom - Italiens Terrorfahnder sind in Sorge: Den weltweiten blutigen Attacken auf Kirchen durch islamistische Terroristen könnte bald ein Angriff auf den Vatikan folgen.

Seit sechs Wochen gibt es Ärger rund um den Vatikan. Polizisten halten Autos an, kontrollieren Passanten, Staus bilden sich, immer neue Straßensperren werden aufgebaut, Touristen schimpfen, viele verpassen ihre Besichtigungstouren im Allerheiligsten des Katholizismus. Über „irre Sicherheitsmaßnahmen“ klagen Hoteliers, Restaurantbesitzer fürchten um ihre Geschäfte und flehen die Behörden an, es wieder lockerer angehen zu lassen.Doch Roms Regierung bleibt ungewöhnlich angespannt. Sie sieht ein Risiko, das sie so gut es geht minimieren möchte: Der Papst mitsamt dem von ihm regierten 44 Hektar großen Kleinstaat ist ins Fadenkreuz des islamistischen Terrors geraten.

Schon seit Jahresbeginn häufen sich Hinweise, dass radikale Moslems nach blutigen Anschlägen auf christliche Kirchen – von Afrika über Asien bis ins indonesische Sulawesi – nun auch die Zentrale der katholischen Christenheit attackieren könnten.

„Dies ist eine Botschaft an die Nation des Kreuzes“, ruft in einem von Terroristen gedrehten Video ein Henker mit blutigem Messer in der Hand: „Früher habt ihr uns auf einem syrischen Hügel gesehen, jetzt stehen wir südlich von Rom. Und das werden wir nach Gottes Willen erobern.“ Dann schwenkt die Kamera auf das Blut von 21 soeben enthaupteten koptischen Christen, das in den Sand eines Strandes sickert. Die Radikalen haben Rom erschreckt, aber von einer Eroberung Roms sind sie noch weit entfernt. Im Gegenteil: Am Freitag lieferte die italienische Regierung den Terrornetzwerken in aller Welt einen neuen Beweis ihrer eigenen Macht. Im ganzen Land wurden insgesamt 18 Terrorverdächtige festgenommen, von Bergamo im Norden bis zur Kriminellenhochburg Sassari im Süden. Schon seit Monaten habe man ihre Telefone abgehört, sagte ein Polizeisprecher. Das sollte beruhigen: Rom hat alles unter Kontrolle, Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Doch dann wurden ein paar Details bekannt, die schaudern lassen:

  1.  In abgefangenen Telefongesprächen wurde als Ziel beschrieben, einen „großen Dschihad in Italien“ herbeizuführen, also einen Heiligen Krieg.
  2.   Nach Medienberichten tauchten Hinweise auf „Kamikaze“-Aktionen auf „eng besiedelten Plätzen“ auf. Dies deutet auf den klassischen Albtraum aller Sicherheitsbeauftragten in Rom: Anschlag auf den Vatikan, etwa bei einer der öffentlichen Audienzen des Papstes.
  3.   Zwei der jetzt in Italien Festgenommenen sollen einst zur persönlichen Leibgarde von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden gehört haben.
  4.  Mehrere Verhaftete sollen bereits 2009 an Anschlägen in Pakistan beteiligt ­gewesen sein, bei denen mehr als 100 Menschen starben.
  5.   Einen Anschlag auf den Vatikan soll die Gruppe erstmals im Jahr 2010 ins Auge gefasst haben.

Oberhaupt der jetzt ausgehobenen Gruppe war ein islamischer Geistlicher – den die italienischen Ermittler am Freitag vor laufenden Kameras abführten. Der Mann mit dem langen Bart, Zulkifal Hafit Mohammed aus Pakistan, lebt seit sieben Jahren in Italien. Der Imam wird beschuldigt, in der Lombardei Spenden für Al-Kaida gesammelt und in Bergamo eine Niederlassung des Netzwerks gegründet zu haben. Im islamischen Zentrum von Zingonia, einer Ortschaft mit hohem Zuwandereranteil vor allem aus Afghanistan und Pakistan, trat er als Prediger auf. Zeitweilig arbeitete er als Hilfsarbeiter, zuletzt war er arbeitslos. Trotzdem hat er, wie italienische Medien am Freitagabend berichteten, für sich, seine Frau und seine sechs Kinder ein Haus mit Garten kaufen können. Den Ermittlern zufolge steht Zulkifal Hafit an der Spitze der fundamentalistischen Bewegung Tabligh Eddawa (Gesellschaft zur Verbreitung des Glaubens). Tabligh Eddawa ist bereits in den Zwanzigerjahren in Indien gegründet worden und wird vor allem getragen von Predigern, die von Moschee zu Moschee ziehen um für die Rückkehr des „Wahren Islam“ zu werben. Vor allem in Frankreich und Marokko, offensichtlich auch in Italien.

Vom bloßen Werben für den Islam scheint Zulkifal Hafit irgendwann zum gewaltsamen Kampf gegen Nichtmuslime übergegangen zu sein. Im Haftbefehl des römischen Gerichts heißt es, seine grenzüberschreitenden kriminellen Aktivitäten seien „von Al-Kaida inspiriert“.

In Sicherheitskreisen wird unterdessen eingeräumt, dass Rom nicht allein Al-Kaida zu fürchten hat. Die vielleicht noch größere Gefahr drohe durch unerkannt nach Italien eingeschleuste Kämpfer des „Islamischen Staats“. Vor allem das Chaos in Libyen hat Italien zu einer Art Frontstaat werden lassen. Rom pflegte einst gute Beziehungen zu Machthaber Muammar Gaddafi – und ließ sich von ihm Öl liefern. Im Gegenzug gewährte der Diktator den Italienern Zugang zu den libyschen Märkten. Mit der Entmachtung Gaddafis entstand übers Mittelmeer hinweg eine gefährliche neue Feindschaft. Als jüngst Kämpfer des „Islamischen Staats“ in die libysche Hafenstadt Sirte eindrangen, sah Rom seine Interessen so sehr berührt, dass die Verteidigungsministerin Roberta Pinotti in Aussicht stellte, notfalls „5000 Mann zu entsenden“. Man könne nicht dulden, dass in der Nähe Italiens eine gefährliche neue Brutstätte des ­Terrorismus entstehe. Prompt erhoben Radikale vom „Islamischen Staat“ in ­ihren Einschüchterungsvideos schwingend das Schwert gegen die italienischen „Kreuzfahrer“.

Quer durch Europa sehen Sicherheitskreise inzwischen „eine Bedrohung, wie wir sie in unserer Geschichte noch nie erlebt haben“, wie es diese Woche in ­Paris Innenminister Bernard Cazeneuve ausdrückte. Italienische Politiker sagen in kleinem Kreis, dass man die Androhung einer Eroberung Roms leider ernst nehmen müsse: Terrorangriffe und ein massenhaftes Vordringen von Flüchtlingen könnten sich irgendwann zu einem unheilvollen Ganzen addieren – und am Ende die staatliche Ordnung in Italien in Frage stellen. „Nicht alle Migranten an Bord der Flüchtlingsboote sind unschuldige Familien“, orakelt Italiens soziademokratischer Premier Matteo Renzi. „Wir müssen mehr tun, um den Terrorismus in Nordafrika zu bekämpfen.“

Papst Franziskus bemüht sich unterdessen, wie immer Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen. Ihm sei klar, dass er dem Terror ein Ziel biete, sagt er. Das sei aber nicht seine Hauptsorge. „Das Problem sind die großen Massen unschuldiger Menschen, die oft zusammenkommen, wenn ich öffentlich auftrete.“

von Fabrizio Tedeschi

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