Hildesheimer Dom

Ein jahrtausendaltes Juwel des Nordens

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Foto: Befreit von allen möglichen An- und Umbauten der Nachkriegsjahre: Der Hildesheimer Dom hat einen ganz neuen Charakter. Unter anderem hängt der berühmte Hezilo-Leuchter wieder mitten im Raum.

Hildesheim - Vier Jahre wurde er saniert, insgesamt 37,2 Millionen Euro flossen in das Weltkulturerbe: In einer Woche öffnet der Hildesheimer Dom wieder. Die ersten Einblicke gab es bereits.

„Endlich haben wir wieder ein Dach über der Seele“, seufzt Hans-Georg Koitz, Bauherr des größten Kirchenbauprojektes der jüngsten Zeit in Deutschland. Das Dach, das Domkapitular Koitz meint, wirkt viel lichter und leichter. Überhaupt: Beeindruckend ist vor allem das geradezu göttliche Licht, das von überall in den hellen, von ranken Säulen gegliederten Raum dieser jahrtausendalten Kirche strömt. Ein wenig LED-Technik „zaubert“ mit. Der sanierte Dom zu Hildesheim, der früher einige düstere Ecken hatte, wirkt fast mediterran. Auch für Nichtgläubige ein neues Juwel des Nordens.

Am Donnerstag haben Weihbischof Koitz und Generalvikar Werner Schreer das erneuerte Gotteshaus der Öffentlichkeit vorgestellt. Am Freitag kommender Woche, wenn die Katholiken das Fest der Himmelfahrt Mariens feiern, wird der Dom wieder eingeweiht, in dem vier Jahre nur die Handwerker das Sagen hatten. Der Termin ist passend, denn St. Maria Himmelfahrt heißt der Dom. Gut 37,2 Millionen Euro hat die Sanierung des Bauensembles gekostet. Umplanungen, ausgiebige ärchäologische Funde sowie die Erneuerung des gesamten Platzes rund um den Dom ließen das Projekt teurer werden als ursprünglich geplant. „Aber die großartige Beteiligung von öffentlichen Geldgebern wie auch privaten Spendern zeugt, dass der Dom als Weltkulturerbe auch von Leuten geschätzt wird, die nicht zu den Kirchgängern zählen“, sagt der Generalvikar. Er ist guten Mutes, dass auch die Katholiken „ihren“ Dom schnell wieder ins Herz nehmen werden.

Dafür haben der Kölner Architekt Johannes Schilling und Dombaumeister Norbert Kesseler viel getan. Sie haben den Dom befreit von allen möglichen An- und Umbauten der Nachkriegsjahre. Die Architekten haben die Kathedrale sogar dreißig Zentimeter tiefergelegt, auf ihr ursprüngliches Niveau - und so einen ganz neuen Raumeindruck geschaffen.

Denn der alte Dom war in erster Linie ein Produkt der späten fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts: Schwere, braune Holzdecken, ein schweres, dunkles Kirchgestühl, eine schwere Orgelempore, die über dem Eingang hing, dazu ein dunkler Marmorfußboden. So hatten die Hildesheimer zwischen 1950 und 1960, unter Entbehrungen und großen Mühen, ihren Dom wiederhergestellt, den die Bomben des Zweiten Weltkrieges bis auf die Grundmauern zerfetzt hatten. Die jetzt geschehene gründliche Rekonstruktion unterstreicht den romanischen Charakter noch stärker. Vor allem der warme, fast cremefarbige Boden aus Elbsandstein gibt dem Kirchengebäude eine ganz andere Charakteristik. Schlicht ist schön. Das gilt auch für den neugestalteten Altar aus tonnenschwerem Anröchter Dolomitfels, den der Bildhauer Ulrich Rückriem geschaffen hat.

Die zurückhaltende Innenarchitektur lässt die wenigen, weltberühmten Kunstwerke des Hildesheimer Domes noch deutlicher in den Blick rücken. Die Tintenfassmadonna, frisch restauriert, grüßt jetzt von links den Domgast. Der berühmte Hezilo-Leuchter aus dem 11. Jahrhundert hängt jetzt wieder mitten im Kirchenraum, rechts neben dem Altar steht die Christussäule, die zwischenzeitlich an die evangelische Michaelis-Kirche „ausgeliehen“ war, auch ein Unesco-Weltkulturerbe. Die berühmte Bernwardstür aus dem Jahre 1015 ist von der westlichen Außenwand an ihren ursprünglichen Platz im Eingangsbereich zurückgekehrt. An sie wird Bischof Norbert Trelle in acht Tagen schlagen, wenn der Dom in einem feierlichen Gottesdienst wieder eingeweiht wird.

Von innen zu sehen ist jetzt auch ein Gewächs, das über Hildesheim hinaus zum Symbol des steten Neuanfangs geworden ist: der Hildesheimer Rosenstock. Er rankt sich bis zu den Fenstern der Apsis hinauf. Vierhundert Jahre ist er garantiert alt. Der Legende nach sogar 1000.

Die Liste der Unesco

Sechsmal Weltkulturerbe: Der Hildesheimer Mariendom ist eines von sechs Unesco-Weltkulturerbestätten in Niedersachsen. Auch deshalb steuerten Bund, Land sowie Stiftungen wie Klosterkammer und andere Institutionen mehrere Millionen Euro zu der Grundsanierung bei. Die benachbarte evangelische Michaelis-Kirche gehört ebenfalls zum Weltkulturerbe. Beide Kirchen zählen zu den berühmtesten romanischen Bauwerken nördlich der Alpen. Weitere Weltkulturerbestätten sind nicht weit von Hildesheim entfernt: Auch die Fagus-Werke in Alfeld, eine vom Bauhaus-Gründer Walter Gropius konstruierte Fabrikanlage, hat die Unesco in ihre Liste aufgenommen. 1992 wurden zudem die Altstadt Goslar und das Erzbergwerk Rammelsberg, das 1988 als Produktionsstätte stillgelegt wurde, zum Weltkulturerbe erklärt. Später kam noch das Oberharzer Wasserregal dazu. Das Wattenmeer zählt obendrein zum Weltnaturerbe der Unesco.

1200 Jahre Geschichte

Ein Opfer der Bomben: Auf dem Areal des Domes entstand 815, als das Bistum Hildesheim gegründet wurde, zunächst eine Marienkirche. Ihr folgte eine Basilika mit zwei hohen Türmen, von der noch Fundamentreste zeugen. 872 wurde der Dom als dreischiffige Basilika erbaut. Im 11. Jahrhundert, nach einem schweren Brand, entstand ein Neubau, der immer überbaut wurde, sodass sich Romanik, Gotik und Barock in der Kirche wiederfanden. Kurz vor Kriegsende, am 22. März 1945, wurde der Dom bombardiert und brannte fast vollständig aus. 1950 wurde der Wiederaufbau beschlossen.

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