Atomkatastrophe in Fukushima

Japans verdrängte Tragödie

+
„Die Jungen sind alle weg, sie sind über ganz Japan verteilt“: Ein Ehepaar besucht kurz vor dem Jahrestag der Katastrophe mit Gesichtsmaske und Schutzanzug seine ausgestorbene Heimatstadt Namie in der Sperrzone Fukushima.

Fukushima - Zwei Jahre nach der Katastrophe von Fukushima versuchen die Japaner weiterzumachen, als sei nichts passiert - auch in der Atompolitik.

Ichiro Kowata schippt Schnee. Langsam arbeitet sich der 76-Jährige den Weg zwischen den weißen Wohncontainern entlang. Zwei andere betagte Männer haben ihre Schaufeln an die Wand gelehnt und machen rauchend Pause. „Außer uns Alten ist fast niemand mehr hier“, schnauft Kowata. „Aber irgendjemand muss den Schnee ja wegräumen.“

Dass die Stadtverwaltung die kleine Containersiedlung am Stadtrand von Fukushima vergessen hat, überrascht die Alten nicht. Sie sind Evakuierte aus der Sperrzone um das verunglückte Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi und wissen, dass ihre Mitmenschen nur ungerne an die Katastrophe erinnert werden. Zwei Jahre ist es her. Am 11. März 2011 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 9,0 um 14.36  Uhr den Norden Japans. Die Erschütterung löste einen gewaltigen Tsunami aus, verwüstete ganze Landstriche, forderte rund 18.500 Menschenleben und verursachte den schwersten Nuklearunfall seit Tschernobyl. Die wirtschaftlichen, politischen und menschlichen Folgen des Unglücks sind noch lange nicht bewältigt, doch die japanische Öffentlichkeit wendet sich lieber wieder anderen Themen zu. Das Unglück, gerade noch als nationales Trauma beweint, wird verdrängt – und viele Opfer fühlen sich im Stich gelassen.

„Japan versucht weiterzumachen, als sei nichts passiert“, klagt Ichiro Kowata. „Und wir sitzen hier und warten, was mit uns geschehen soll.“

Kowata: Die Jungen sind alle weg

Von den ehemals 6000 Bewohnern seines Heimatortes Itate leben noch etwa 200 in den Notbehausungen, die der Kraftwerkbetreiber Tepco gebaut hat. Kowatas Container hat zwei enge Zimmer und eine winzige Kochecke. Wenn er nachts seine Matratze ausrollt, muss er erst den Tisch zur Seite schieben. 100.000 Yen (825 Euro) bekommt er von Tepco jeden Monat für seinen Lebensunterhalt. Weil das nicht reicht, verbraucht er nach und nach seine Ersparnisse. „Die Jungen sind alle weg, sie sind über ganz Japan verteilt, um sich ein neues Leben aufzubauen“, erzählt Kowata. Seine Tochter wohnt heute in Yokohama, sein Sohn, mit dem er einst gemeinsam den Bauernhof der Familie bewirtschaftete, hat in einer anderen Stadt einen Job als Bauarbeiter gefunden. Kowata aber will die Hoffnung nicht aufgeben, eines Tages in sein Dorf zurückzukehren.

In zwei Jahren sollen alle Häuser und Felder in Itate dekontaminiert sein, verspricht Tepco, auch eine Entschädigungslösung soll bis dahin gefunden sein. „Ich möchte das gerne glauben, aber es fällt mir schwer“, gesteht Kowata. Selbst wenn er und sein Sohn eines Tages wieder den Familienhof bestellen sollten: Wer kauft noch Reis und Obst aus Fukushima?

Der Name Fukushima, den sich die Zwei-Millionen-Einwohner-Präfektur, ihre Hauptstadt und das Unglückskraftwerk teilen, liegt über der Region wie ein Fluch. Er steht nicht nur für eine Tragödie, sondern auch für Japans Unfähigkeit, sie zu bewältigen. Dabei hatten die Japaner stets geglaubt, ihr Land sei auf Naturkatastrophen bestens vorbereitet. Doch Fukushima hat das Gegenteil bewiesen.

