Afghanistan-Einsatz

Ein Jahr ohne deutsche Gefallene

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Foto:Der Kommandeur des Wiederaufbauteams in Kundus, Oberst Michael Mittelberg im Feldlager in Kundus.

Kundus - Ein ganzes Jahr lang fiel in Afghanistan kein deutscher Soldat mehr. Das ist ein Indiz dafür, dass sich die Sicherheitslage verbessert hat. Entschieden aber ist im Afghanistan-Krieg noch nichts.

Der Sprengsatz in der nordafghanischen Provinz Baghlan zerstörte den Schützenpanzer „Marder", ein Bundeswehr-Soldat starb. Am Samstag war genau ein Jahr seit dem Anschlag vergangen. Seitdem ist kein Deutscher mehr am Hindukusch gefallen. Dass die Truppe dort so lange keine Verluste zu beklagen hat, kam zuletzt 2007/2008 vor. Die Sicherheitslage im deutschen Einsatzgebiet im Norden, aber auch in anderen Landesteilen, hat sich nach Einschätzung der Militärs verbessert. Die Taliban sind geschwächt. Sie warten auf die Zeit nach dem offiziellen Ende des Nato-Kampfeinsatzes 2014.

52 deutsche Soldaten kostete der Afghanistan-Einsatz das Leben, 34 davon starben bei Anschlägen und Angriffen. Nirgendwo wurden mehr Deutsche von Aufständischen getötet als in der Provinz Kundus. Als die Bundeswehr Ende 2003 dort antrat, bezeichnete sie die Gegend als „ruhig, aber nicht stabil". Mit wachsender Gewalt wurde diese Einschätzung zu "weder ruhig noch stabil". Der Kommandeur des Wiederaufbauteams (PRT) in Kundus, Oberst Michael Mittelberg, sagt nun: „Aus meiner Sicht ist die Sicherheitslage ruhig und stabil."

Zwar gebe es für afghanische Regierungsvertreter „ein enormes Risiko für Anschläge", sagt Mittelberg, der die Zahl der „Hardcore-Aufständischen" in der Provinz auf 200 bis 300 schätzt. Insgesamt sei die Gewalt in Kundus aber deutlich zurückgegangen. „Der Trend ist signifikant. Ich rede da nicht von wenigen Prozenten." Er rechne damit, dass diese Entwicklung sich fortsetze.

„Wir sind im Prinzip in allen wichtigen Kennzahlen bezogen auf Aktivitäten der Aufständischen weit unter den Zahlen des letzten Jahres", sagt der Oberst. „Das kann man auch an den Verwundeten und Toten zum Beispiel des deutschen Kontingents (...) festmachen. Jetzt haben wir zwei komplette PRT-Kontingente gehabt, wo wir keinen Toten aufgrund von Einwirkungen von Aufständischen mehr zu beklagen haben."

Die Bundeswehr führt die verbesserte Lage auf mehrere Faktoren zurück. „Die afghanischen Sicherheitskräfte haben im Bereich Kundus deutlich an Effizienz gewonnen", sagt der Nachrichtenoffizier des PRT, der nicht namentlich genannt werden will. Durch gezielte Operationen von Spezialkräften sei die Führungsebene der Taliban außerdem „reduziert und verunsichert". Hinzu komme, dass die Aufständischen Kräfte sparten für die Zeit nach dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes. „Sie warten ab, was nach 2014 kommt."

Auch der Chef der Schutzkompanie des PRT, Hauptmann Sascha U., sagt: „Die Taliban müssen ja nur noch auf Zeit spielen. Die wissen, wir gehen in zwei Jahren hier raus. Sie wissen auch, ein direktes Gefecht gegen uns können sie nicht gewinnen."

Ihrer Abneigung verschaffen manche Gegner der Deutschen subtiler Ausdruck - etwa, indem sie Kinder dazu anstiften, Steine auf die Soldaten zu werfen. Hauptfeldwebel Tobias G. sagt: „In bestimmten Bereichen werden wir vermehrt auch mit Steinen beschmissen. Vorrangig werden kleinere Kinder im Alter von drei bis sieben Jahren in den Vordergrund gestellt, weil die genau wissen, dass Westeuropäer ein Problem damit haben, irgendwelche Mittel dagegen zu ergreifen."

Die Nato-geführte Schutztruppe Isaf sieht nicht nur im ohnehin relativ ruhigen Norden eine Verbesserung der Lage. Zwischen Februar und Ende April verzeichnete die Nato-geführte Isaf landesweit zehn Prozent weniger Angriffe auf ihre Soldaten und auf afghanische Sicherheitskräfte als im Vorjahreszeitraum. Die UN registrierten in den ersten vier Monaten 2012 mehr als 20 Prozent weniger zivile Opfer. Seit 2007 hatte deren Zahl stetig zugenommen.

Isaf-Sprecher Carsten Jacobson warnt allerdings vor voreiliger Euphorie. Die verbesserte Lage „darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Land weiter eine hochaktive, lernfähige und motivierte Widerstandsbewegung gibt, die mit terroristischen Methoden versucht, die Macht erneut an sich zu reißen", sagt der Bundeswehr-General.

Isaf-Kommandeur John Allen gab sich nach dem Nato-Gipfel in Chicago im Mai optimistisch. Die Taliban warnte er davor, auf einen Nato-Abzug zu spekulieren. Die Truppensteller hätten sich beim Gipfel unmissverständlich dazu bekannt, die afghanischen Sicherheitskräfte auch nach 2014 zu unterstützen, sagte der US-General. Das sei „die bislang deutlichste Botschaft, dass die Taliban und die Feinde des afghanischen Volkes diesen Krieg nicht gewinnen werden".

Zur allgemeinen Überraschung verkündeten die Taliban im Januar genau das: Ihren Sieg in Afghanistan. In einer „Siegeserklärung" feierten sie ihren „militärisch erfolgreichen Widerstand gegen eine gigantische internationale Allianz". Von einem Sieg der Taliban kann zwar keine Rede sein, eine Niederlage der Aufständischen ist allerdings ebenfalls nicht in Sicht. Die Parolen zeigen vor allem eines: Die Propagandaschlacht geht weiter. Und der Krieg in Afghanistan dauert an - vermutlich weit über 2014 hinaus.

dpa

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