Niedersächsische Landesforsten

Jagen ab jetzt nur noch bleifrei

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Die Beute im Visier: Viele Jäger meinen, dass die weniger schlagkräftige bleifreie Munition Rehe, Hirsche und Wildschweine unnötig leiden lässt.

Hannover - In den niedersächsischen Landesforsten darf das Wild nur noch mit bleifreier Munition zur Strecke gebracht werden. Bei Jägern ist das noch immer umstritten.

Ein Jahr lang hatten die Jäger Zeit, sich auf das Bleiverbot einzustellen. Alte Munitionsbestände konnten aufgebraucht, Schießstände umgerüstet, Büchsen chemisch gereinigt und neu eingeschossen werden. Seit Anfang April gilt nun die von Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) verkündete Regelung: In den niedersächsischen Landesforsten darf das Wild nur noch mit bleifreier Munition zur Strecke gebracht werden. Auch wenn Privatwald bisher nicht betroffen ist, ist die Neuerung in der Jägerschaft weiter umstritten. Die leichteren und dadurch weniger schlagkräftigen bleifreien Geschosse, meinen viele, würden die Tiere unnötig quälen.

Gern erzählt wird die Geschichte vom Brunfthirsch, der wegen der „Bleifreipflicht“, die in Bundesforsten bereits seit einem Jahr gilt, schwer habe leiden müssen: Im September 2013 bekommt Werner Tünsmeyer, Leiter des Bundesforstamtes Lüneburger Heide, auf dem Truppenübungsplatz Munster den elfjährigen Hirsch vor die Büchse, den er seit Jahren beobachtet. Nun soll dessen letzte Stunde gekommen sein. Der erfahrene Förster schießt – doch das Tier rennt davon. Trotz stundenlanger Nachsuche mit drei Hunden wird es erst vier Monate später von einem Forstwirt gefunden: nur Gerippe und Geweih, den Rest haben Wildschweine und Wolf erledigt.

Bleifreie Munition, meinen Kritiker, verletze die Tiere häufig nur so, dass sie noch weit weglaufen und unnötig leiden. Auch sei das Abprallverhalten der neuen Patronen unkalkulierbar. Doch lag es bei dem Hirsch am bleifreien Geschoss? Der Schütze selbst will sich darauf nicht festlegen. „Es gibt die Gefahr, dass man es, wenn der Jäger nicht richtig getroffen hat, der bleifreien Munition in die Schuhe schiebt“, sagt der 64-Jährige. „Man findet immer schnell einen Schuldigen.“

Diskutiert wird über das Schwermetall in Schrot und Büchsenpatronen seit fast 20 Jahren. Zahlreiche Seeadler hatten sich an bleihaltigen Kadaverresten und angeschossenen Rehen, Hirschen und Wildschweinen tödlich vergiftet: Ihre besonders starke Magensäure lässt das Blei schnell ins Blut gelangen und schädigt die Nerven. Der Seeadler kann dann nicht mehr so gut jagen, kann erblinden und letztlich verhungern.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfahl zudem auch für den menschlichen Verzehr, die ohnehin große Bleibelastung der Nahrung nicht noch durch Blei im Wildbret zu erhöhen – obwohl die so aufgenommene Menge etwa im Vergleich zu der im Getreide nur winzig ist.

Wasservögel dürfen schon längst nicht mehr mit Bleischrot geschossen werden. Nun kommt in den Landesforsten, und damit auf zehn Prozent der Jagdfläche Niedersachsens, das Verbot von „Bleischüssen“ auf Schalenwild wie Rehe, Hirsche und Wildschweine hinzu – wie schon im Staatswald von Brandenburg und Berlin, Nordrhein-Westfalen, dem Saarland, Rheinland-Pfalz und neuerdings Baden-Württemberg. Der Umweltverband Nabu fordert seit Langem ein vollständiges Verbot von bleihaltiger Munition. „Blei schädigt das Nervensystem und die Nieren und wird als krebserregend eingestuft“, sagt Nabu-Präsident Olaf Tschimpke. „Jedes Gramm Blei ist eines zu viel.“

Mehrere Studien haben mittlerweile gezeigt, dass Büchsenpatronen etwa mit Kupfer oder Zink Bleigeschosse ersetzen können. So stellte eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie der Fachhochschule Eberswalde fest: „Für den Einsatz bleifreier Geschosse zeigt sich, dass die Herstellung tierschutzgerecht nachweislich möglich ist.“ Es gebe aber Qualitätsunterschiede, und die Autoren empfehlen „sicherzustellen, dass in der Praxis ausschließlich positiv geprüfte Produkte verwendet werden.“

Munitionshersteller wie Brenneke tüfteln denn auch weiter an Verbesserungen ihrer bleifreien Munition. „Wir favorisieren Zinn als Ersatzwerkstoff, auch weil es lebensmittelecht ist“, sagt Geschäftsführer Peter Mank in Langenhagen. Die Jäger komme eine Patrone rund 20 Prozent teurer zu stehen. Den Tieren blieben unnötige Qualen erspart, was unabhängigen Studien zufolge für manche Billigprodukte anderer Firmen nicht gilt. „Wir brauchen Klarheit für den Anwender“, heißt es denn auch bei der Landesjägerschaft. „Tierversuche in freier Wildbahn kann keiner wollen“, sagt ein Verbandssprecher.

„Man sollte die Sache nicht überstürzen,“ meint auch Jens Hepper, der als Ausbilder von Berufsjägern in Northeim seit einiger Zeit Erfahrungen mit der neuen Munition sammelt. Er selbst schieße mit einem teuren Kupfergeschoss und sei damit sehr zufrieden. Andererseits habe er beobachtet, dass beim Verwenden billiger Bleiersatzpatronen die Fluchtstrecken länger zu sein scheinen. So sei ein Wildschwein, obwohl es vom Schuss eines Jagdgenossen direkt ins Herz getroffen worden war, noch 1240 Meter gelaufen und dann erst verendet. Die Herzkammer sei nur angerissen gewesen, eine Bleipatrone dagegen hätte Heppers Ansicht nach auf der Stelle tödlich gewirkt. „Die Bleiersatzmunition ist ein Bereich, in dem wir noch viel Forschung brauchen“, sagt der Berufsschullehrer. „Die Tiere haben einen schnellen und schmerzlosen Tod verdient.“

Regionale Regeln

Das Jagdrecht des Bundes wird von regionalem Jagdgesetzen und Verordnungen ergänzt; zuständig für den Vollzug sind in Niedersachsen die Jagdbehörden bei den Landkreisen. Bundeseinheitlich geregelt ist beispielsweise, welche Tiere mit welchem Kaliber beschossen werden dürfen. Das Land wiederum legt jeweils Jagd- und Schonzeiten fest. Auch über die Bejagung einzelner Tierarten entscheiden die Länder. So ist beispielsweise in Niedersachsen die Jagd auf Rabenkrähen erlaubt, auch die anderswo streng geschützten Kormorane sind auf Drängen der Teichwirte per Landesverordnung zum Abschuss freigegeben, wenn die Naturschutzbehörde einverstanden ist. Zur Verwendung von bleifreier Munition im Landesforst gilt seit Anfang April ein Erlass, den Landwirtschaftsminister Christian Meyer im vergangenen Jahr mit einer Übergangsfrist angekündigt hatte. Er betrifft auch die Gästejagden des Landes, etwa im Saupark in Springe.

Von Gabriele Schulte

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