Kinderschutzsystem

Jede Woche drei tote Kinder

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Foto: „Die Kinder sterben unter den Augen der Wächter“: Tsokos und Guddat.

Berlin - Die Rechtsmediziner Saskia Guddat und Michael Tsokos beklagen das alltägliche Versagen des deutschen Kinderschutzsystems – und fordern Konsequenzen.

Yagmur wurde drei Jahre alt. Weihnachten stand vor der Tür, als sie qualvoll an inneren Blutungen und einer zerrissenen Leber in einer Sozialwohnung in Hamburg-Billstedt starb. Der kleine Körper war übersät mit Blutergüssen, die überschminkt waren, als die Rettungskräfte eintrafen. Der 25 Jahre alte Vater soll Yagmur totgeschlagen haben. Die 26 Jahre alte Mutter hat vermutlich weggeschaut.

Yagmur ist nicht der erste Fall von Kindesmisshandlung, der in den vergangenen Jahren öffentlich wurde. Auch Chantal, Jessica, Kevin oder Michel wurden berühmt, als es bereits zu spät war. Jede Woche sterben laut Polizeistatistik drei Kinder, weil sie in der eigenen Familie geschlagen, erniedrigt und gequält wurden. In vermüllten Wohnungen im Problemviertel oder in der Villa am Stadtrand. Etwa 70 Kinder werden jede Woche schwer misshandelt, aber überleben. Wohlgemerkt: ohne Berücksichtigung der Dunkelziffer.

Die Täter werden selten belangt. „Es ist immer das Gleiche“, sagt die Berliner Rechtsmedizinerin Saskia Guddat. „Weil nicht geklärt werden kann, ob der Vater oder die Mutter zugeschlagen hat, kommen beide frei.“ Wenn niemand verurteilt wurde, schickt das Familiengericht das Kind zurück zu seinem Peiniger. Besser wird meist nichts. „Sie hören nicht auf. Es sind Serientäter“, sagt Guddat.

Saskia Guddat kennt sich aus. Sie wird nicht nur zur Leichenschau gerufen, sondern auch in die Notaufnahme, wenn Klinikärzte bei der Versorgung verletzter Kinder stutzig werden. Sie erkennt, ob ein Kind vom Sofa gefallen ist oder geschlagen wurde. Sie kann sagen, ob der Hund oder die Mutter den Säugling gebissen hat – und ob die Brandwunde auf der Wange von einer ausgedrückten Zigarette stammt.

Weil sie es nicht mehr ertragen wollte, dass viele wegschauen, wenn Eltern prügeln, hat sie gemeinsam mit dem renommierten Leiter der Rechtsmedizin an der Charité in Berlin, Michael Tsokos, ein Buch über ihren Berufsalltag geschrieben. Es ist die erschütternde Klageschrift gegen ein System, das Kinderschutz verspricht, aber Tag für Tag versagt. „Es ist ungewöhnlich, dass jemand in diesem System aufsteht“, sagt Tsokos. „Aber wir wollen die Familienpolitiker und viele andere wachrütteln.“

Zum System gehören die Behörden, die das Kindeswohl schützen sollen. Yagmur wurde seit ihrer Geburt von verschiedenen Jugendämtern betreut. Zeitweilig wohnte sie bei einer Pflegefamilie. Im August vergangenen Jahres kam sie zurück zu den leiblichen Eltern, auf Wunsch der Mutter und mit Zustimmung einer Familienrichterin. Dabei hatte der Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel die kleine Yagmur bereits im Januar 2013 aufgrund „massiver Verletzungen“ an Kopf und Bauch für „hochgradig gefährdet“ erklärt. Püschel erstattete Anzeige; doch die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein – wenige Wochen später starb Yagmur.

„In allen bekannten Todesfällen waren Jugendämter längst in den Familien gewesen“, sagt Tsokos. „Die Kinder sterben unter den Augen der Wächter.“ In ihrem Buch schildern die beiden die Tricks der Eltern, mit denen Familienhelfer getäuscht werden. Mal wird der Sozialarbeiterin ein anderes gesundes Kind vorgeführt, während das Sorgenkind im Keller verhungert. Ein anderes Mal werden die Kinder regelmäßig mit Medikamenten ruhiggestellt und ins Bett gelegt, wenn ein Kontrollbesuch ansteht.

Es funktioniere, so meinen die beiden Mediziner, weil „das System“ fehlerhaft sei. Die schlecht bezahlten Familienhelfer sind häufig jung und unerfahren. Die Verbände, die sich im Auftrag der Jugendämter um die Familien kümmern, sind finanziell abhängig von den Ämtern. Wer die Empfehlung ausspricht, ein Kind aus der Familie zu nehmen, riskiert, seinen Auftrag zu verlieren. Zudem ist die Inobhutnahme eine teure Variante, die das Jugendamt aus Kostengründen gern vermeidet.

Saskia Guddat und Michael Tsokos fordern eine bessere Schulung der Kinderschützer. Sie plädieren für Gewaltschutzambulanzen, die jederzeit als versierte Ansprechpartner helfen, und eine verpflichtende Leichenschau für jedes tote Kinder. Sie wünschen sich von der Familienministerin eine Agenda für die nächsten Jahre. Die Reformen der vergangenen Jahre seien nur Flickschusterei gewesen, sagt Tsokos.

Doch wie erklärt er sich das Wegschauen? „Wir wollen nicht wahrhaben, dass nicht der ,Schwarze Mann‘, sondern die Eltern die Gefährlichen sind.“ Die Familie sei noch immer heilig. Dabei gehe es nicht um den Klaps auf den Po. Er habe Kinder kennengelernt, die geschüttelt wurden, bis sie blind waren. Er habe Kinder untersucht, die so geschlagen wurden, dass sie nie im Leben einen Schulabschluss schaffen werden. „Das Einzige, was sie zu Hause lernen, ist Gewalt.“ Aus den Opfern, die überlebten, würden dereinst oft selbst Täter.

Die Eltern von Yagmur sitzen seit Dezember in Untersuchungshaft. Die Hamburger Jugendhilfeinspektion kommt in einem internen Prüfbericht zu dem Ergebnis, dass die zuständige Mitarbeiterin des Jugendamts „gegen anerkannte Grundsätze guter Sozialarbeit“ verstoßen habe. „Der Tod des Mädchens geht uns allen sehr nahe, und wir wollen gemeinsam alles daransetzen, den tragischen Fall restlos aufzuklären“, erklärte der Leiter des zuständigen Bezirksamts im Dezember. Ein Satz, den die beiden Rechtsmediziner Tsokos und Guddat schon sehr oft gehört haben.

Saskia Guddat und Michael Tsokos: „Deutschland misshandelt seine Kinder“. 256 Seiten, Droemer Verlag, 19,99 Euro.

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