Frauen bei der Bundeswehr

Jawohl, Frau Hauptmann

+

Hannover - Die Männerdomäne Bundeswehr steht im Ruf, es den Frauen nicht leicht zu machen. Was ist da dran? Eine Soldatin erstattet Rapport.

Die Situation ist heikel, sie erfordert rasche Klärung. Die schwere Flügeltür ist nur noch wenige Meter den Gang runter entfernt, Frau Hauptmann Nadine Franke hat sie fest im Blick. Neben ihr taucht ein Soldat auf; groß, breites Kreuz, kein Wort. Seite an Seite schreiten sie nun auf die verschlossene Pforte zu, und die Frage ist: Wer hält wem die Tür auf? Draußen, jenseits der dicken Kasernenmauern, würde er jetzt sagen „Ladies first“, sie „danke“, er „gern“. Aber nicht hier, am Sitz der 1. Panzerdivision in Hannover. Der Soldat wirft einen diskreten Blick auf die Schulterklappen von Frau Hauptmann Franke, zählt drei Sterne – und nickt, während ihm die Soldatin die Tür aufhält. Die Geste obliegt demjenigen mit dem höheren Dienstgrad. „Ich halte hier sehr viele Türen auf“, sagt Nadine Franke.

Der lange Marsch

1955: Als die Bundeswehr gegründet wird, bleiben Frauen von allen militärischen Aufgaben ausgeschlossen. Das Grundgesetz hält in Artikel 12 a fest: Frauen „dürfen auf keinen Fall Dienst mit der Waffe leisten“. In der zivilen Wehrverwaltung dürfen sie arbeiten. 1975: Die Regierung beschließt, approbierte Ärztinnen, Zahnärztinnen, Tierärztinnen und Apothekerinnen als Sanitätsoffiziere einzustellen. 1988: Frauen aus den genannten Berufen dürfen ohne Approbation als Sanitätsoffiziersanwärter antreten, der Militärmusikdienst wird geöffnet.2000: Der Europäische Gerichtshof entscheidet, dass Frauen nicht vom Dienst mit der Waffe ausgeschlossen werden dürfen. Im Artikel 12 a GG heißt es nur noch: „Frauen dürfen auf keinen Fall zum Dienst mit der Waffe verpflichtet werden.“

sus

Die junge Frau, 29 Jahre alt, ist eine von wenigen Frauen bei der Bundeswehr im Rang eines Hauptmanns. Sie ist überhaupt eine von wenigen Frauen bei der Bundeswehr. Von den rund 186 000 Soldaten sind etwa zehn Prozent Frauen, und die Zeitsoldatin Nadine Franke war eine der ersten. Vor elf Jahren, gleich nach dem Abitur, ließ sie sich verpflichten. „Ich wollte eine Arbeit, die Abwechslung bietet, mich körperlich fordert, ich wollte Verantwortung übernehmen.“ Ihr Opa schüttelte damals den Kopf. Heute findet er, dass das schon passt, die Enkelin und die Bundeswehr.

Aber es gibt offenbar noch eine Menge Leute, die nichts halten von Frauen bei der Armee. Auch Leute, die selbst in der Armee sind. Kürzlich wurde, nach fast einem Jahr in der Schublade des Verteidigungsministeriums, eine Studie des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr veröffentlicht. Bei der Lektüre gewinnt man hier und da den Eindruck, die Bundesrepublik unterhalte ein Macho-Militär. Denn von den 3058 befragten Soldatinnen kreuzten 55 Prozent an, schon mal sexuell belästigt worden zu sein. Meist störten sie sich an Zoten und Sprüchen. Aber drei Prozent der Soldatinnen gaben an, mindestens einmal Opfer sexueller Nötigung oder Vergewaltigung in der Bundeswehr geworden zu sein. Das sind 91 Frauen.

Liegt der Verdacht auf ein Sexualdelikt in der Armee vor, ist die öffentliche Aufmerksamkeit aus gutem Grund groß. Zuletzt gerieten zwei Kasernen in Bückeburg in die Schlagzeilen. Nach einer möglichen Vergewaltigung stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen im vergangenen Jahr ein, weil sich keine Spur von einem Täter finden ließ. Und kürzlich, in einem zweiten Fall, widerrief eine Soldatin den zuvor erhobenen Vorwurf der sexuellen Nötigung. Die Fälle haben wohl nichts miteinander zu tun; außer, dass sie beide Spekulationen auslösen. Gab es Druck? Will jemand was vertuschen? Schürt womöglich auch einmal eine Frau gezielt Misstrauen gegenüber den Soldaten? Im ersten Fall, so viel steht fest, erhielt die Soldatin Rückhalt und Hilfe von ihren Kameraden, nachdem sie Anzeige erstattet hatte. Im zweiten Fall hält die Bückeburger Staatsanwaltschaft den Widerruf der Soldatin für plausibel; ihre Aussagen über eine erfundene Nötigung stimmen mit den Erkenntnissen der Ermittler überein. Das Verfahren wird eingestellt.

91 Einzelfälle? Die Bundeswehr jedenfalls stellt Übergriffe auf Frauen als Einzelfälle dar. Ein unleugbar allgemeines Problem ist jedoch das Unbehagen der Männer an der Unisex-Armee. Mehr als jeder zweite erwartet der Bundeswehrstudie zufolge eine Zunahme von Problemen in der Truppe – jetzt, da immer mehr Frauen hinzustoßen. Ein Drittel der Soldaten fürchtet den „Verlust von militärischer Kampfkraft im Zuge der Integration von Frauen“, und jeder fünfte lehnt Frauen in Führungspositionen grundsätzlich ab. Und ausgerechnet in solch einem feindlich gesinnten Klima findet Nadine Franke berufliche Erfüllung?