Die Katastrophe als politisches Instrument

Die Behörden waren wie gelähmt. Statt effektive Notfallpläne zu aktivieren, wurde gepfuscht und vertuscht. Die Oppositionsparteien nutzten die Krise, um die Regierung der Demokratischen Partei zu demontieren und schließlich Neuwahlen zu erzwingen. Seit Dezember regieren wieder die Liberaldemokraten (LDP), deren jahrzehntelange Herrschaft noch kurz vorher für Zerfall und Verkrustung des Staatsapparats verantwortlich gemacht wurde. Zwar verspricht Premier Shinzo Abe, Dekontamination und Wiederaufbau voranzutreiben. Doch außer einem Hoffnungsschimmer ist in den Katastrophengebieten noch nichts angekommen.

„Im ersten Jahr nach dem Unglück gab es hier noch viel Kampfeswillen, aber inzwischen ist die Stimmung in Depression umgeschlagen“, sagt Satoshi Nemoto, Vorsitzender von Fukushimas Bauernverband. Sein Büro in einer großen Lagerhalle war einst die Schaltzentrale einer Region, die für ihre landwirtschaftlichen Produkte berühmt war. Heute operiert hier ein Testlabor, in dem die Bauern ihre Ernte auf Radioaktivität prüfen lassen können. Die Anlagen hat der Verband von Spendengeldern gekauft, Hilfe von der Regierung oder Tepco erhält er nicht.

Die Landwirte sind auf sich allein gestellt

Viele Produkte aus der Region seien unbedenklich, versichert Nemoto. Doch er gibt zu, dass die Probleme gewaltig sind. „Die radioaktive Wolke ist über weite Teile von Fukushima gezogen, und eigentlich müssten alle Felder dekontaminiert werden“, erklärt er. Mehrere Zentimeter Erde müssten dafür abgetragen werden. Doch weil das bisher nicht geschehen sei und die Landwirte auch keine Entschädigung erhalten, hätten sie begonnen, ihr Land neu zu bestellen – obwohl die radioaktiven Partikel durch die Bewirtschaftung immer tiefer in den Boden gelangen.

„Das ist natürlich verheerend“, sagt Nemoto, „aber unsere Bauern sehen für sich einfach keine andere Chance.“ Der Verband könne nicht mehr tun, als sie zu beraten, welche Pflanzen wenig Radioaktivität speichern. Obst und Getreide sind besser geeignet als Wurzelgemüse oder Pilze. In einem Verkaufsraum präsentiert Nemoto Erzeugnisse, die den Strahlungstest bestanden haben: Äpfel, Kürbisse, Nüsse. Doch verkaufen lassen sie sich schwer, und wenn, dann nur zu niedrigen Preisen. Für die Skepsis der Kunden hat Nemoto Verständnis. Das miserable Krisenmanagement habe jegliches Vertrauen zerstört. Die lokale Regierung stritt nach der Katastrophe die Verstrahlung strikt ab, und der Verband vertraute den Behörden. Von Radioaktivität hatten die Landwirte schließlich keine Ahnung. Als dann das Ausmaß des Problems bekannt wurde, begannen Politiker und Kraftwerksbetreiber einander gegenseitig die Verantwortung zuzuschieben – und die Interessen der Bauern blieben auf der Strecke. „Beide Seiten kämpfen gegeneinander“, sagt Nemoto, „aber für uns kämpft niemand.“

Ähnlich vehement wird um die Bewertung des Krebsrisikos durch die erhöhte Strahlenbelastung gestritten. Drei Fälle von Schilddrüsenkrebs und sieben Verdachtsfälle hatten japanische Mediziner bis Mitte Februar bei Reihenuntersuchungen von Kindern aus Fukushima festgestellt. Die Organisation Ärzte ohne Grenzen warnt, dass es in den kommenden Jahren mindestens 10.000 Krebserkrankungen in der Region geben werde – die Weltgesundheitsorganisation winkt ab, das allgemeine Risiko sei gerade mal um einen Prozentpunkt gestiegen.

