Förderunterricht vor der Einschulung

Jedes fünfte Kind hat Sprachprobleme

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Foto: Spielend Deutsch lernen: Sprachförderung durch Lehrer und Erzieher beginnt im Kindergarten und betrifft längst nicht nur den Nachwuchs aus Familien mit ausländischen Wurzeln.

Hannover - Viele Kinder bekommen bereits vor der Einschulung Förderunterricht – aber ob das Erfolg bringt, ist unklar

„Der Bär spielt Verstecken. Setze ihn vor den Stuhl“ Diese einfache Aufforderung versteht jeder fünfte angehende Erstklässler in Niedersachsen nicht. Bei komplexeren Anweisungen wie „Jetzt wird der Bär müde. Hole ihn zwischen deinen Füßen hervor und setze ihn auf deine Beine“ steigen viele Fünfjährige komplett aus. Wie das Kultusministerium gestern sagte, hatten von den knapp 70.000 Kindern, die im vergangenen August eingeschult worden sind, 12 845 zuvor ein Jahr lang einmal in der Woche Sprachförderunterricht – manche allein, andere in Kleingruppen. Aufgefallen waren ihre Deutschdefizite im Zuge des obligatorischen Sprachtests bei der Schulanmeldung. Manche Kommunen kombinieren die Prüfung auch mit der Schuleingangsuntersuchung beim Amtsarzt.

Auch in der Region Hannover hatte ein gutes Fünftel Nachholbedarf in Deutsch: 1800 der 10.300 Erstklässler in diesem Schuljahr hatten zuvor nach Angaben von Sprecher Nils Meyer an der Sprachförderung teilgenommen.

Die Zahl der Kinder, die Sprachförderung benötigen, steigt landesweit seit Jahren stetig. „Wir sehen darin die Notwendigkeit uns dieses Themas noch stärker anzunehmen“, sagte Susanne Schrammar, Sprecherin des Kultusministeriums. „Sprachförderung sollte so früh wie möglich beginnen.“ Auch bei der geplanten Neufassung des Kindertagesstättengesetzes werde man deshalb darauf ein Hauptaugenmerk richten.

Schrittweise ganztags

Alle 1200 Ganztagsschulen in Niedersachsen, die derzeit noch eingeschränkt freiwillige Nachmittagsangebote vorhalten, sollen zunächst schrittweise besser ausgestattet werden. Das hat Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) am Mittwoch im Landtag angekündigt. Nach dem neuen Ganztagsschulerlass, der in den kommenden Tagen vom Ministerium veröffentlicht werden soll, werde es vom Spätsommer an je Kind einen „Zuschlag“ bei der Zuweisung der Lehrerstunden an den Schulen geben. Dieser soll zunächst bei 60 Prozent eines bestimmten Anteils einer Lehrerstunde starten und dann auf bis zu 75 Prozent steigen. Für die meisten Schulen dürfte das einen Zuwachs an Lehrern bedeuten. Im ersten Jahr soll sich zudem die Situation an kleinen Ganztagsschulen verbessern. Bisher wurden Lehrerstellen für jede Klasse zugewiesen, künftig wird es für jedes Kind sein, das am Ganztagsunterricht teilnimmt. Aber auch Schulen mit wenig Teilnehmern sollen im ersten Jahr keinen Nachteil haben.

Heiligenstadt will es allen Schulen ermöglichen, den freiwilligen Ganztagsunterricht in einen teilweise oder vollständig verpflichtenden auszuweiten. Die Schulen könnten das unbürokratisch mit dem Ministerium regeln. kw

Nicht nur Deutschlehrer, sondern Pädagogen aller Fachrichtungen sollen zudem schon im Studium für Sprachentwicklung sensibilisiert werden. „Sprache ist der Schlüssel zum Bildungserfolg“, sagt CDU-Bildungsexperte Kai Seefried. „Gute Deutschkenntnisse ermöglichten es Kindern, an Bildungsangeboten überhaupt erst teilzunehmen.“ Deshalb dürfe das Land Fördermaßnahmen keineswegs zurückfahren. Das sei auch überhaupt nicht geplant, entgegnet das Ministerium. Bislang fehlen allerdings die Erkenntnisse, welchen Erfolg die Förderung bei den Grundschülern tatsächlich bringt.

„Die Effizienz dieser Programme muss überprüft werden“, betont auch Ina Korter (Grüne). Klar ist zumindest, dass Kinder aus bildungsferneren Schichten oder mit ausländischen Wurzeln größere Sprachschwierigkeiten haben als der Nachwuchs aus Akademikerfamilien. Der Kindergartenbesuch erhöhe das Sprachvermögen, heißt in einem Bericht des Ministeriums. Und erhöht die Chance auf Besserung. Denn auch Erzieher oder Kinderärzte erkennen oft Sprachdefizite. „Brüche machen Kinder das Leben schwer“, sagt Heiger Scholz vom Städtetag. Der Übergang von der Krippe in den Kindergarten oder von dort in die Schule sei auch ein Wechsel der Systeme. „Wir brauchen Bildung aus einem Guß für Null- bis Zehnjährige.“

Fit in Deutsch?

Alle angehenden Erstklässler müssen in Niedersachsen zum Sprachtest. Bei der Anmeldung an einer Grundschule – etwa 16 Monate vor dem eigentlichen Einschulungstermin – überprüfen Lehrer und manchmal auch Erzieher das Sprachvermögen der meist Fünfjährigen. Mitte bis Ende April werden alle Familien von Kindern, die bis zum 30. September des darauffolgenden Jahres sechs Jahre alt und damit schulpflichtig werden, zur Anmeldung eingeladen. Anfang Mai finden dann die ersten Tests statt, dazu gehört ein Gespräch mit Eltern und den Kindern. Wird dabei deutlich, dass die Sprachentwicklung altersgemäß ist, ist alles in Ordnung. Bestehen aber Zweifel, werden bei einer erneuten Überprüfung zwei Wochen später der aktive und passive Wortschatz des Kindes eingehender getestet. Die Fünfjährigen müssen beispielsweise zeigen, dass sie verstehen, ob sie ihr Kuscheltier auf oder unter einen Tisch legen sollen. Bis Juni erfahren die Eltern, ob ihr Kind Sprachförderung braucht. Sie beginnt in der Regel im Sommer vor der Einschulung. Üblich ist eine Stunde pro Woche, meist im Kindergarten.dö

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