Leises Klopfen an der Tür des Besprechungsraums, ein Herr in Flecktarn tritt herein, setzt zwei Tassen Kaffee ab, geht wieder. „Ich bin erstaunt über die Zahlen der Studie“, sagt Nadine Franke. „Meine persönliche Erfahrung spiegelt sie nicht.“ Sie erzählt Anekdoten von ihren frühen Tagen beim Bund. Von den schlotternden Uniformen, die sie trug, weil es vor elf Jahren noch keine Kleidung eigens für Frauen gab. Von handgeschriebenen Zetteln – „Hier für Damen“ –, die an Türen zu provisorisch eingerichteten Toiletten klebten. Anekdoten eben, keine Leidensgeschichten. Nadine Franke sagt: „Frauen sind längst angekommen bei der Bundeswehr.“

Die Soldatin aus Sachsen ist eine besonnene, ihre Worte wägende Frau. Wenn sie einen Satz sagt, der vielleicht zu allgemeingültig klingt, wie ein Gesetz, dann fängt sie ihn schnell wieder ein. Etwa so: „Frauen sind längst angekommen bei der Bundeswehr – das ist jedenfalls meine Erfahrung.“ Nadine Franke ist gewiss angekommen bei der Bundeswehr. Sie war erst bei der Artillerie, hat an der Universität der Bundeswehr in Hamburg Pädagogik studiert und ist nun bei den Logistikern. Am Schreibtisch koordiniert sie den Einsatz von Fahrzeugen, Ausrüstung, Soldaten. Neben dem Sanitätsbereich ist die Logistik ein häufiger Einsatzort für Frauen beim Bund. „Je körperlich anspruchsvoller eine Truppengattung ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass Sie dort Frauen antreffen“, sagt die Soldatin.

"Trotz aller Sportlichkeit: Ich würde nicht bei einer solchen Spezialeinheit anfangen können"

Ist die Arbeitsteilung innerhalb der Truppe nun ein Ausweis für Mängel bei der Integration von Frauen? Sind sie erst voll integriert, wenn sie überall zu 50 Prozent vertreten sind? „Unwahrscheinlich, dass es jemals eine Frau zu den Kommando-Spezialkräften schafft“, sagt Franke. „Und trotz aller Sportlichkeit: Ich würde nicht bei einer solchen Spezialeinheit anfangen können – ich will mich auch gar nicht dahin trainieren und dann den Kameraden zumuten, auf meine körperliche Unterlegenheit immerzu Rücksicht nehmen zu müssen.“

Wenn Nadine Franke von Unterschieden zwischen Soldaten und Soldatinnen spricht, dann meint sie die körperlichen. Kraft, Ausdauer, Physis. Aber der körperliche Unterschied zwischen Männern und Frauen ist einer, der für Nadine Franke dann auch wieder keinen großen Unterschied macht. „Mag sein, dass der ein oder andere Kamerad über die körperliche Konstitution einer Kameradin schlecht redet – aber es wird doch auch über männliche Kameraden schlecht geredet.“ Nadine Franke vermutet, dass die Gesellschaft die Diskriminierung von Frauen mit mehrerlei Maß misst – und im Fall der Bundeswehr ein besonders strenges Maß anlegt.

Die Selbstwahrnehmung hängt ja immer auch vom Umfeld ab. In einem Abiturjahrgang ist eine junge Frau längst keine Besonderheit mehr – auf der Stube schon. Als Nadine Franke vor elf Jahren die Männerdomäne Bund betrat, kam sie sich plötzlich weiblicher vor als je zuvor. Das Frausein war nun mal das, was sie von beinah allen um sie herum unterschied. „Wie wirke ich nach außen? Darüber habe ich wohl viel mehr und auch kritischer nachgedacht als meine Kameraden.“ In der Studie über die Frauen beim Bund ist zu lesen, wie Soldatinnen sich ins Zeug legen, weil sie meinen, mehr leisten zu müssen als ihre männlichen Kollegen, um gleichermaßen akzeptiert zu sein. Nadine Franke sagt: „Ich denke, viele Frauen setzen sich selbst unter Druck.“ Und wie verschafft sie sich Akzeptanz und Autorität? „Indem ich Leistung bringe und Verantwortung übernehme.“ Und da gibt es keinen Frauen-Bonus? „Nein“, sagt Franke und bittet: „Bloß nicht.“

Man macht sich bei der Bundeswehr Gedanken über integrationsfördernde Maßnahmen. Erst recht jetzt, da den Streitkräften mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen eine Frau vorsteht; noch dazu eine, der das harmonische Miteinander ein besonderes Anliegen ist. Die Einführung weiblicher ­Uniformen ist da eine Idee, geschlechtsspezifisch formulierte Dienstgradbezeichnungen eine andere. Was hält Frau Hauptmann Franke davon? „Nichts. Ein Dienstgrad ist doch neutral. Und ich will nicht Kameradin sein, sondern Kamerad. Wie alle anderen auch.“

Soziologen sagen, dass die erste Generation einer Minderheit, die in neues Terrain vordringt, zurückhaltend auftritt, nicht groß auffallen möchte. Weil Unterschiede oft erst dann ihre trennende Kraft entfalten, wenn jemand sie ausspricht. Über Frauen bei der Bundeswehr wird wohl noch viel zu reden sein.

Kommentare