Niederlande

Jahrelanges Mobbing: 20-jähriger Tim begeht Selbstmord

+
Foto: Im Alter von 20 Jahren begang Tim letzte Woche Selbstmord, hinterlassen hat er einen Abschiedsbrief der jahrelanges Mobbing als Grund für seinen Suizid nennt.

Den Haag - Verspottet, gemobbt, gehänselt, ausgeschlossen: Der 20 Jahre alte Niederländer Tim mochte ein solches Leben nicht länger ertragen. Doch keiner hatte etwas gemerkt.

Große dunkle Augen im schmalen Gesicht, modisches Stoppelhaar und ein freundliches Lachen: So blickt Tim Ribberink von seiner eigenen Todesanzeige. Weil ihn offenbar jahrelanges Mobbing in die Verzweiflung getrieben hat, hat der junge Niederländer sich das Leben genommen. Der Selbstmord des erst 20-Jährigen erschüttert die Niederländer, die gestern Abend bei einer Trauerfeier in bewegenden Szenen von ihm Abschied genommen haben.

Zu dieser Anteilnahme an Tims Schicksal ist es allerdings erst gekommen, weil seine Eltern mit ihrer Traueranzeige für den toten Sohn in der in Enschede nahe der deutschen Grenze erscheinenden Zeitung „Twentse Courant Turbantia“ das Land aufgerüttelt haben. In der Anzeige zitieren sie aus dem Abschiedsbrief ihres Sohnes: „Liebe Pap und Mam, ich wurde mein ganzes Leben lang verspottet, gemobbt, gehänselt und ausgeschlossen. Ihr seid fantastisch. Ich hoffe, dass ihr nicht böse auf mich seid. Auf Wiedersehen, Tim.“

Die Anzeige ist eine öffentliche Anklage an all jene, die Tim Ribberink wohl über Jahre hinweg gequält haben. Die Eltern überschrieben die Todesanzeige für ihren Sohn Tim mit den Worten: „Zur allgemeinen Kenntnisnahme: Mit dem Allerbesten, das wir hatten, ist uns das Schrecklichste widerfahren. Mit unbeschreiblichem Schmerz in unserem Herzen mussten wird Abschied nehmen von unserem ganzen Stolz: Tim Ribberink. Tim wurde nur 20 Jahre. Diesen Abschiedsbrief hat er uns hinterlassen.“ Dann folgen die letzten Zeilen, die Tim schrieb, bevor er sich umbrachte.

Im niederländischen Fernsehen wurde die Anzeige immer wieder gezeigt, die meisten niederländischen Zeitungen haben sie nachgedruckt. Für Zehntausende Niederländer war sie ein bestürzendes Signal. „Diejenigen, die Tim gemobbt haben, haben Blut an den Händen“, lautete eine Twitter-Reaktion im Internet. Und eine andere lautete: „Wann hört das endlich auf?“ Fassungslos sind auch Nachbarn und Bekannte im Wohnort der Familie, dem Dorf Tilligte bei Enschede. Keiner will etwas von Tims Leidensweg gemerkt haben. Dabei wurde er angeblich schon auf der Grundschule regelmäßig schikaniert, sagte ein Sprecher der Familie gegenüber der Tageszeitung „NRC.next“. Überall zwischen Groningen und Maastricht, zwischen Den Haag und Arnheim wird nun diskutiert, ob die Selbsttötung von Tim Ribberink hätte vermieden werden können – und was den 20-Jährigen dazu getrieben hat, als letzten Ausweg für sich nur noch den Freitod zu sehen.

Eine Antwort auf diese Fragen wollen vor allem seine Eltern Gerrit und Hetty Ribberink. Sie haben am gestrigen Dienstag Anzeige gegen unbekannt erstattet. Sie wollen, dass die Polizei eine oder mehrere Personen findet, die Tim Ribberink auf Kommunikationsplattformen wie Facebook oder Twitter, in genau jenen „sozialen“ Medien, die nun voller Beileidsbekundungen sind, regelmäßig verspottet und der Lächerlichkeit preisgegeben haben. Dort kursierten nämlich seit Langem Berichte über Tim Ribberink. Darin hieß es mal, er sei „ein Loser“, mal, er sei „schwul“ oder „ein Softie“.