Koriyama: "Die deutschen Grünen sind eine Inspiration"

Ganz allein sind die Bauern dennoch nicht. In einer unscheinbaren Wohnung im Herzen Tokios hat Japans Grüne Partei ihre Zentrale eingerichtet. Über dem Konferenztisch hängt ein Plakat mit der deutschen Aufschrift „Atomkraft? Ich bin doch nicht blöd!“ – ein Geschenk von Reinhard Bütikofer, einer von mehreren deutschen Grünenpolitikern, der die japanische Schwesterpartei berät. „Die deutschen Grünen sind für uns eine große Inspiration“, sagt Masaya Koriyama, einer der Parteigründer, und meint damit nicht nur den Erfolg, sondern auch die von zahlreichen Rückschlägen begleitete Entstehungsgeschichte der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung. Den japanischen Grünen scheint ein ähnlich mühsamer Weg bevorzustehen.

„Wir wollen keine Ein-Themen-Partei sein, aber unser wichtigstes Anliegen ist natürlich der Atomausstieg“, sagt Koriyama. „Wir glauben, dass bis 2020 alle Kernkraftwerke abgeschaltet sein können und Japan auf dem Weg sein kann, seinen Strom vollständig aus erneuerbaren Energien zu gewinnen.“

Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Der neugewählte Premier Shinzo Abe hat angekündigt, Japans Atomkraftwerke wieder hochfahren und womöglich sogar neue Kernreaktoren bauen zu wollen. Derzeit sind nur zwei der insgesamt 50 Meiler aktiv, die vor der Fukushima-Katastrophe 26 Prozent des japanischen Stroms lieferten. Mit der Rückkehr zur Kernenergie will Abe Japans Abhängigkeit von Öl- und Gasimporten reduzieren und der krisengebeutelten Wirtschaft helfen. Abes Wahlsieg im Dezember gilt als großer Erfolg für die Kernkraft-Lobby, denn die bis dahin regierenden Demokraten hatten in ihrem Wahlprogramm einen vagen Ausstiegsplan und erlitt damit eine krachende Niederlage. 56 Prozent der Japaner unterstützen Abes Pläne, zeigte kürzlich eine Meinungsumfrage der Zeitung „Mainichi Shimbun“. Nur 26 Prozent fordern einen Automausstieg.

Nudeln und Blogs

Die Menschen in den verseuchten Regionen müssen für sich selbst kämpfen. „Bürgerliches Engagement hat in Japan wenig Tradition, aber jetzt merken wir, dass wir es dringend brauchen“, meint Sakae Akaishizawa. In Itate betrieb er früher ein Nudelrestaurant. Vor einigen Monaten hat er es in dem Containerdorf am Rande von Fukushima neu eröffnet.

Auf dem Tresen hat der Mittfünfziger neben Schüsseln, Essstäbchen und Gewürzflaschen seinen Computer aufgestellt. Wenn er keine Gäste hat, kümmert er sich um seinen Blog, in dem er Informationen zur Nuklearkatastrophe zusammenträgt. „Unsere Regierung, Tepco und die großen Medien stecken unter einer Decke“, sagt er. „Sie wollen sich mit dem Unglück nicht mehr beschäftigen müssen.“ Weil er das nicht zulassen will, sammelt Akaishizawa Erfahrungsberichte und wissenschaftliche Ergebnisse, schreibt Schulen an und lässt Informationsbroschüren drucken. „Die Katastrophe hat uns zu Laborratten des nuklearen Zeitalters gemacht“, sagt er. „Jetzt haben wir die Verantwortung, das Land an uns zu erinnern.“

Bernhard Bartsch

Kommentare