„Bis du schwul, weil du keine Freundin hast?“ Auch der Eissalon „Happy Days“ in Denekamp an der deutschen Grenze, wo sich der Student Tim Ribberink ein paar Euro dazuverdiente, wurde im Internet durch den Kakao gezogen. „Es war 2010, als die ersten Berichte in den sozialen Medien auftauchten“, erinnern sich Martina und Henk Knol, die Eigentümer des Eissalons, in dem Tim Ribberink jobbte. „Wir haben sie aber nicht ernst genommen“, sagen sie. Tim sei „ein sehr zuverlässiger Mitarbeiter gewesen – immer pünktlich, immer höflich“, sagen sie. Manchmal hätten die Mädchen im Dorf ihn angemacht und gefragt: „Bis du schwul, weil du keine Freundin hast?“ Aber solche Sticheleien seien doch normal. „Wir haben uns nichts dabei gedacht“, behaupten Tims frühere Arbeitgeber.

Auch an der Hochschule von Windesheim nahe Zwolle, wo Tim Geschichtswissenschaften studierte, um Lehrer zu werden, haben weder seine Professoren noch der Direktor etwas davon gemerkt, dass Tim Ribberink unter stetem Mobbing seiner Kommilitonen gelitten haben könnte. „Wir sind alle schockiert. Niemand hat das für möglich gehalten. Tim war ein ganz normaler Student“, wird Lex Stomp, der Direktor der Hochschule, in der Zeitung „De Telegraaf“ zitiert.

„Tim trank kein Bier. Er ging nicht wie seine Altersgenossen zum Tanzen in eine Disco. Er war fast immer allein. Er war ein Außenstehender. Er hatte keine feste Freundin wie andere Jungs in seinem Alter“, wird Tims Onkel Theo in einem Interview zitiert, in dem er die Sicht der Provinzbevölkerung mit dem Satz resümiert: „Tim war schon etwas seltsam.“ Andere Einwohner aus Tims Heimatdorf Tilligte, einem 800-Einwohner-Ort direkt an der deutschen Grenze nördlich von Enschede und Bad Bentheim, berichten, dass Tim Ribberink die Gesellschaft von älteren Menschen vorzog und die seiner Altersgenossen mied. ,,Mit seiner Oma ging er oft in den Zoo“, berichtet eine Nachbarin im „Telegraaf“. „Tim war immer lieb und brav sowie höflich zu jedem. Aber mit Jugendlichen aus seinem Alter hatte er so gut wie keinen Kontakt. Er war ein Einzelgänger.“

Die Symptome zu erkennen ist schwer „Die Umwelt nimmt die Symptome meistens nicht wahr“, sagt der Psychologe und Mobbing-Experte Bob van der Meer. Zehn Prozent der niederländischen Kinder und Jugendlichen würden gemobbt. „Es gibt unzählige Jugendliche, die sich mit dem Gedanken tragen, sich das Leben zu nehmen, weil sie ständig von anderen gemobbt werden“, sagt der Psychologe. „Mobbing wird total unterschätzt. Vor allem Menschen, die sehr sensibel sind, können daran zerbrechen.“

Die Niederländer sprechen, durchaus treffend, von „Pesten“: Mit Worten werden die Opfer verseucht, und sie können sich oft nicht gegen diese Pest wehren. „Aber man kann etwas tun“, versichert van der Meer. Seit 2006 müssen niederländische Schulen ein sogenanntes Mobbing-Protokoll führen. Das sei aber zu wenig, sagt van der Meer. „Wir werden aufgerüttelt von so einem Fall, doch dann geschieht nichts.“

Die Signale der Opfer sind so schwer zu erkennen, weil sie nicht laut um Hilfe rufen. Das tat Tim auch nicht. „Du hattest nicht immer Rückenwind“, schreibt Tims Familie in einer anderen Todesanzeige. „Doch du hast dir nie etwas anmerken lassen, und wir konnten nicht in dich hineinschauen. Jetzt hast du uns tief im Innersten berührt.“

von Helmut Hetzel und Annette Birschel

Kommentare